Klassik

Mit Furore ins Andante

Antizyklische Tempi: Einav Yarden Foto: Deutsche Telekom AG / Norbert Ittermann

Klassische Pianisten haben es nicht leicht, sich auf dem deutschen und europäischen Musikmarkt durchzusetzen. Die Konkurrenz ist groß. Die Israelin Einav Yarden scheint sich dennoch Hoffnungen machen zu können.

Die langjährige Stipendiatin der America-Israel Cultural Foundation schickt sich derzeit an, die Leiter der Pianistenkarriere emporzusteigen. Dafür nimmt sie einige Mühen auf sich, zog beispielsweise 2010 nach Berlin, weil »ich dort näher dran bin an der kulturellen Mitte Europas und Komponisten wie Bach, Haydn, Beethoven und Schumann auf Schritt und Tritt begegnen kann«, wie sie sagt. Mit ihrem Ortswechsel liegt die Pianistin ganz auf Linie mit vielen jungen israelischen Kulturschaffenden, die ihre Zukunft im pulsierenden kulturellen Schmelztiegel Berlin suchen.

debüt-CD Obwohl Einav Yarden bereits 2009 den dritten Preis bei der renommierten Internationalen Telekom Beethoven Competition in Bonn gewann, weiß die Pianistin, dass sich ein gewisser Prominentheitsgrad in Deutschland nicht so schnell einstellt. Zu sehr dominieren hierzulande Namen wie Hélène Grimaud, Alice Sara und ihre Schwester Mona-Asuka Ott oder Olga Scheps auf dem Markt der klassischen Klaviermusik.

Das soll sich jetzt ändern, denn Yarden hat mit Oscillations dieses Jahr ihr Debütalbum beim niederländischen Label Challenge Classics vorgelegt. Auf der neuen CD stellt Yarden programmatisch zwei ganz unterschiedliche Komponisten nebeneinander, Beethoven und Strawinsky. Zu hören sind Beethovens zehnte Sonate op. 14,2, die sechste Sonate op. 10,2, die Elf Bagatellen op. 119 sowie Strawinskys Sonate für Klavier von 1924. Dazu erklingen noch sieben Tanzminiaturen des russischen Komponisten. Yardens Finger sind nicht nur flink, ihre Aufnahme hat Esprit und hohen Unterhaltungswert, weil von intellektuellem Fokus bis hin zum ausgelassenen Tango alles dabei ist.

Interessant ist ein Vergleich zwischen dieser Einspielung und Artur Schnabels Version von Beethovens G-Dur-Sonate op.14,2 von 1934. Schnabel war der Lehrer von Leon Fleisher, bei dem Einav Yarden gelernt hat. Schnabel spielt auf seiner Platte im Kopfsatz Allegro viel rascher als Yarden, hält sich dafür im Andante mit dem Tempo zurück.

Die junge Künstlerin bremst eher das Allegro und prescht im Andante voran. Die verkehrten Tempowelten reflektieren Yardens Wesen und Humor. Einerseits ist sie ein ernster Mensch, gewisse kecke Züge sind ihr aber nicht fremd. Sie kann sogar bisweilen bissig sein und Akkorde unvermittelt hinauskatapultieren, sodass der Hörer erschrickt. Eine musikalische Weichspülerin ist sie mit Sicherheit nicht. Das hat auch mit ihrer Biografie zu tun.

lehrjahre Einav Yarden kommt in Tel Aviv zur Welt. Ihre Großmutter väterlicherseits und deren Schwester waren 1936 aus Polen nach Israel geflohen. Der Rest der Familie wurde in der Schoa ermordet. 1980, mit zwei Jahren, bekommt das kleine Mädchen ein Xylophon geschenkt. Ihre erste Tuchfühlung mit Musik. Dabei sind ihre Eltern keineswegs musikalisch. Der Vater ist Computerspezialist von Beruf, die Mutter studierte Theaterwissenschaft. Aber: »Meine Mutter hat viel persönliches Herzblut in unsere Erziehung, die meines jüngeren Bruders und meine eigene investiert.«

Ersten Klavierunterricht erhält sie mit sechs. Allerdings ist der Lehrer kein Pianist, sondern Geiger. Statt Technik zu üben, improvisiert das Mädchen viel. Den Rest holt Einav nach. Sie besucht das Thelma-Yellin-Gymnasium in Tel Aviv, wo sie eine Spezialausbildung für Künste macht. Klavierunterricht nimmt sie am Israel-Konservatorium Tel Aviv.

Mit 18 geht sie für 21 Monate zur Armee, dient in einer Spezialabteilung für besonders talentierte Musiker. Sie absolviert dafür eine Aufnahmeprüfung und wird mit 30 anderen Soldaten ausgebildet. »Wehrdienst zu leisten und mich gleichzeitig musikalisch weiterzuentwickeln, war nur dort möglich. Ich war sehr froh, dass man mich angenommen hat.« An der Rubin-Akademie studiert sie dann bei Emanuel Krasovsksy Klavier: »Er hatte ein großes musikalisches Verständnis und vermittelte mir vier Jahre lang bedeutendes Einfühlungsvermögen. Meine Ausdruckspalette zu erweitern, war sein Ziel.«

karriere Ab 2001 lernt Einav Yarden bei Leon Fleisher in Baltimore am Peabody Konservatorium als Stipendiatin des Instituts. Es folgen weltweite Engagements als Solistin mit renommierten Ensembles: dem Israel Philharmonic Orchestra, dem Minnesota Symphony Orchestra, dem Calgary Philharmonic Orchestra, dem Jerusalem Symphony Orchestra, dem Plovdiv Philharmonic Orchestra, dem Israel Symphony Orchestra unter Dirigenten wie Sir Neville Marriner, Aldo Ceccato, Leon Botstein, Mark Russel Smith, Mendi Rodan. Yarden tritt auch bei bedeutenden Festivals wie dem Ravinia Festival (USA), dem Menton Festival (Frankreich) und dem in Israel bedeutsamen Upper Galilee Festival auf.

Nach einem längeren USA-Aufenthalt in Chicago steht für Yarden als Nächstes am Sonntag, den 4. August, ein Duo-Abend mit dem Cellisten Mikayel Hakhnazaryan im Bode-Museum in Berlin auf dem Programm. Dafür studieren die Künstler gemeinsam Robert Schumanns Fantasiestücke op. 73, Claude Debussys Sonate für Violoncello und Ludwig van Beethovens Sonate für Klavier und Violoncello Nr. 3, A-Dur, op. 69 ein. Einav Yarden wird auf ihrem eigenen älteren Flügel üben. Zwischendurch liest sie zur Entspannung klassische englische Literatur und frönt ihrem neuesten Hobby, dem Bridge-Spiel.

Einav Yarden: »Oscillations«. Challenge Classics 2013

Mikayel Hakhnazaryan, Violoncello, Einav Yarden, Klavier, spielen Robert Schumann: Fantasiestücke op. 73, Claude Debussy: Sonate für Violoncello, Ludwig van Beethoven: Sonate für Violoncello Nr. 3 A-Dur, op. 69. Sonntag, 4. August, 20.30 Uhr, Bode-Museum, Berlin.


www.einavyarden.com

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