Sprachwissenschaft

Mameloschn West

»Ein eindrucksvoller Beleg jüdisch-deutscher Sprach- und Kulturbeziehungen« Foto: klartext

Jiddisch wird meist in Ostmitteleuropa verortet. Dass die Lingua franca der aschkenasischen Juden auch weiter westlich ihren Platz hatte, zeigt ein jetzt erschienener, Jiddisch im Rheinland betitelter Band mit kulturwissenschaftlichen Beiträgen, den die Judaistin Monika Grübel und der Linguist Peter Honnen herausgegeben haben.

In einem Überblick skizziert Roland Gruschka »Westjiddisch an Rhein und Main und im übrigen Europa«, die historische Sprache der Juden im westlichen Aschkenas. Er schildert das Jiddische als »Komponentensprache«, eine »voll ausgebildete, eigenständige Sprache, die durch Sprachkontakt in einer besonderen Situation der Mehrsprachigkeit überhaupt erst entstehen konnte und die durch solche anhaltenden Sprachkontakte in ihrem gesamten Sprachbau und ihrer kulturellen Semantik ausgeformt wurde«.

Wirkung Gruschka setzt »Quellsprachen« (jiddisch: schmélzwargschprachn), deren prägende Wirkung über Epochen des unmittelbaren Kontaktes hinaus anhält, von Elementen ab, die tatsächlich als deren »Komponenten« ins Jiddische eingingen.

Die »Sprachen der Kölner Juden im Mittelalter nach ihren schriftlichen Zeugnissen« nennt Elisabeth Hollender eine »erste Analyse einer besonderen Fundgruppe, die üblicherweise nicht mit archäologischen Ausgrabungen in Verbindung gebracht wird: Schriftfunde, in diesem Fall aus der Zerstörungsschicht aus dem August 1349, als das jüdische Viertel in Köln durch einen Angriff, der vermutlich von den Fleischern angeführt wurde, zerstört wurde«. Offenbar war die jüdische Gemeinde Kölns sprachlich – zumindest bis 1349 – vollständig integriert.

Zu den ausgewerteten Schieferfragmenten gehört auch eines, dem sich Erika Timm unter dem Rubrum »Der Text auf dem Fundstück 596-10« zuwendet. Anhand einer Schindel, die vor 1349 datiert, zeigt sich ausweislich der philologischen Deutung »eine weitere Fähigkeit der Aschkenasen, nämlich die Beherrschung des ›literarischen‹ Deutsch«.

Verserzählung
Es handelt sich »um den bisher ältesten von einem Aschkenasen für ein aschkenasisches Publikum, oder auch nur für sich selbst, niedergeschriebenen literarischen Text – mehr als 30 Jahre älter als die Sammlung von altjiddischen Verserzählungen in der ›Cambridger Handschrift‹ von 1382, darunter auch der aus dem Deutschen rezipierte ›Dukus Horant‹«.

Peri Terbuyken bewertet in »Gott, das Rheinland und die Welt im 19. Jahrhundert« die jüdisch-deutschen Tagebücher des Mainz-Kasteler Chasans Bernhard (Beer) Cahn (1793–1877), die sie im Rahmen eines Forschungsauftrags transliteriert. Das Dokument ist auf Deutsch abgefasst, aber mit an die Bedürfnisse des Deutschen angepassten hebräischen Lettern geschrieben.

Zudem hat Cahn phonetisch transliteriert, wodurch jiddische und rheinhessische Einflüsse erkennbar werden. Inhaltlich ist er auf die Alltagsgeschichte Kastels, sein jüdisches Umfeld, aber auch auf die Zeitgeschichte fokussiert.

Klaus Siewert untersucht »Hebraismen in deutschen Sondersprachen«, »die sich aufgrund ihrer ursprünglichen oder aktuellen Funktion, aus irgendwelchen Gründen Dritte vom Verstehen ausschließen zu wollen, von anderen Sprachformen des Deutschen grundsätzlich unterscheiden«. Ist das Tarnungsinteresse maßgeblich, spricht man von Geheimsprachen, zu denen die Viehhändlersprache und Rotwelsch-Dialekte zählen, die sich durch die Einflechtung von Hebraismen dem Verständnis Nichteingeweihter verschließen.

