Memoiren

Mein Feind Kissinger

Am Morgen des 11. September 1973 blickte der israelische Zeitungskorrespondent Ari Rath aus dem Fenster seines Hotels in Santiago de Chile und sah, dass Panzer der chilenischen Armee den Platz umzingelten. Einige Frauen und Männer verließen mit weißen Fahnen den Präsidentenpalast. Doch Präsident Salvador Allende weigerte sich, das Angebot des freien Geleits anzunehmen: »Revolutionen werden nicht mit Schwächlingen gemacht. Deshalb bleibe ich.«

verwundung Rath wusste, dass Allende mit der Weigerung, sich zu ergeben, sein Todesurteil unterzeichnet hatte. Wenige Tage zuvor hatte er den Präsidenten noch persönlich getroffen. »Ich komme aus Israel«, hatte er ihm gesagt: »Wir unterstützen die sozialistische Front.« Jetzt wurde er Zeuge von Allendes letztem Gefecht. Und nicht nur Zeuge. Während der Kämpfe landete ein Geschoss in Raths Zimmer und traf ihn anderthalb Zentimeter neben der Halsschlagader.

Bis heute steckt das Schrapnell in seiner Schulter. Der Reporter berichtete trotz der Verwundung weiter aus Chile für seine Zeitung, die »Jerusalem Post«, auch aus dem Stadion de la Nacion, wo Regimegegner von den Putschisten gefangen gehalten, gefoltert und ermordet wurden. Es folgte eine Vorladung bei der Junta. Rath wurde deutlich gemacht, dass seine Anwesenheit nicht erwünscht sei und er mit der nächsten Maschine das Land verlassen müsse.

Wenige Wochen später, am 6. Oktober 1973, brach der Jom-Kippur-Krieg aus. Israel war in seiner verzweifelten Lage dringend auf Militärlieferungen aus Amerika angewiesen. Doch während US-Außenminister Henry Kissinger keine Sekunde gezögert hatte, in Chile die Putschisten um Pinochet zu unterstützen, ließ er sich nur widerwillig darauf ein, Israel mit strategisch notwendigem Material zu versorgen. »Kissinger«, erzählt Rath, »wollte eigentlich, dass wir noch mehr bluten sollen, um, wie er sagte, Israels Hochmut zu strafen«.

ben gurion Nachzulesen sind diese und andere Geschichten aus einem Journalistenleben in Raths Erinnerungen, die jetzt bei Zsolnay erschienen sind. Ari Rath, der über 30 Jahre, von 1957 bis 1989, für die »Jerusalem Post« arbeitete, davon die letzten zehn Jahre als Chefredakteur, hat mit Ari heißt Löwe ein Buch vorgelegt, das sich von den üblichen, allzu oft geschwätzigen und eitlen Journalistenmemoiren wohltuend abhebt. Im Mittelpunkt steht nicht der Autor selbst, sondern die Zeit, in der er gelebt und die außergewöhnlichen Menschen, die er getroffen hat.

Der 1925 in Wien geborene Rath verließ nach dem »Anschluss« am 31. Oktober 1938 zusammen mit 50 anderen jüdischen Kindern das braune Österreich Richtung Palästina. Die Mutter hatte er früh verloren, der Vater war von der Gestapo verhaftet worden. In einem Alter, in dem heutzutage manche Sprösslinge noch von ihren Eltern zur Schule chauffiert werden, befand sich der junge Ari völlig allein in der fremden historischen Heimat.

Vielleicht hat diese Erfahrung dazu beigetragen, dass er sich so gut mit David Ben Gurion verstand, für den er 1965 im Wahlkampf arbeitete. Der Staatsgründer war selbst mit 19 Jahren ins Land gekommen. »Immer wieder«, erinnert sich Rath, »erzählte er, wie er einsam stundenlang durch die Sanddünen marschiert war und sich nach seinem Vater gesehnt hatte.« Es sind Erinnerungen wie diese, in denen der Autor mit nur wenigen, vorsichtigen Strichen ungewöhnliche Porträts Prominenter zeichnet, wie man sie sonst selten oder überhaupt nicht liest.

enttäuschungen Ari heißt Löwe ist auch deswegen ein leicht zu lesendes und zugleich schwieriges Buch, weil der Leser das darin geschilderte Israel unwillkürlich mit dem von heute vergleicht: Die Kibbuzbewegung, in der Ari Rath groß wurde, hat ihre einstige Vorbildfunktion endgültig verloren. Die »Jerusalem Post«, deren Chefredaktion er 1989 nach einer sehr unfreundlichen Übernahme durch einen US-Investor aufgeben musste, hat nie wieder jenes Niveau erreicht, das sie unter Raths Leitung hatte.

