Kulturkolumne

Motty Goldman sei Dank!

Sie war mir echt peinlich. Mütter sind zwar allen Teenagern peinlich, aber nicht alle Teenager besuchen Schulen mit der eigenen Mutter als Lehrerin und Konrektorin. Was immer meine Freunde anstellten, erlitt ich doppelt. Wenn sie tadeln musste, beschwerte meine Mutter sich zu Hause über meine Freunde – und die sich bei mir über meine Mutter. Mehrmals wollte ich beim Schulamt zwecks Wechsels der Institution vorstellig werden. Nur nimmt dort niemand eine Elfjährige ernst, wenn sogar der Schulrat keine Lust auf Ärger mit Frau Ossowski hatte.

So pflegte ich mein Peinlichkeitstrauma, liebte meine Mutter dennoch und trauerte, als sie zu jung starb. Es hätte mich stutzig machen sollen, wie viele ehemalige Schüler kondolierten. Aber erst das Schreiben eines Anwalts aus London, Jahre später, wirkte therapeutisch. Motty Goldman wollte per Facebook-Messenger wissen, ob ich mit der Lehrerin Frau Ossowski verwandt sei. Ich hatte zum Geburtstag meiner Mutter ein Jugendfoto von ihr gepostet, er habe sie erkannt.

Hatte sie ihn einst zu hart benotet?

Sofort kroch die Furcht hoch: Hatte sie ihn einst zu hart benotet? Die Eltern in die Schule zitiert? Den mir bis dato Unbekannten gar sitzen lassen? »Meine Mutter. Warum?«, entgegnete ich daher nur knapp.

Seine Antwort sei an dieser Stelle wortwörtlich wiedergegeben. Sie beleuchtet zwei im Deutschland vor einem halben Jahrhundert eher seltene Eigenschaften: die unbestechliche Menschenkenntnis meiner Mutter und ihre Vertrautheit mit Israel.

Alle Teenager schämen sich für ihre Mütter, aber irgendwann später schämen sie sich für ihre Scham.

Goldman schreibt: »Ihre Mutter habe ich niemals vergessen. Sie hat mich als Schüler unter ihre Fittiche genommen. Wir kamen aus Israel nach Berlin und ich direkt in die sechste Klasse der Grunewald-Grundschule – praktisch in die Arme der Frau Ossowski. Obwohl mein Deutsch das eines elfjährigen, vor wenigen Monaten nach Berlin gekommenen Kindes war, erkannte Ihre Mutter in mir etwas. Sie lud meine Eltern und mich zu sich nach Hause ein. Ich erinnere mich noch, dass ich das Beste anzog, was ich hatte … Eines Tages hat Ihre Mutter der Klasse den Unterschied zwischen einem ›starken‹ und einem ›schwachen‹ Verb erklärt. Dann fragte sie, wer weiß, ob ›haben‹ ein starkes oder ein schwaches Verb sei. Ich meldete mich und gab die richtige Antwort. Das hat die liebe Frau Ossowski schwer beeindruckt. Schon am nächsten Tag wusste die ganze Schule, dass Motty Goldman schwache und starke Verben erkennen kann, obwohl er erst vor wenigen Wochen aus Israel nach Berlin gekommen war.«

»Ihre Mutter war eine Autorität. Sie hatte Klasse«

Und weiter hieß es in der Messenger-Nachricht: »Ihre Mutter setzte sich dafür ein, dass ich eine Gymnasialempfehlung bekam. Das war zu der Zeit, als Ihre Mutter alles durchsetzte, was sie für richtig hielt. Obwohl viele Freunde andere Schulen wählten, bestand Ihre Mutter meinen Eltern gegenüber darauf, dass ich aufs beste Gymnasium gehe. Dort machte ich 1989 Abitur. Dann habe ich studiert und bin Rechtsanwalt in London geworden. Ihre Mutter war eine Autorität. Sie hatte Klasse.«

Vergangenen Freitag habe ich Motty Goldman gefragt, ob diese Zeilen in der »Jüdischen Allgemeinen« veröffentlicht werden dürfen. »Ja, sehr gerne, ich freue mich. Schabbat Schalom!«

Alle Teenager schämen sich für ihre Mütter, aber irgendwann später schämen sie sich für ihre Scham. Mit der Geschichte eines kleinen Jungen aus Israel endete das töchterliche Peinlichkeitsgefühl, und Friede ist eingekehrt in die Erinnerung an meine Mutter als Lehrerin.

Zahl der Woche

7 Wochen

Fun Facts und Wissenswertes

 28.07.2026

Literatur

Von der Liebe in Zeiten der ’Ndrangheta

In seinem Tatsachenroman erzählt der italienisch-jüdische Autor Roberto Saviano die Geschichte einer verschwundenen Frau

von Knut Elstermann  28.07.2026

Aufgegabelt

Marokkanische Bällchen

Rezepte und Leckeres

 28.07.2026

Meinung

Das ibug-Festival 2025 – eine sächsische Documenta?

Antisemitismus in der Kunst: Auf dem internationalen ibug-Festival in Chemnitz wurden im vergangenen Jahr Werke gezeigt, die antisemitische Klischees reproduzierten. Droht dieses Jahr eine Wiederholung?

von Vladimir Shikhman  28.07.2026

London

Boy George veröffentlicht israelsolidarischen Song »We Will Dance Again«

Der britische Sänger stellt in seinem neuen Reggae-Lied klar: »Ich stehe auf der Seite der Juden.«

von Imanuel Marcus  28.07.2026

New York

Carly Simon hat Parkinson

Die Sängerin und Songschreiberin mit jüdischem Familienhintergrund kämpft mit zwei gesundheitlichen Problemen. Trotzdem hat es sie es geschafft, ein neues Album aufzunehmen

 28.07.2026

Filmkritik

»Blutspur Antwerpen« – Ein Lehrstück in Sachen Antisemitismus

Keine einzige Rezension hat den Krimi bislang als das gewertet, was er ist: Ein rassistisches Machwerk in Gestalt einer »antisemitischen Parabel«

von Achim Bühl  27.07.2026

Musik

Und sie erinnern sich doch

Die Bayreuther Festspiele begehen ihr 150. Jubiläum mit Nachdenklichkeit

von Maria Ossowski  27.07.2026

Bayreuther Festspiele

Michel Friedman in Bayreuth: Neue Ära der Aufarbeitung beginnt

Um offen mit ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit umzugehen, haben die Bayreuther Festspiele Michel Friedman als Redner eingeladen. Der Publizist rief eine neue Ära des Erinnerns aus

 26.07.2026