Heinz H. Menge zielt in seinem Beitrag über »Jiddisch im Ruhrdeutschen« auf den lexikalischen Wandel der Umgangssprache, den er für Entlehnungen aus dem Deutsch der Juden anhand zweier Wortlisten aus dem Jahre 1940 und einer dritten vom Ende des letzten Jahrhunderts illustriert.

Lexem Sowohl 1940 als auch 1999 fehlen Lexeme, »die heute allgemein bekannt sind, oft sogar als Modewörter bezeichnet werden«, wie zum Beispiel »Zoff«, »Chuzpe«, »Goi«, »Schabbes«, »Schmu«, »Tacheles« und »Zores«. Überdies erfahren wir, dass es im Polnischen das Verb »malochen« nicht gibt: »Aber das Vorurteil, die Umgangssprache des Ruhrgebiets sei ›polnisches Platt‹, ist nicht aus der Welt zu schaffen.«

Peter Honnen untersucht »Jiddisch in rheinischen Dialekten« und präsentiert unter anderem Wortartikel, die Kurzfassungen aus dem Rheinischen Wörterbuch darstellen und auf die jeweiligen Lemmata der entsprechenden Bände verweisen. Auch die Belegorte sind angegeben, »um so die Verbreitung und den tatsächlichen Gebrauch eines jiddischen Lehnworts im Rheinland zu dokumentieren und regionale oder lokale Schwerpunkte zu verdeutlichen«.

Der sorgfältig edierte und aufwendig illustrierte Band ist ein eindrucksvoller Beleg jüdisch-deutscher Sprach- und Kulturbeziehungen.

Monika Grübel/Peter Honnen (Hg.): »Jiddisch im Rheinland. Auf den Spuren der Sprachen der Juden«. Klartext, Essen 2014, 196 S., 14,95 €

Zahl der Woche

7 Wochen

Fun Facts und Wissenswertes

 28.07.2026

Literatur

Von der Liebe in Zeiten der ’Ndrangheta

In seinem Tatsachenroman erzählt der italienisch-jüdische Autor Roberto Saviano die Geschichte einer verschwundenen Frau

von Knut Elstermann  28.07.2026

Aufgegabelt

Marokkanische Bällchen

Rezepte und Leckeres

 28.07.2026

Meinung

Das ibug-Festival 2025 – eine sächsische Documenta?

Antisemitismus in der Kunst: Auf dem internationalen ibug-Festival in Chemnitz wurden im vergangenen Jahr Werke gezeigt, die antisemitische Klischees reproduzierten. Droht dieses Jahr eine Wiederholung?

von Vladimir Shikhman  28.07.2026

London

Boy George veröffentlicht israelsolidarischen Song »We Will Dance Again«

Der britische Sänger stellt in seinem neuen Reggae-Lied klar: »Ich stehe auf der Seite der Juden.«

von Imanuel Marcus  28.07.2026

New York

Carly Simon hat Parkinson

Die Sängerin und Songschreiberin mit jüdischem Familienhintergrund kämpft mit zwei gesundheitlichen Problemen. Trotzdem hat es sie es geschafft, ein neues Album aufzunehmen

 28.07.2026

Filmkritik

»Blutspur Antwerpen« – Ein Lehrstück in Sachen Antisemitismus

Keine einzige Rezension hat den Krimi bislang als das gewertet, was er ist: Ein rassistisches Machwerk in Gestalt einer »antisemitischen Parabel«

von Achim Bühl  27.07.2026

Musik

Und sie erinnern sich doch

Die Bayreuther Festspiele begehen ihr 150. Jubiläum mit Nachdenklichkeit

von Maria Ossowski  27.07.2026

Bayreuther Festspiele

Michel Friedman in Bayreuth: Neue Ära der Aufarbeitung beginnt

Um offen mit ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit umzugehen, haben die Bayreuther Festspiele Michel Friedman als Redner eingeladen. Der Publizist rief eine neue Ära des Erinnerns aus

 26.07.2026