Essays

Mit talmudischer Akribie

Sänger und Songwriter Bob Dylan Foto: picture alliance / empics

Bob Dylans jüngstes Buch ist nicht Die Philosophie des modernen Songs. Vielmehr sind es lyrisch verschränkte Anmerkungen zu 66 Lieblingssongs des Meisters. Nein, es sind auch keine Anmerkungen, es sind kleine Essays im freien Metrum – also praktisch Prosa-Balladen zu Genesis, Umfeld, Politik und persönlicher Bedeutung des jeweiligen Liedes.

Der Titel ist, wie stets bei dem Poesie-Riesen Dylan, geboren am 24. Mai 1941 als Robert Allen Zimmerman in Duluth (Minnesota), eine Anmaßung, wenn auch eine ironische. Und anmaßend ist nicht nur der Titel, anmaßend ist natürlich auch der Ansatz, die Welt aus der Sicht Dylans zu erklären – und seien es nur die 66 Welten seiner ausgewählten Lieblingssongs.

London Calling Wie das dann so klingt bei Dylan, zeigt seine Rezeption eines Punk-Klassikers ganz gut – »London Calling« von The Clash aus dem Jahr 1979. »Punkrock ist die Musik der Frustration und der Wut, aber The Clash sind anders. Ihre Musik ist eine der Verzweiflung. Sie waren eine verzweifelte Band. Alles müssen sie da hineinpacken. Dabei haben sie so wenig Zeit. Viele ihrer Songs sind schwülstig, überzogen, gut gemeint. Aber dieser nicht. Vermutlich sieht man The Clash hier in Bestform, sie sind so relevant wie nie, so verzweifelt wie nie. The Clash waren immer die Band, als die sie sich selbst gesehen haben. ›London Calling‹ – 1923 gab es in London ein Bühnenstück mit diesem Titel, ein Musical mit schmalzigen Sketchen. Aber die Formulierung blieb hängen. In den 40er-Jahren konnte ›London Calling‹ nur Unheil bedeuten. Nachricht aus London – schickt Lebensmittel, Kleidung, Flugzeuge, was ihr könnt. Andererseits hat dieses ›Calling‹ aber auch etwas sehr Unmittelbares, besonders für Amerikaner. Es wäre nicht dasselbe, würde sich Rom, Paris, Kopenhagen, Buenos Aires oder Sydney melden, oder sogar Moskau. Diese ganzen Anrufe kann man abwimmeln, man kann sagen: ›Nehmen Sie eine Nachricht entgegen, wir rufen zurück.‹ Nur nicht, wenn London dran ist.«

Und dann folgt eine Abrechnung mit der Beatlemania, dem ganzen Sweet-Sixteen-Gedöns, das verachtenswert sei, weil es nicht Londons Wahrheit sei, die Wahrheit einer »Welt der Drogen und der am Wasser gelegenen Immobilien«. Man weiß nie so genau, ob da nun The Clash sozialrevolutionär im Kontext der Thatcher-Jahre zetern oder ob Dylan seinen lyrischen Zorn über die Ungerechtigkeiten der damaligen Zeit ausschüttet. »The Clash sprechen von der Themse. In Amerika denkt man trotzdem unwillkürlich an den Mississippi.«

Rums, da steht er als Monolith, dieser Satz. Vermengt Londons Vulgärkapitalismus mit der Armut der Versklavten in Amerikas Süden. Und unweigerlich fragt man sich, ob solch ein Satz vielleicht aus einem Dylan-Song stammt.

Akribie So geht es Lied für Lied, Dylan bedient sich dabei etlicher Konnotationen zum Judentum, man könnte meinen, er gehe mit talmudischer Akribie an die Erläuterung und Erklärung der letzten Mysterien der Popkultur.

