Kino

Moses in Almeria

Keine Dicken, keine Kinder, keine Schwangeren, wir wollen Dünne und niemanden, der helle Haut hat!» Die Leute vom Casting bellen in ihre Megafone. Sie sortieren gnadenlos Menschen. Schließlich werden Statisten gesucht, die aussehen, als schufteten sie unter Ägyptens Sonne bis zum Umfallen. Die Bewerber schreckt das geforderte Profil nicht ab. Wer sich acht Stunden lang in andalusischer Hitze der endlosen Schlange von Kandidaten anschließt, um von Filmprofis vom Bart bis zum Ballen abgecheckt zu werden, der will ein Sklave sein.

Unweit der Sierra Nevada in Südspanien drehte Ridley Scott vergangenen Herbst und Winter den Großteil seines Moses-Epos Exodus: Götter und Könige. Jetzt braucht der Film nur noch Publikum. An Weihnachten ist Kinostart in Deutschland.

kulisse Jede Generation bekommt ihren Mosesfilm. Charlton Heston spielte Moses 1956 in Cecil B. DeMilles Die zehn Gebote. Jetzt ist Christian Bale dran. Neben ihm glänzt Sigourney Weaver. Das biblische Geschehen drängt sich auf als ebenso massentauglicher wie metaphorisch ergiebiger Filmstoff. «Israel bricht die Fesseln der Knechtschaft nicht durch Rebellion», wie die Bibel-Ausgabe des Paul-Pattloch-Verlages aus dem Jahr 1974 formuliert, die so alt ist wie der Hauptdarsteller. Der Glaube hilft. Und die List der Hebammen. Vom Pharao zur Rede gestellt, weil sie seinen Erlass ignorieren, männliche Neugeborene zu töten, antworten sie kühn: «Die hebräischen Frauen sind nicht wie die ägyptischen; sie bringen zum Leben, bevor noch die Hebamme zu ihnen kommt.»

Die Provinz Almeria bietet ideales Gelände für die Wüstenwanderung in die Freiheit. Die Betische Kordillere, das andalusische Faltengebirge mariner Herkunft, ist aufregend urzeitlich, spärlich bewachsen, dünn besiedelt und besonders aufnahmefähig für viele Projektionen. Unter anderem Eli Wallach ist in der Region filmisch groß geworden. Zwei glorreiche Halunken, der Abschluss von Sergio Leones Dollar-Trilogie, bedeutete 1966 für ihn den Durchbruch. Mit 98 Jahren erreichte Wallach, der am 24. Juni dieses Jahres verstarb, ein biblisches Alter – wie die Wüstenpflanzen am Set.

«Es wird Zeit, sich der Bibel zuzuwenden», findet Christian Bale. Ob der 40-Jährige sich intensiv ins Studium der Heiligen Schrift hineingekniet hat? Für die Mosesrolle genügt es kaum, wenn Schminke, Staub und Ehrgeiz die Poren füllen. Unerlässlich ist die Beschäftigung mit Ruben, Simeon, Levi, Juda, Issachar, Sebulun, Benjamin, Dan und Naphtali, Gad und Ascher, den Söhnen Israels, die voller Hoffnung nach Ägypten gekommen waren und die Vertreibung der Jakobstämme aus dem Reich am Nil um die Mitte des 13. Jahrhunderts v.d.Z. nicht vorhersehen konnten.

Scotts Trupp schlug die Zelte auf, wo vor 50 Jahren Clint Eastwood die Westernlegende Joe Für eine Handvoll Dollar gab. 15.000 verdiente er mit seiner Rolle. Ridley Scott investierte 43 Millionen Euro. Tausende Statisten sollen mitgemacht haben.

Breit wie Arizonas Highways sind die ausgetrockneten Ramblas für die Massenszenen, da verliert sich der Galopp im aufgewirbelten Staub. Doch nicht nur Darsteller, auch 400 Techniker müssen durchhalten beim Blitzeinsatz. Während etwa der Dreh für die 20-Millionen-Dollar-Produktion Lawrence von Arabien, die 1962 ins Kino kam, Almerias Karriere als Filmstadt zementierte und ebenfalls Spanien für Ägypten nahm, fünf Monate brauchte, schaffte Scott sein Pensum von Oktober bis Anfang Dezember 2013 in weniger als der Hälfte der Zeit.

landschaft Rund 70 Prozent des Bibelabenteuers dreht der Mythenspezialist (Prometheus, Gladiator) in der Naturkulisse, die selbst eine Filmschönheit ist, wie man sie sonst in Utah oder New Mexiko findet: Die andalusische Wirklichkeit ist nicht schlechter als der Zauber auf Zelluloid. Wie ein überirdisch flammender Schweinwerfer, der im Himmelsgewölbe sitzt, tastet die Abendsonne im farbintensiven Herbst – Scott hatte bereits Tempelsäulen aufgerichtet und Palmen gepflanzt am Trampelpfad zum Heiligtum – die Erdspalten zwischen der Sierra de Los Filabres und der Sierra Alhamilla ab.

«Und das da unten ist der Nil», sagt die Fremdenführerin, die Zaungäste während der Dreharbeiten mit Jeeps an das weiträumig abgesperrte Gelände gebracht hat für Fotostopps an Felsplateaus. Die Ebenen hat die Filmcrew usurpiert. Die Neugierigen betrachten die Kulisse rund um den ägyptischen Tempel am Fuß eines lehmgelben Berges. Das Kinopublikum wird in der flirrenden Fläche auch einen langen großen Strom sehen. Er entstand digital.

Nach Sonnenuntergang ist das Set von Gott und der Welt verlassen. Die Erde erholt sich, die Filmleute auch. Moses macht Pause. Er hat Ehefrau Sandra dabei und Töchterchen Emmeline. Jetzt wird gegessen – spät, wie es in Spanien Brauch ist. Christian Bale wurde am Abend des ersten Drehtages im Restaurant La Costa in El Ejido gesichtet, das eröffnete, als die ersten Spaghettiwestern entstanden, und das unbiblische Spezialitäten wie Gamba-Carpaccio anbietet. Es sollten schließlich nicht immer Pasta und Italowestern sein, die einem bei Almeria einfallen. Jetzt haben dort auch die Israeliten eine neue (Film-)Heimat gefunden.

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