Geschichtsforschung

Mörderische Mitmacher

Götz Aly wurde 1947 in Heidelberg geboren. Sein Vater war der ehemalige Hitlerjugend-Funktionär Ernst Aly. Foto: picture alliance/dpa

Jedes Jahr erscheinen auf dem deutschen Buchmarkt eine Menge neuer Titel zum Thema Nationalsozialismus. In den Blick genommen werden dabei aber meist nur ganz bestimmte Aspekte und Details, meint Götz Aly. Die »zentralste Frage aller deutschen Fragen«, so der renommierte deutsche Zeithistoriker, gerate dadurch aber in Vergessenheit, und zwar: »Wie konnte das geschehen?«

Sein neuestes Buch trägt genau diesen Titel und bringt seine bisherigen Forschungen zur zwölf Jahre andauernden Herrschaft der Nationalsozialisten und ihrer Vorgeschichte zusammen.

Der Impuls, sich überhaupt mit der Frage zu befassen, geht auf Alys Tochter zurück. Denn vor fast 30 Jahren, als sie ihren Vater darum bat, gemeinsam die KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen zu besuchen, fragte sie: »Sag mal, und bei alldem war Opa irgendwie dabei?« »Ja – irgendwie auch«, antwortete Aly damals. Seinen eigenen Vater, der in der Hitler-Jugend eine Karriere gemacht hatte, charakterisiert der heute 78-Jährige, der viel beachtete Bücher zur Wirtschaft und Gesellschaft des NS-Staats sowie zum Holocaust veröffentlicht hat, in seinem Buch als »unbedeutenden Mitläufer«.

Die Person Ernst Aly steht auf den über 760 Seiten von Wie konnte das geschehen? definitiv nicht im Zentrum. Knapp eingestreut ist seine Biografie in das Buch aber immer wieder. Vielleicht hätte sie etwas ausführlicher dargestellt werden können. In jedem Fall aber ist ein solcher autobiografischer Bezug in der deutschen Geschichtsschreibung zum Nationalsozialismus eher selten.

Den gesellschaftlichen Rückhalt konnte das Regime durch seine Verbrechen vergrößern

Zumindest unter nichtjüdischen deutschen Historikern ist es nach wie vor unüblich, über die Verstrickung und Täterschaft der eigenen Verwandtschaft zu schreiben und damit über die, wie Aly schreibt, vielen »aktiven, gefügigen oder stillen Mitmacher, die Ideengeber, Organisatoren, Helfershelfer und Vollstrecker des nationalsozialistischen Massenmordens« auch aus der eigenen Familie.

Götz Aly fasst die Geschichte seines Vaters so zusammen: 1937 wurde Ernst Aly NSDAP-Mitglied. Nachdem er für kurze Zeit als Soldat im Frankreichfeldzug eingesetzt worden war, kämpfte er von Dezember 1942 bis Mitte Februar 1943 an der Ostfront. Anschließend leitete der damals 31-Jährige im Sudetenland die Evakuierung von 15.000 Jungen und Mädchen vor der heranrückenden Front. Götz Aly beschreibt seinen Vater als jemanden, der vom Morden und von Kriegsverbrechen mehrfach gehört hat, aber nicht direkt als organisierender, ausführender Täter involviert war. Für Götz Aly war er damit »eine der vielen kleinen Stützen Hitlerdeutschlands«, um die es in seinem Buch auch geht.

Die ließen sich in allen sozialen Schichten finden, so wie der Professor für Altphilologie, der 1941 in einem Artikel für die NS-Publikation »Rasse – Monatszeitschrift für den nordischen Gedanken« die nationalsozialistischen Euthanasiemorde für eine gute Idee hielt, weil sie angeblich auf antiken Gepflogenheiten basierten. Die Euthanasiemorde und Zwangssterilisierungen von mehr als 35.000 Männern und Frauen, das zeigt Aly überzeugend, wurden nicht nur von den ideologisch überzeugten Nationalsozialisten unterstützt, sondern von Menschen mit den unterschiedlichsten Interessen oder Beweggründen. Eine der Thesen von Aly lautet daher, dass das Regime durch diese Verbrechen seinen gesellschaftlichen Rückhalt sogar vergrößern konnte. Vielleicht auch deshalb stehen sie in der öffentlichen Erinnerung und im Sprechen über den Nationalsozialismus eher im Hintergrund.

