»Jerusalem Duo«

Meisterkurse beim Opa

»Es gibt keine Musik, die wir nicht spielen können«, sagen Hila Ofek und André Tsirlin. Vorbild für das Duo ist Ofeks Großvater Giora Feidman. Foto: Stephan Pramme

»Jerusalem Duo«

Meisterkurse beim Opa

Hila Ofek und André Tsirlin verbinden mit Saxofon und Harfe die verschiedensten Musikstile

von Jonathan Scheiner  18.07.2016 19:16 Uhr

Gegensätze ziehen sich an. Das gilt jedenfalls für Hila Ofek und André Tsirlin. Der Musiker spielt Saxofon, eines der jüngsten akustischen Instrumente der Musikgeschichte. Dagegen ist die Harfe, die seine Partnerin Hila Ofek spielt, eines der ältesten Instrumente.

Dass die beiden Musiker aus Jerusalem dennoch zusammengefunden haben, ist ein Zufall. Kurz vor Konzertbeginn war Hilas Flötenspieler abgesprungen. In der Not sagte Hila zu André: »Lass uns doch zusammen spielen, niemand wird den Unterschied merken.« Und tatsächlich: Beim Debütkonzert der beiden stellte sich sofort eine innige musikalische Verbindung ein. Das war der Beginn des »Jerusalem Duo«.

Harmonien Die Kombination von Harfe und Saxofon ist eine Rarität. Doch die Instrumente passen wunderbar zusammen, meint Hila. »Die Harfe kann nicht nur hübsche Harmonien spielen. Und das Saxofon ist nicht zwingend dieses laute machohafte Jazz-Instrument. Bei unseren Konzerten brechen wir mit diesen überkommenen Erwartungen. Die Harfe ist jedenfalls nicht das Begleitinstrument des Saxofons. Sie kann durchaus mal im Vordergrund agieren.«

Die beiden Musiker kannten sich schon von der Highschool und studierten danach an der Jerusalem Academy of Music. Anschließend waren sie während ihres Militärdienstes gemeinsam als Musikanten der Armee im Einsatz. »Die Zahal ist die einzige Armee der Welt, die begreift, dass man seinem Land nicht nur als Kampfsoldat, sondern auch als Künstler dienen kann. Nach diesen drei prägenden Jahren kann man getrost ins Ausland gehen und sein Heimatland repräsentieren«, sagt André Tsirlin.

Beide Musiker kommen aus Jerusalem, auch wenn sie derzeit in Frankfurt leben, um ihren Masterabschluss zu machen. Hila wurde in Tel Aviv geboren, André in Irkutsk, doch »seit wir leben, wissen wir, wo unser Zuhause ist«.

Glück Musikalisch zog sich das Zusammenwachsen der beiden Musiker in die Länge, weil es kaum Repertoire für Harfe und Saxofon gibt. Was ihnen übrig blieb, war, klassisches Repertoire umzuschreiben oder Neuland zu betreten. »André sagte zu mir: Lass uns doch Tango oder Tango Nuevo von Astor Piazzolla spielen. Ich war skeptisch, ob das überhaupt zu uns passt. Zum Glück hat André darauf bestanden. Irgendwann habe ich begriffen, dass es keine Musik gibt, die wir nicht spielen können.«

Doch einer ist für beide Musiker von zentraler Bedeutung: Giora Feidman. Das gilt nicht nur für Hila, die Enkelin des großen alten Mannes der Klezmerklarinette, sondern auch für André: »Ich habe nie bei Feidman studiert. Doch ich glaube, es gibt keine Uni auf der Welt, die mir so viel Weisheit mitgeben könnte wie Feidman. Ich war oft bei seinen Konzerten. Nach dem Konzert gibt er jedem einzelnen Mitmusiker die Hand und bedankt sich bei ihm. Er ist für mich die größte Inspirationsquelle.«

Hilas Gefühlslage ist aus familiären Gründen komplexer. »Als ich klein war und gerade angefangen hatte zu spielen, hat er oft gesagt, wie schön ich spiele. Doch als ich erwachsen wurde, hat er mir tatsächlich verraten, was er von meinem Spiel hält, und so wurden daraus eher kurze Lektionen. Ich sehe ihn zuallererst als Großvater. Ich kann ihn jederzeit anrufen und ihn um Rat fragen. Er behandelt mich wie einen professionellen Musiker.«

Feidman Die Verbindung der drei Musiker hält bis heute. Ein Höhepunkt war ein Konzert in Yad Vashem, das am Ende eines Meisterkurses mit Giora Feidman stattfand, zu dem alljährlich Studenten aus aller Welt eingeladen werden. »Das war sehr bewegend«, erinnert sich André. »Wir spielten vor rund 100 Schoa-Überlebenden. Es ist immer bewegend, wenn Deutsche und Israelis zusammenarbeiten, aber dieses Mal war auch noch Krieg im Gazastreifen.«

Krieg war auch der erste Eindruck, den André von Israel bekam, als er 1991 Alija machte. Damals tobte der Golfkrieg. Die Familie war aus Irkutsk gekommen, wo der Vater als Dirigent gearbeitet hatte. André spricht fließend Russisch, doch sonst hat er kaum noch Bezug zu seiner alten Heimat.

»Als meine Oma vor sechs Jahren starb, habe ich entdeckt, dass mein Großvater, nach dem ich benannt bin, gar kein Jude war«, erinnert sich André. »Auf die Frage, ob es denn in dieser Familie gar keine Verwandten gibt, sagte meine Mutter, dass sich die Familie meines Großvaters von ihm losgesagt hat, weil er eine Jüdin geheiratet hat. So lässt sich für mich keine einzige Spur zu dieser Familie zurückverfolgen.«

Südamerika Dagegen ist die Familiengeschichte von Hila vergleichsweise simpel. »Ich bin zu 100 Prozent israelisch. Bei mir zu Hause gab es nie Konflikte wegen unterschiedlicher Herkunft. Die Stiefeltern meiner Mutter kamen aus Südamerika, aber wenn man weiter zurückgeht, aus Kischinew. Feidmans Vater war aus Kischinew nach Argentinien geflohen. Die Mutter meines Vaters ist in Israel geboren, aber deren Eltern kamen aus Polen und Moldawien.«

Die beiden Musiker des Jerusalem Duo leben derzeit in Frankfurt. »Wir sind nicht nach Deutschland gekommen, um Easy Living zu machen, sondern um hier zu studieren und uns weiterzuentwickeln. Mal sehen, was die Zukunft bringt. Noch sind wir jung, ungebunden und haben keine Kinder.« An einen neuen Ort wären nur zwei Instrumente zu transportieren.

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