Kulturkolumne

Lieber Chanukka als Weihnachtsstress?

Der Weihnachtsstress bleibt Juden zwar erspart. Aber das wahre Drama beginnt zu Pessach. Foto: Getty Images/iStockphoto

Doch. Ich beneide sie. Seit Jahren, bereits Mitte November, wenn die Superachiever (früher: Streber) beginnen, im Freundeskreis vegane Plätzchenrezepte auszutauschen. Meine Freundin Ruth ist mir leuchtendes Vorbild. Frei nach einem Lied von Franz Schubert: Ruth ist die Ruh …

Denn Ruth wird durch kein überfülltes Kaufhaus geschoben, um Playmobilfiguren zu erstehen, die Opa dem Patensohn schon vor drei Jahren geschenkt hatte. Sie verbrennt sich ihre Zunge nie am klebrigen Tetra-Pak-Glühwein für zehn Euro das Glas. Keine Dauerschleife von »We wish you a Merry Christmas« bringt sie um ihren hochmusikalischen Verstand.

Ruth schifft, frei nach dem Dichter Jean Paul, gelassen, manchmal bewundernd und doch ein wenig distanziert über den verdunstenden Tropfen der Weihnachtszeit. Sie staunt über unsere hochkalorische Zuckerbäckerei, bemitleidet meine blutdruckgefährdende Hektik und genießt derweil die kluge Tradition ihres Stammes, das Lichterfest auf acht Tage zu verteilen.

Latkes statt Gans, Apfelmus statt Knödel

Latkes statt Gans, Apfelmus statt Knödel, hie und da kleine Geschenke beim Dreideln, Schokotaler anstelle von Tante Trudis abgezählten Zehn-Euro-Scheinen und Sufganiot statt Stollen. Ein bedachtsames, religiös grundiertes, vom maximalen Vorbereitungsstress auf die plötzlich erzwungene Gemütlichkeitsklimax des Heiligen Abends befreites Familienfest.

Chanukka. Acht Abende ein weiteres Licht des Leuchters anzünden, in Öl Gebackenes genießen, sich des wiedereingeweihten Tempels erinnern und des erfolgreichen Aufstands der Makkabäer gegen die Hellenen.
Ohne falsche Sentimentalität, die sich am Weihnachtsabend zuverlässig in Familienkrächen entlädt, ohne Erwartungsdruck eines durch Jesus erschaffenen Weltfriedens, der nie folgt.

Derart gemächlich grundiert wünsche ich mir unsere Weihnacht.

Derart gemächlich grundiert wünsche ich mir unsere Weihnacht. Weihrauch und Myrrhe mögen dazu festlich duften. Eine kluge Predigt in der Kirche, ein kleiner Spaziergang und dann: im Sessel zu den Klängen von Bach und stark reduziertem Familiengesang den voll kitschig dekorierten, erleuchteten Weihnachtsbaum bewundern.

Aber keine Chance. »Die Tragik des Menschen ist die tiefe Kluft zwischen Erkenntnis und der daraus resultierenden Konsequenz.« Touché. André Heller, der jüdisch-österreichische Kulturalleskönner, hatte seinen Aphorismus vor Urzeiten in einem Interview zitiert, damit ich ihn jeden Dezember bestätige und Ruth beneide.

Minister und Agrarier, Bourgeois und Proletarier

Die zitiert dann gern das berühmte Erich-Mühsam-Heiligabend-Gedicht: »Minister und Agrarier, Bourgeois und Proletarier – es feiert jeder Arier zu gleicher Zeit und überall die Christgeburt im Rindviehstall. (Das Volk allein, dem es geschah, das feiert lieber Chanukka.)« Humor statt falscher Gefühle, auch so ein selten eingelöster Vorsatz zu Weihnachten.

Und Ruth, immer so gleichmütig? Warte, liebe Freundin, in wenigen Monaten erwischt es auch dich. Spätestens, wenn du tagelang putzt, ich dir alles Gesäuerte abkaufe und du noch die hinterste Ecke der Speisekammer nach Brotkrumen absuchst, die sich dem Verbrennen auf der Terrasse hartleibig widersetzen, während wir im Frühling lediglich ein paar Eier verstecken, dann ist es so weit. Zu Pessach sind wir in puncto Festtagsstress wieder quitt!

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