Autobiografisch

Liebe und Gesetz

Foto: Secession

Autobiografisch

Liebe und Gesetz

Deborah Feldman erzählt gnadenlos ehrlich von ihrer ultraorthodoxen Kindheit in Brooklyn

von Linda Rachel Sabiers  14.03.2016 19:08 Uhr

Deborah Feldmans Debütroman Unorthodox aus dem Jahr 2012 wurde nach vier Jahren ins Deutsche übersetzt und überzeugt mit bewusster Reduktion aufs Wesentliche: Worte, schonungslos ehrlich, die, anders als in der Originalausgabe, ohne Fotos auskommen. Zu Recht, denn Feldman besitzt die Gabe, mit ihrem Erzählstil gestochen scharfe Momente zu skizzieren. An einigen Stellen so scharf, dass sie wehtun.

Devoireh, Feldmans elfjähriges Ich, ist die erste Berührung mit einer Welt, die kaum Berührung zulässt. Es ist die Welt der Satmarer, einer ultraorthodoxen jüdischen Gemeinde im New Yorker Stadtteil Williamsburg, in der die Autorin die ersten 17 Jahre ihres Lebens verbringt. Damit öffnet sie Türen in eine Welt, die nicht nur für Außenstehende geschlossen ist, sondern gerade für Frauen einen Alltag aus Gehorsam, Gesetz und allumfassender Gottesfürchtigkeit darstellt.

wendepunkt Über neun Kapitel wächst der Leser mit Deborah Feldman. Vom schüchternen Mädchen, über einen im Verborgenen aufmüpfigen Teenager, bis hin zum Wendepunkt als junge Mutter, die realisiert, dass Glaube und Wissen manchmal nur wenige Häuserblocks trennen. Eine Reise in dicken, kratzigen Baumwollstrümpfen hinter traditionsgeschwängerte Fassaden, die im Laufe der Geschichte zu bröckeln beginnen. So schwankt man zwischen Empathie für die auf ihre Art bedingungslos liebenden Großeltern und Antipathie gegenüber der Gnadenlosigkeit des göttlichen Diktats.

Gekonnt schafft Feldman den konstanten Sprung zwischen lyrischer und nüchterner Erzählweise. Lyrisch, wenn sie von den geheimen Ausflügen in die Bibliothek erzählt, von ihren mit ähnlichen Schicksalen behaftete Romanheldinnen, mit denen sie sich gedanklich verschwistert. Nüchtern, wenn sie von einer Parallelgesellschaft berichtet, die schwarz-weiß denkt, keine Grauzonen zulässt. Schwarz wie die seidenen Kittel des Patriarchats, blütenweiß wie die Baumwolltücher der Frauen, die ihre Reinheit Monat um Monat unter Beweis stellen müssen. Ungeachtet einer für unser Empfinden so selbstverständlichen Privatsphäre.

Unorthodox ist für den Leser schonungslose Konfrontation mit Emotionen und erkämpften Freiheiten. Man möchte Devoireh in den Arm nehmen, als sie und ihre beste Freundin im hohen Gras der als jüdisches Ferienparadies bekannten Catskills erwischt und mit Unterstellungen konfrontiert werden, die jenseits ihres jugendlichen Verständnisses liegen. Man möchte Wort für sie ergreifen, wenn ihr Umfeld aus Tanten, Cousinen und Nachbarn schweigt. Möchte an einigen Stellen die Türen schließen, das Buch weglegen, durchatmen.

liebe Doch Deborah Feldman macht dies unmöglich – denn im krassen Gegensatz zur Wahrheit mischt sich nicht selten Wehmut unter ihre Sätze. Liebevoll schreibt sie über die zerlebte Küche ihrer Bubbe, der Frau, die sie großzog. Ehrlichen Respekt widmet sie ihrem Großvater, einem weisen Talmudisten, dessen Schwäche immer dann deutlich wird, wenn die Liebe zum Allmächtigen größer als die Liebe zu seinen Nächsten scheint.

Auch wenn ihre Kinderseele bebt, beschreibt Feldman ruhig und besonnen die sukzessive Trennung von morschen, vom Holocaust geschwächten Wurzeln. Wer die unerschöpfliche Kraft des eigenen Willens als spirituelle Redundanz abtut, der wird durch Deborah Feldman und Unorthodox eines Besseren belehrt. Denn auf sich allein gestellt erreicht sie das, was man als höchste persönliche Errungenschaft bezeichnen kann: Sie wird zur Heldin ihrer eigenen Geschichte.

Deborah Feldman: »Unorthodox«. Autobiografie. Übersetzt von Christian Ruzicska. Secession, Zürich 2016, 319 S., 22 €

TV-Kritik

Der Ring, der nie gelungen: Arte-Doku über Richard Wagner und sein monumentales Werk

Eine Arte-Dokumentation erzählt die Geschichte von Richard Wagners Gesamtkunstwerk und seiner Vereinnahmung durch die Nazis

von Manfred Riepe  14.08.2026

Hamburg

Art Garfunkel kommt für ein Konzert nach Deutschland

Der Vorverkauf für den Auftritt in der Elbphilharmonie am 24. Oktober hat begonnen

 14.08.2026

Forum

Leserbriefe

Kommentare und Meinungen zu aktuellen Themen der Jüdischen Allgemeinen

 14.08.2026

ESC

Stiller Boykott?

Einige Länder könnten auch die kommende Ausgabe des ESC aufgrund der Teilnahme des jüdischen Staates boykottieren. Nun gibt es eine neue umstrittene Regel

von Daniel Zander  14.08.2026

Exklusiv

Causa Georg Restle: Jetzt meldet sich WDR-Chefredakteurin Ellen Ehni zu Wort

Felix Schotland, Mitglied im WDR-Rundfunkrat und im Vorstand der Synagogen-Gemeinde Köln, beschwerte sich über einen X-Post des Journalisten Georg Restle. Nun bekam er eine Antwort

von Michael Thaidigsmann  13.08.2026

Leipzig

Ausstellung mit Fotografien von NS-Deportationen

Mehrere Hunderttausend Menschen wurden in der NS-Zeit aus dem Deutschen Reich deportiert. Ein Forschungsprojekt sichert seit Jahren fotografische Dokumente. Einige zeigt jetzt das Leipziger Ariowitsch-Haus

 13.08.2026

Jubiläum

25 Jahre Jüdisches Museum Berlin: Risse in der Geschichte

2001 öffnete das Jüdische Museum seine Türen für die Öffentlichkeit. Der Bau des bekannten Architekten Daniel Libeskind stand da schon. Und spricht bis heute eine eigene Sprache

von Nikolas Ender  13.08.2026

NRW

Antisemitismus: Konzert der Rapper Kneecap in Oberhausen geplant, Absage gefordert

Die Veranstalter sagen, Vorwürfe der Terrorverherrlichung gegen die nordirische Band würden ernst genommen und »intensiv geprüft«. Eine Absage komme aber nicht infrage

 13.08.2026

Comics

Asterix’ Vater

Vor 100 Jahren wurde René Goscinny geboren. Der Erfinder des gallischen Dorfes hat mit seinem jüdischen Humor ein Genre neu erfunden

von Alexander Kluy  13.08.2026