Es fehlt aber diesem Buch, das sich genauso gut punktuell Song für Song wie auch von Seite eins bis Seite 352 am Stück lesen lässt, etwas. Und das sorgt für mehr Verwirrung denn Erkenntnis. Wenn Dylan über einen Songtext spricht, und sei der ihm noch so wichtig, dann rückt seine Sicht ins Zentrum, der Ursprungstext verblasst. Ganz besonders tut er das, weil weder in der Originalfassung noch in der deutschen Übersetzung die jeweiligen Songtexte enthalten sind, auf denen Dylans Apokryphen beruhen. Das ist, gerade für Menschen, die sich die ansonsten wirklich gut und unkapriziös übersetzte deutsche Ausgabe kaufen, ein großes Manko. Es ist aber auch ein Riesen-Manko der Originalausgabe – wirklich schade.

Das deutsche Hörbuch wird übrigens von Wolfgang Niedecken gesprochen. Der BAP-Gründer ist einer der bedeutendsten deutschsprachigen – in seinem Fall Kölsch-sprachigen – Dylan-Interpreten. Doch selbst seine Version kann mit der amerikanischen Hörbuch-Fassung nicht mithalten. Da gibt sich neben Dylan selbst halb Hollywood die Ehre: Jeff Bridges, Steve Buscemi, John Goodman, Helen Mirren, Sissy Spacek und Renée Zellweger, um nur einige zu nennen.
Wer also firm genug im Englischen ist, der sollte lieber auf die amerikanischen Originale zurückgreifen. Allein schon der Dylan-Dichtung wegen.

Bob Dylan: »Die Philosophie des modernen Songs«. C.H. Beck, München 2022, 352 S., 35 €

Zahl der Woche

1:28,31 Minuten

Funfacts & Wissenswertes

 24.03.2026

Berlin

Holocaust: Ausstellung über das Mitwissen der Deutschen

Nach den beispiellosen Verbrechen der Nationalsozialisten sagten viele, das habe man nicht gewusst. Wie glaubwürdig war das? Die Topographie des Terrors in Berlin widmet sich der Frage

 24.03.2026

Sachsen

Rund 1000 Veranstaltungen zum »Jahr der jüdischen Kultur«

Unter dem Titel »Tacheles« steht in Sachsen 2026 das jüdische Leben im Mittelpunkt. Zahlreiche Akteure beteiligten sich. Das Programm wächst noch immer

von Katharina Rögner  24.03.2026

Lebende Legende

Barry Manilow kündigt erstes Studioalbum seit fast 15 Jahren an

Stilistisch soll das Werk verschiedene Richtungen verbinden – von klassischen Balladen bis hin zu Elementen aus R&B, Rock und Gospel

 24.03.2026

In eigener Sache

»Jüdische Allgemeine« reagiert auf Rüge des Deutschen Presserats

19 Rügen verteilt der Presserat an die deutsche Medienlandschaft. Eine davon geht an die »Jüdische Allgemeine« - wegen angeblicher gravierender Ehrverletzung eines in Gaza getöteten Journalisten

 23.03.2026

Hollywood

»Enigma Variations«: Aaron Taylor-Johnson übernimmt Hauptrolle in neuer Serie

Im Zentrum der Handlung steht eine Figur namens Paul, deren Leben durch verschiedene Beziehungen geprägt wird. Die Geschichte beleuchtet Fragen von Identität, Begehren und Liebe

 23.03.2026

Filmklassiker auf der Bühne

Premiere in Hamburg: »Zurück in die Zukunft« als Musical

In den 1980er-Jahren war der Film ein Riesenerfolg. Als Musical feierte die Komödie am Wochenende in Hamburg Premiere. Bob Gale, der jüdische Co-Autor der Filmtriologie, schrieb das Musical

 23.03.2026

Jubilar

»Mikrofon für die Seele«: Klezmer-Musiker Giora Feidman wird 90

Giora Feidman hat die jüdische Klezmer-Tradition in den Konzertsaal gebracht. In einfachen Liedern findet er große spirituelle Tiefe. Mit seiner Musik will der Klarinettist Menschen verbinden – und pflegt bei seinen Konzerten ein bestimmtes Ritual

von Katharina Rögner  23.03.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Mit Fran Lebowitz und Larry David in der Ringbahn – ein Traum

von Katrin Richter  22.03.2026