Der Impuls, sich überhaupt mit der Frage zu befassen, geht auf Alys Tochter zurück

Was Aly in seinem Buch besonders hervorhebt, sind die sozialen Aufstiegswünsche und -versprechen, die für die Schaffung und Konsolidierung der Massenbasis des Nationalsozialismus eine zentrale Rolle spielten. Zu dieser, so führt Aly aus, gehörten eben nicht nur desorientierte Kleinbürger oder tumber Pöbel, sondern gerade auch sogenannte Kulturschaffende. Als sendungsbewusste, opportunistische und vom Konkurrenzkampf getriebene Regisseure, Schauspielerinnen, Komponisten und Sängerinnen schätzten sie es oft einfach auch sehr, gut bezahlt zu werden und im Rampenlicht zu stehen.

Antisemitismus interpretiert Aly vor allem als eine Art ideologische, emotionale Reaktion, die auch während der NS-Herrschaft besonders bei solchen Gruppen verbreitet war, »die entweder soziales Abgleiten befürchten oder sich im Prozess der Mobilität nach oben befinden«.
Ein weiterer zentraler Aspekt in Alys Buch sind die Mechanismen moderner multimedialer Propaganda aus dem Ministerium von Joseph Goebbels sowie die »ständige Mobilisierung zwischen Angst und Hoffnung, Frieden und Krieg, Selbstvergottung und Selbstvernichtung«.

Aly erteilt der Annahme, dass es eine durchgängig einheitliche »Nazi-Ideologie« gegeben habe, die dann wie eine Blaupause in die Realität umgesetzt worden ist, eine klare Absage. Vielmehr verweist er auf die zahlreichen wie auch verschiedenen politischen Maßnahmen sowie wechselnden Herrschaftstechniken. Insgesamt denkt Aly die Geschichte nicht vom Ende des Nationalsozialismus her, sondern skizziert die unzähligen kleinen Schritte und einen kontinuierlichen Prozess, der auf eine Radikalisierung von Herrschaft hinauslief.

Was Aly in seinem Buch besonders hervorhebt, sind die sozialen Aufstiegswünsche

Die natio­nalsozialistische Politik charakterisiert Götz Aly als »hochkriminell durchorganisierte, blutigste Konkursverschleppung der Weltgeschichte«. Für die Aufrüstung der Wehrmacht sei eine massive Staatsverschuldung nötig gewesen, was den Krieg dann unaufhaltbar machen sollte. Das wiederum erhöhte die Verschuldung noch mehr, argumentiert Aly. Und führte laut dem Autor so zur Enteignung der deutschen Juden, der Ausraubung der besetzten Länder Europas und der dort lebenden Juden, was die nichtjüdischen Deutschen entlastete – bis weit über den Krieg hinaus.

Alys Buch ist eine enorm umfangreiche, dichte, reichhaltige Studie. Für den Autor war der Nationalsozialismus eine identitäre Massenbewegung, »die für das Ende erlittener Demütigungen eintrat, Denkmäler stürzte, Straßen umbenannte und ihre Anhänger als per se bessere Menschen qualifizierte, denen die Zukunft gehörte«. Als Regime, das sich durch »Aktionismus und Daueraggression« auszeichnete, hätte der Nationalsozialismus »frühzeitig in seinen Bewegungsmöglichkeiten gestoppt, zumindest deutlich abgebremst werden müssen«, schreibt Aly. Und darin liege für ihn auch eine Lehre für die Gegenwart und die Zukunft.

Götz Aly: »Wie konnte das geschehen? Deutschland 1933 bis 1945«. S. Fischer, Frankfurt am Main 2025, 768 S., 34 €

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