Sexualität

»Mit Liebe und Kreativität«

Mira Birnstein Foto: Ines Grabner

Sexualität

»Mit Liebe und Kreativität«

Mira Birnstein über eine Lustpille für Frauen und ihre jüdisch-katholische Familie

von Katharina Schmidt-Hirschfelder  24.08.2015 19:21 Uhr

Frau Birnstein, nach Viagra soll nun in den USA die sogenannte Lustpille für Frauen auf den Markt kommen. Was halten Sie davon?
Nicht allzu viel. Denn wir haben es hier mit einem neu verpackten Antidepressivum zu tun, diesmal in Rosa – wie passend! Wieder einmal werden die Hormone der Frau reguliert. Studien zeigen schon jetzt, dass das Präparat sich kaum auf die Lust der Frau auswirkt. Wozu dann also eine Pille einnehmen?

Wird da womöglich etwas zur Krankheit erhoben, was viel besser mit Gesprächen geklärt werden könnte?
Ja, mit der rosa Pille wird sexuelle Unlust fast zu einem amtlichen Krankheitsbild. Es scheint eine Vorstellung davon zu geben, wie viel Lust eine Frau haben müsste, um normal zu sein. Mit solch schnellen Lösungsversuchen übergehen wir die Vielschichtigkeit des Lebens. Leidet eine Frau unter ihrer sexuellen Unlust, gibt es viele Fragen, die sie sich – oder ihr Partner ihr – zunächst stellen kann. Seit wann habe ich keine Lust auf Sex? Hat Sex mir jemals Freude bereitet? Was hat mir daran Lust bereitet? Wie viel Zeit für Sexualität räumen wir uns ein? Kann ich sagen, was ich mir wünsche oder wie ich berührt werden möchte?

Wie verantwortungsvoll ist so eine schnelle Lösung?
Wenn ich meiner Partnerin suggerieren will, dass mit ihr etwas nicht stimmt, weil meine eigenen Bedürfnisse nicht befriedigt sind, können wir wahrlich nicht von Verantwortung füreinander sprechen. Aber leider brauchen die meisten Frauen dazu nicht unbedingt einen Partner: Viele haben selbst das Gefühl, nicht richtig zu »funktionieren« und kommen ganz von selbst auf die Idee, eine schnelle Lösung zu wählen. Die Lustpille wäre da nur eine weitere Möglichkeit von vielen bereits existierenden Varianten. Vor der Verantwortung füreinander kommt jedoch immer die Verantwortung für mich selbst. Das hat nichts mit Egoismus zu tun, sondern ist gesunder Menschenverstand: Wer Verantwortung für sich selbst übernimmt, kann auch besser auf den anderen schauen. Auf den Sex übertragen heißt das: Wenn ich weiß, wie meine Lust funktioniert, kann ich die auch mit meinem Partner teilen.

Was raten Sie Klientinnen, denen die Lust abhanden gekommen ist?
Das kommt ganz auf die Gründe an. Viele Frauen haben einen stressigen Alltag: Wir arbeiten viel und entspannen wenig. Um Lust zu empfinden und den Sex wirklich genießen zu können, brauchen wir Qualitäts- und Genusszeit. Wir müssen wieder lernen, uns hinzugeben und loszulassen. Es geht darum, die Freude im Körper zu empfinden. Außerdem müssen viele Frauen erst einmal selbst herausfinden, was ihnen Lust bereitet.

Tora, Mischna und Talmud betonen das Recht der Ehefrau auf Lust. Ist das Judentum offener für weibliche Lust als andere Religionen? Sie selbst kommen aus einer jüdisch-katholischen Familie ...
Das Judentum ist offen für Sexualität im Allgemeinen, und das schließt die weibliche Lust mit ein. Aus meiner eigenen Erfahrung ist diese Offenheit nah an der Realität. Die jüdische Seite meiner Familie war sehr offen für dieses Thema. Ich erinnere mich an ein wirklich liebevolles, offenes Gespräch mit meiner Großmutter. Sie sagte mir, wie wichtig eine glückliche Paarsexualität für die Beziehung ist. Oder meine Mutter, die sich unglaublich mit mir freute, als ich meinen ersten Freund hatte – es war eine herzliche, wohlwollende, mitfühlende Atmosphäre. Die katholische Seite meiner Familie hingegen hatte viele Vorstellungen davon, was für eine Frau richtig sei und was nicht. Als Frau sollte man anständig sein. Übersetzt bedeutete das: nicht sexuell.

Haben jüdische Paare andere Probleme beim Sex als nichtjüdische?
Zumindest haben sie meist nicht diese moralische Komponente als Problem, dass eine Frau beim Sex keinen Spaß haben sollte oder dass Sex nur zum Vergnügen Sünde sei. Aber natürlich gibt es eine ganze Reihe von Themen, die in jeder Paarbeziehung entstehen können – jenseits der Konfession. Im Laufe einer Ehe oder Beziehung können verschiedene Fragen auftauchen, die Liebe und Kreativität erfordern.

Mit der Berliner Sexologin und Therapeutin sprach Katharina Schmidt-Hirschfelder.

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