Psychologie

Modell für die Traumaforschung

Ein Trauma für die gesamte israelische Gesellschaft: Seit dem 7. Oktober 2023 hält die Terrororganisation Hamas Geiseln in Gaza fest. Foto: picture alliance / Sipa USA

Der lange, seit dem 7. Oktober 2023 andauernde Krieg hat eine neue Realität in Israel geschaffen. »Und jeder in diesem Land ist mehr oder weniger davon betroffen«, sagt Mario Mikulincer, Professor für Psychologie und Leiter des Zentrums für Sucht und psychische Gesundheit an der Hebräischen Universität (HU) in Jerusalem.

Vor Kurzem veranstaltete seine Einrichtung in Zusammenarbeit mit dem nationalen Zentrum für Sucht eine erste umfassende Konferenz unter dem Titel »Psychische Gesundheit in der Kriegsrealität: Die Auswirkungen des 7. Oktober und seine Folgen«.

Hauptziel des Zentrums an der HU sei die Förderung der psychischen Gesundheit, der Gesundheit des Gehirns und der Suchtbekämpfung. Vor allem aber soll »die Forschung in die Praxis umgesetzt und so Einfluss auf die Gesellschaft genommen werden«, sagt der Leiter. Die Konferenz brachte führende Forscher zusammen, um die psychologischen, kognitiven und sozialen Auswirkungen von Krieg und Massentraumata in verschiedenen Bevölkerungsgruppen zu untersuchen, darunter Kinder, Jugendliche, ältere Erwachsene, Reservisten, Minderheiten und vertriebene Familien.

Beispielloser Kontext

Das Massaker der Hamas in Orten im Süden Israels am 7. Oktober und der darauffolgende, bis heute anhaltende Krieg und Ausnahmezustand hätten einen beispiellosen Kontext für die Traumaforschung geschaffen. Im Gegensatz zu früheren Studien zu Krieg oder Terrorismus kamen am 7. Oktober extreme Gewalt, Massengeiselnahmen, Zwangsvertreibung und anhaltende existenzielle Bedrohung in einem einzigen akuten Ereignis zusammen.

»Diese komplexe Realität bietet ein seltenes Modell für die Untersuchung unmittelbarer und langfristiger psychologischer und sozialer Auswirkungen über mehrere Ebenen der Traumabelastung hinweg«, so Mikulincer. In den fast 21 Monaten seit dem 7. Oktober haben nahezu alle Hochschulen intensiv zu den Ereignissen geforscht.

Indirektes Trauma kann auch durch soziale Medien entstehen, so die Forscher.

Oft seien Konferenzen relativ langweilig und trocken, meint der Psychologe. Doch nicht dieses Mal: »Die Ereignisse vom 7. Oktober betreffen das Privat­leben aller Israelis. Die Vorträge haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer tief berührt und bewegt. Denn es war eine Dokumentation dessen, was der gesamten Bevölkerung widerfährt.« Die gewonnenen Erkenntnisse seien nicht nur für die Rehabilitation der betroffenen Gemeinschaften von entscheidender Bedeutung, sondern auch für die Entwicklung globaler Strategien zur Reaktion auf Massentraumata und zur Stärkung der Resilienz bei zukünftigen Krisen.

Mikulincer erforscht Entwicklungen in der Psychologie seit vier Jahrzehnten. Seine erste wissenschaftliche Arbeit befasste sich mit der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) nach dem Ersten Libanonkrieg. »Der Jom-Kippur-Krieg zuvor wurde nicht erforscht. Damals wurde eine Debatte über psychische Gesundheit nicht akzeptiert, denn dies wurde als Schwäche und sogar Feigheit angesehen.«

Doch während des ersten Libanonkriegs 1982 änderte sich dies, auch die israelische Armee habe da zum ersten Mal die Bedeutung der seelischen Gesundheit akzeptiert. »Es folgten die Erste Intifada, der Golfkrieg, die Zweite Intifada, der Zweite Libanonkrieg und Gaza-Operationen, die alle erforscht wurden.«

Heute ist auch die Zivilbevölkerung Untersuchungsobjekt

Bis zum 7. Oktober allerdings hätten Soldaten oder Terroropfer im Fokus gestanden. Doch heute ist auch die Zivilbevölkerung Untersuchungsobjekt, durch direktes oder indirektes Trauma. Mikulincer: »Indirektes Trauma entsteht durch soziale Medien. Wir beobachten, dass diese eine Plattform für die Entstehung von PTBS sind.«

Darüber hinaus sei der Einfluss von Drogen ein neues Forschungsgebiet, nicht nur in Israel, sondern auch in den USA und Europa. Die »psychedelisch unterstützte Therapie« werde unter anderem bei Depressionen eingesetzt.

Auch hier gibt es Neues aus Israel: »Die Überlebenden der Nova-Attacke sind in diesem Zusammenhang ein außergewöhnliches Beispiel. Schätzungsweise 70 bis 80 Prozent von ihnen standen zum Zeitpunkt des Hamas-Massakers unter dem Einfluss von Psychedelika – und einige Monate später wurde klar, dass dies positive Auswirkungen auf ihre mentale Gesundheit hat.

Ein weiteres Phänomen sei die sogenannte Doppeldiagnose. Der Forscher erklärt: «Die Fälle von Subs­tanzmissbrauch, Drogen, Alkohol, Pornografie oder sozialen Medien etwa haben um 100 Prozent zugenommen. Die Menschen versuchen, sich selbst zu beruhigen. Wer über eine gute emotionale Regulierung verfügt, kann sich selbst helfen, andere jedoch nicht. Dadurch entsteht ein Teufelskreis aus Sucht und PTBS.»

«Wenn wir die Gesundheit erhalten wollen, sollten wir den Krieg beenden.»

Mario Mikulincer

Davon, weiß er, seien in Israel immer mehr Menschen betroffen. «Es ist ein echtes Problem, das über ein Trauma hinausgeht.» Daher spezialisierten sich zusehends Kliniken auf diese Doppeldiagnose. «Israel ist zu einem regelrechten Labor für Traumata und Posttrauma geworden.»

Allerdings sei es heutzutage schwierig, über Israel zu berichten, gesteht er. «Die Menschen sind feindselig geworden. Nach dem Motto: ›Wir Israelis sollen nicht über Leid sprechen, denn das Monopol darauf haben die Palästinenser.‹» Mittlerweile aber würden Publikationen weltweit das Wissen aus Israel veröffentlichen. «Und das ist gut so, denn es ist nicht alles schwarz-weiß.»

Jede Forschung über den Krieg könne politisch beeinflusst werden, fügt er hinzu. Man habe genau das aber nicht gewollt. «Und obwohl die Konferenz apolitisch war, lautet die Schlussfolgerung: ›Krieg ist schlecht für die Psyche.‹ Wenn wir die Gesundheit erhalten wollen, sollten wir den Krieg beenden.»

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