Die traditionellen Melodien der osteuropäischen Juden sind seine musikalische Basis: Giora Feidman stammt aus einer Musikerfamilie, interpretiert schon in vierter Generation Klezmer-Musik. Der gebürtige Argentinier vermischt sie mit Klassik, Tango, Jazz und Pop und startete in den 1970ern eine bis heute erfolgreiche Solokarriere. Am 25. März wird er 90 Jahre alt.
Feidman, der gern »König des Klezmer« genannt wird, aber ebenso klassische und zeitgenössische Musik interpretiert, will den besonderen Tag mit einem Konzert im Kammermusiksaal Berlin begehen.
Derzeit tourt er mit seinem Programm »For a Better World« durch Deutschland, ist auch in vielen Kirchen zu Gast. Bekannt ist sein ritueller Konzertbeginn: Klarinette spielend geht er durch den Zuschauerraum zur Bühne. Manche sagen, er inszeniere sich zu sehr, andere feiern die Nähe zu dem Musiker.
»Ich komme nicht auf die Bühne, um zu zeigen, dass ich ein Instrument spielen kann. Ich nehme meine Klarinette zur Hand, um die Menschen an meinem Inneren teilhaben zu lassen«, hat er einmal gesagt. Jedes Konzert sei für ihn wie das erste seines Lebens.
Erste Karriereschritte in Argentinien
Feidman wurde 1936 in Argentiniens Hauptstadt Buenos Aires als Sohn jüdischer Einwanderer geboren. Seine Eltern stammen aus der Region Bessarabien (heute Republik Moldau) in Osteuropa. Als junger Klarinettist spielte er in Buenos Aires im Orchester des Teatro Colon und damit auf einer der renommiertesten Bühnen Südamerikas. Mit 21 Jahren verließ er sein Herkunftsland und ging nach Israel. »Ich war nach Hause gekommen«, sagte er zu dem Wechsel einmal. Erst dort sei ihm bewusst geworden, wie wichtig jüdische Musik für ihn sei.
Dabei sprach Feidman bei seiner Ankunft in Israel weder Hebräisch noch Jiddisch und auch kein Englisch. In der Einfachheit der jüdischen Lieder und Melodien habe er eine große spirituelle Tiefe gefunden, mit diesen Worten wird Feidman oft zitiert. Fast 20 Jahre lang war er Mitglied im Israel Philharmonic Orchestra mit Hauptsitz in Tel Aviv. Seine Solokarriere führte ihn danach zunächst in die USA. Feidman lebt noch heute in Israel, hat mittlerweile aber auch die deutsche Staatsbürgerschaft.
Bundestag, Weltjugendtreffen und Filmmusik
Für seine Verdienste als »großer Botschafter der Versöhnung« erhielt er 2001 das Bundesverdienstkreuz. Beim Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus brachte er im Januar 2000 im Plenarsaal des Bundestages zusammen mit Mitgliedern der Berliner Philharmoniker die Komposition »Love« seiner mittlerweile verstorbenen Ehefrau Ora Bat Chaim zur Uraufführung. Beim Weltjugendtag in Köln 2005 trat er auf Einladung von Papst Benedikt vor mehr als 800.000 Gästen auf.
Bekannt wurde Feidman zudem Anfang der 1990er Jahre wegen seiner Mitwirkung an Steven Spielbergs oscarprämiertem Holocaust-Drama »Schindlers Liste«. Zusammen mit dem Geiger Itzhak Perlman hatte er die Musik eingespielt. 1996 war er im deutschen Filmdrama »Jenseits der Stille« von Caroline Link zu sehen und zu hören. Es erzählt die Geschichte einer jungen Klarinettistin mit gehörlosen Eltern. Ein Jahr später trat er in Joseph Vilsmaiers »Comedian Harmonists« auf.
Feidman hat die jüdische Klezmer-Tradition in den Konzertsaal gebracht. »Das war meine Aufgabe, die Gott mir für dieses Leben gab und was ich für die Gesellschaft beitragen konnte«, sagte der Musiker einmal. Letztlich sei er aber kein Klarinettist, sondern »ein Sänger mit der Klarinette«, wird er gern zitiert: »Die Klarinette ist das Mikrofon für meine Seele.«
»Schlüsselfigur für das Wiederaufleben jüdischer Musik«
Eines seiner »Mikrofone« ist im Jüdischen Museum Berlin zu sehen. Die Klarinette kam auf Anregung der Direktorin Hetty Berg und ihres Teams in die Sammlung. Feidman schenkte sie dem Museum 2002 anlässlich seines 75. Bühnenjubiläums.
Die Kuratorin am Jüdischen Museum Berlin, Tamar Lewinsky, sagt: »Die Bedeutung von Giora Feidman - besonders in Deutschland - geht weit über seine Rolle als virtuoser Klarinettist hinaus.« Er habe mit seiner Musik geradezu einen Klezmer-Boom ausgelöst und sei »gewissermaßen eine Schlüsselfigur für das Wiederaufleben jüdischer Musik und für deutsch-jüdische Verständigung nach dem Holocaust«, sagt Lewinsky.
Der Dresdner Gitarrist und Komponist Reentko Dirks hat drei Jahre lang in Feidmans Ensemble gespielt. Zwischen 2012 und 2015 gestaltete er rund 150 Konzerte mit ihm. Dirks beschreibt eine »ungemeine Intensität«, die von dem Klarinettisten ausging. Er habe Witz und eine große Aura. Dirks ist dankbar, Teil seiner »Kerndomäne Klezmer« gewesen zu sein. Feidman, der sehr stark improvisiert, habe ihm viel zugetraut und ihn auch zu Solos animiert.
Auch im hohen Alter ist der Klarinettist noch aktiv. Die Bühne, so scheint es, ist sein Lebenselixier. Erst im Januar begeisterte Feidman in der Elbphilharmonie in Hamburg. Musik mache er »für eine bessere Welt«, sagte er damals.