Und der von Rabin und Peres begonnene Friedensprozess, den Rath engagiert begleitete, steckt in einer fast hoffnungslosen Krise. »So sehr es mich schmerzt, dies niederzuschreiben: In der gegenwärtigen israelischen Gesellschaft fällt es mir zunehmend schwer, mich zu Hause zu fühlen«, lautet deshalb das Fazit des inzwischen 87-Jährigen.

Ari Rath, der vielleicht auch deswegen heute zwei Wohnsitze hat – in seiner Geburtsstadt Wien und in Jerusalem –, hätte allen Grund gehabt, eine bittere Abrechnung zu schreiben. Er hat es nicht getan. das liegt an seinem trotzigen Optimismus: »Ich habe vieles erlebt, was ich zuvor für unmöglich hielt. Mein sehnlichster Wunsch ist es, den Aufbruch zum Frieden in meiner Heimat noch zu sehen.«

Ari Rath: »Ari heißt Löwe«. Erinnerungen. Aufgezeichnet von Stefanie Oswalt. Zsolnay, Wien 2012, 344 S., 24, 90 €

Am Dienstag, den 13. November, um 20 Uhr liest Ari Rath im Literaturhaus Berlin, Fasanenstraße 23, aus seinen Memoiren.

Glosse

Der Rest der Welt

Rote Bänke, erschöpfte Katzen – ein Nachmittag in Amsterdam

von Margalit Edelstein  26.10.2026

Düsseldorf

50 Jahre Kiss in Deutschland: Doro Pesch feiert ihre Helden

Wegen Kiss fing Doro Pesch mit der Musik an. Später wurde der jüdische Bassist, Sänger und Bandleader Gene Simmons ihr Mentor. Seither ist ein halbes Jahrhundert vergangen

von Philip Dethlefs  26.10.2026

Entgleisung

Kein Skandal ist der Skandal

Milo Rau macht aus Wagners »Fliegendem Holländer« an der Deutschen Oper Berlin eine groteske Abrechnung mit Israel – und erntet dafür kaum einen Buh­ruf

von Maria Ossowski  26.10.2026

Brüssel/Gütersloh

Lucky Luke wird in Jubiläums-Comic zum Heiligen

Ein Cowboy kann nach acht Jahrzehnten noch viel erleben. Zwischen Saloon und Prärie warten in dem lange von einem jüdischen Texter dominierten Comic häufig Gegenwartsthemen

von Shireen Broszies  26.10.2026

Sachbuch

Tee mit Groys

In einem neuen Gesprächsband erzählt der Philosoph Boris Groys aus seinem Leben und verliert kein Wort über den Krieg. Warum unser Rezensent das Buch trotzdem zufrieden zuklappte: eine sehr persönliche Lektüre

von Dmitrij Belkin  25.10.2026

Aufgegabelt

Fenchel-Tarte-Tatin mit Trauben und Oliven

Rezept der Woche

von Yotam Ottolenghi  25.10.2026

Kino

Ali G ist zurück – und stößt auf Ablehnung

Nach 24 Jahren schlüpft Sacha Baron Cohen wieder in die Rolle seiner Kultfigur. Doch die Branche will ihn boykottieren

von Nicole Dreyfus  25.10.2026

Shkoyach!

Alles auf Pro oder Die Sehnsucht nach neuer Übersichtlichkeit

Die Einteilung in Pro-Dieses und Pro-Jenes halte ich für profan. Aber für Prokrastination bin ich immer zu haben

von Eugen El  25.10.2026

Zahl der Woche

90,8 Prozent

Funfacts & Wissenswertes

 25.10.2026