Kann ein Kinderfilm die Verbrechen des Nationalsozialismus thematisieren, ohne zu traumatisieren? Und zugleich einen Bezug zur Gegenwart herstellen? Regisseur Norbert Lechner gelingt dies in seinem neuen Kinderfilm Das geheime Stockwerk. Der zwölfjährige Karli hilft seinen Eltern bei der Renovierung des eigenen Hotels in den Bergen. Er entdeckt, dass er im Lastenaufzug in das Jahr 1938 reisen kann.
In dem Hotel mit dem schön gewählten Namen »Europa« ist der Nationalsozialismus omnipräsent: Hakenkreuzbanner hängen von den Wänden, an der Rezeption krakeelt ein Nazi-Gast. Karli flieht zurück in den Aufzug und in seine eigene Zeit, wagt aber bald einen zweiten Besuch. Nun begegnet er dem jüdischen Mädchen Hannah Friedländer, das mit seinem Vater im Hotel zu Gast ist, und dem Schuhputzer-Jungen Georg. Sie freunden sich an.
Gekonnt thematisiert das Drehbuch in 95 Minuten über den Kunstgriff des Whodunit die lebensbedrohliche Situation von Jüdinnen und Juden in Deutschland von 1938.
Karli, gespielt von Silas John, wird sich seiner Verantwortung als »Zeitreisender« bewusst und fängt an, Fragen zu stellen. Hannah, dargestellt von Annika Benzin, berichtet ihm von der Entrechtung, Ausplünderung und Gewalt gegen Jüdinnen und Juden in ihrer Heimatstadt Berlin. Karli begreift, dass seine Freundin und deren Vater in Lebensgefahr sind. Der junge Schuhputzer Georg, verkörpert von dem Österreicher Maximilian Reinwald, zeigt in seinem Part, wie sehr Kinder durch die NS-Ideologie beeinflusst wurden.
Alles dies wird kind- und jugendgerecht inszeniert. Spannung erzeugt Regisseur Lechner (und die Drehbuchautorinnen Antonia Rothe-Liermann und Katrin Milhahn) aber dadurch, dass der zeitreisende Protagonist und seine Freunde in eine Detektivgeschichte verwickelt werden. Gekonnt thematisiert das Drehbuch in 95 Minuten über den Kunstgriff des Whodunit die lebensbedrohliche Situation von Jüdinnen und Juden in Deutschland von 1938, aber auch, welche Wagnisse sie eingingen, um ihr Leben und das ihrer Kinder zu retten.
Auch die weiteren Kindernebendarsteller beeindrucken: Konstantin Horn spielt Heinrich, Ben Winkler verkörpert dessen Bruder Hermann. Als Söhne des Nazi-Hotelgasts Otto Hartwig – die Rolle hat der vielfach ausgezeichnete Theater- und Filmschauspieler Maximilian Simonischek übernommen – veranschaulichen sie die Verrohung selbst kleiner Kinder durch die NS-Pädagogik. Junge Zuschauer können nachvollziehen, wie die menschenverachtende NS-Ideologie bis in die Familie hineinwirkte.
Beraten wurde der Kindercast von der 93-jährigen Zeitzeugin Salomea Genin, die als Siebenjährige 1939 mit ihrer Familie nach Australien flüchten konnte. Insbesondere die Figur der Hannah konnte von ihren Erinnerungen profitieren, wie es war, als jüdisches Mädchen 1938 in Berlin zu leben.
Antonia Rothe-Liermann, die in der DDR zur Schule ging, sah im Alter von sieben Jahren im Unterricht eine Dokumentation über das KZ Auschwitz.
Bei einer Publikumsvorstellung Ende Januar gefiel den jungen Zuschauern der eher hoffnungsvolle Tenor der Handlung. Tatsächlich lassen sich Karli, Hannah und Georg nicht einschüchtern, tricksen die bösartigen Brüder Heinrich und Hermann aus und treffen auf widerständige und anständige Erwachsene. »Für Kinder ist es wichtig, dass es Hoffnung gibt«, begründet dies Regisseur Lechner. Sie würden sonst auf Abwehr schalten. Vieles bleibe deshalb im Film ungesagt. »Das Beste ist, wenn Kinder nach dem Film nach Hause gehen und ihre Eltern befragen.«
Die Idee zu Das geheime Stockwerk verdankt Regisseur Lechner dem erfahrenen Drehbuchautorinnen-Duo Rothe-Liermann und Milhahn. Antonia Rothe-Liermann, die in der DDR zur Schule ging, sah im Alter von sieben Jahren im Unterricht eine Dokumentation über das KZ Auschwitz. Der Anspruch, Kinder altersgerecht über die Verbrechen der NS-Zeit zu informieren, habe in diesem Erlebnis seine Wurzeln, berichtete Regisseur Lechner.
Die deutsch-österreichische-luxemburgische Koproduktion ist bereits mehrfach ausgezeichnet worden: Beim Kinder-Medienfestival 2025 »Goldener Spatz« kürte die Kinderjury die Detektivgeschichte zum besten Film. Maximilian Reinwald wurde als bester Darsteller ausgezeichnet. Der Sonderpreis des Thüringer Ministerpräsidenten ging an den bereits vielfach für seine Kinderfilme ausgezeichneten Regisseur Norbert Lechner.