Georges-Arthur Goldschmidt

Mit radikaler Offenheit

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Georges-Arthur Goldschmidt

Mit radikaler Offenheit

In seinem Buch »Der versperrte Weg« nähert sich der Autor dem Lebenslabyrinth des älteren Bruders

von Marko Martin  27.09.2021 09:10 Uhr

Als Erich Goldschmidt 2010 im Alter von 86 Jahren in Frankreich starb, war er aus den Büchern seines jüngeren Bruders bereits nahezu verschwunden. »Selten und in den späteren Jahren gar nicht mehr erwähnt« habe er den Älteren, schreibt Georges-Arthur Goldschmidt in einer kurzen Nachbemerkung zu seinem neuen Buch, das den treffenden Titel Der versperrte Weg. Roman des Bruders trägt. Erst die Nachfrage seines deutschen Verlegers habe ihn ermutigt, sich diesem Teil der Familiengeschichte zuzuwenden – die wahrlich kein Annex ist.

Goldschmidt, unter dem Namen Jürgen-Arthur 1928 in einer jüdischen Familie in Reinbek geboren, die freilich längst zum Protestantismus konvertiert war, hat seine Lebensstationen in zahlreichen Büchern nicht nur beschrieben, sondern in einem singulären, geradezu schmerzhaft präzisen Stil in Literatur transzendiert: Das Zerbrechen der gutbürgerlichen Idylle nach 1933, der Abschied 1938 von den

INTERNAT Eltern und die Verschickung nach Italien und Frankreich, wo es in einem Internat in Savoyen gleichzeitig Schutz und permanente körperliche Züchtigung gab, die der Heranwachsende damals auf eine derart vertrackte Weise genoss, dass sie noch Jahrzehnte später vom inzwischen längst in Paris lebenden Ehemann, Kafka- und Nietzsche-Übersetzer und (ab den 90er-Jahren) auch in Deutschland mehrfach preisgekrönten Autor immer wieder interpretierend umkreist werden musste.

Und nun die Geschichte des Älteren, quasi des »missing link«. Das »Versperrtsein« von Erichs Existenz schien bereits mit der Geburt des jüngeren Bruders begonnen zu haben, der ihm den Platz des bewunderten erstgeborenen Einzelkindes streitig gemacht hatte. Dann kamen die Nazis, deren zackiges Schalmeienspiel der blonde, evangelisch getaufte Erich doch so gern mitgemacht hätte, mit all seinem Faible für Marschtritt und Waffen, für die Heide-Geschichten von Hermann Löns und »deutsches Liedgut«.

Stattdessen wird er mit dem jüngeren Bruder, den er als unziemlich extrovertiert-quengelig empfindet, 1938 fortgeschickt – zuerst zu einem jüdischen Ehepaar nach Florenz, in dessen schöner Stadtlandschaft freilich auch kein Bleiben ist, danach nach Frankreich. Eine reiche Cousine kümmert sich um Erich und Jürgen-Arthur, indem sie deren Aufenthalt in einem Internat bezahlt, dessen abgelegene Berglage hoffen lässt, dass es auch nach dem deutschen Einmarsch unter dem Radar der mörderischen Fahnder bleiben könnte.

RESISTANCE Zu dieser Zeit hat Erich, der sich vom Jüngeren distanziert fernhält, bereits seine Bewunderung für Frankreich, dessen Kultur und Geschichte entdeckt und die Enttäuschung über die darauf folgende Nazi-Kollaboration sozusagen weggesteckt in der erwachenden Bewunderung für General de Gaulle und die sich konstituierende Résistance. Nur: Wie soll einer, der kaum noch einen Bezug zum Judentum hat und darüber hinaus nun auch an seiner deutschen Herkunft leidet, sich Res­pekt verschaffen – vor sich selbst und vor den Kämpfern, denen er sich anschließt, sobald er das Internat verlassen hatte?

Mannigfaltig sind all diese versperrten Wege, und der inzwischen 93-jährige Georges-Arthur Goldschmidt spürt den inneren Landschaften und äußeren Entscheidungsschritten des älteren Bruders auf eine Weise nach, die atemberaubend ist. Da er auch in dieser Rückschau von geradezu schmerzender Genauigkeit ist, voller Fairness und Verständnis, dabei jedoch nie ins Sentimentale abgleitet.

Wie sinnlich konkret die Einsamkeit(en) des älteren Bruders beschrieben sind, dessen In-sich-verkapselt-Sein mitsamt dem geradezu wütenden Wunsch, sich im Widerstand und dann auch ganz offiziell in der französischen Armee zu beweisen. In deren Uniform kämpft Erich schließlich gegen die zurückweichende Wehrmacht, hat Anteil an der Befreiung – und bleibt dennoch ein Staatenloser.

FREMDENLEGION Traurige Ironie der Geschichte: Ausgerechnet an jenem Nachkriegstag, an dem er an der Tür seines kargen Pariser Mansardenzimmers das Formular seiner erfolgten Einbürgerung vorfindet, hatte er sich bei der Fremden­legion verpflichtet. Und würde einige Jahre später, inzwischen erneut enttäuscht in seinem Glauben an Gemeinschaft und Loyalität, sich sogar jenen rechtsgerichteten Militärs anschließen, die gegen de Gaulle zu putschen versuchten, da dieser angeblich das »französische Algerien« verraten habe. Und späterhin, nach all diesen heroischen Aufschwüngen und Abstürzen?

»Nach seiner Pensionierung als Offizier wurde er Hauptkassierer der französischen Bank Crédit Agricole und fuhr jahrelang durch das ganze Départment Var, von Dorf zu Dorf.« Mit diesen Zeilen endet der Roman des Bruders – und weckt das Bedürfnis, dieses schmale und gerade deshalb ungemein eindrucksvolle Buch sogleich noch einmal zu lesen und sich der reflexiven, strengen und doch geschmeidigen Sprache des jüngeren Bruders erneut anzuvertrauen. Dezenz und gleichzeitig radikale Offenheit, Skepsis und Empathie: Was für ein unvergessliches Lektüre-Erlebnis, da es alle gängigen Erwartungen unterläuft!

Georges-Arthur Goldschmidt: »Der versperrte Weg. Roman des Bruders«. Wallstein, Göttingen 2021, 111 S., 20 €

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