Fernsehen

Liebe in Zeiten des Feuers

Leipzig: In einem Hinterhof unweit des Stadtzentrums stehen alte Fahrräder und ein noch älteres »NSU«-Motorrad herum. Auf einem Holzaufsteller ist zu lesen, dass es hier »Monopoldaunen« zu kaufen gibt. Vor dem Hinterhaus, das ein Schild als Büro der Immobilienfirma Dallgow ausweist, lehnt eine Plakatwand. Eines der Poster zeigt eine jämmerliche Gestalt, die mit Armen und Beinen auf ein Hakenkreuz geflochten ist. Darüber prangt der Schriftzug »Der Arbeiter im Reiche des Hakenkreuzes«.

Ein anderes Plakat wirbt für die KPD. Mit polternden Geräuschen zerrt ein junger Mann in SA-Uniform einen Handwagen mit Benzinkanistern über das Kopfsteinpflaster – ungeduldig wird er von seinen Kameraden erwartet. Sekunden nach seiner Ankunft haben die Braunhemden die Plakate angezündet und applaudieren sich selbst zu ihrer Großtat.

Doch das Papier will nicht so richtig brennen, es kokelt nur mickrig vor sich hin. Kommandos schallen über den Hof, ein Mann mit einer Art Flammenwerfer in der Hand kommt herbei und brennt das übrig gebliebene Papier gründlich ab, bevor ein Kollege unter den gleichgültigen Blicken der Uniformierten neue Plakate festtackert. Der SA-Mann mit dem Handwagen wird derweil von einer jungen Frau wieder zurück auf seine Ausgangsposition gescheucht. Dann eilen die Hinzugekommenen wieder aus dem Bild, jemand brüllt: »Und bitte!«, und die Szene wird erneut gedreht.

romanze Es wird nicht bei einer brennenden Plakatwand bleiben, schließlich heißt das Historiendrama, das hier gedreht wird Nacht über Berlin – Der Reichstagsbrand. Der Fernsehfilm, den die UFA gemeinsam mit zahlreichen ARD-Anstalten produziert, soll um den 27. Februar 2013, wenn sich der Reichstagsbrand zum 80. Mal jährt, im Ersten ausgestrahlt werden.

Der Film erzählt eine Liebesgeschichte vor dem Hintergrund des Niedergangs der Weimarer Republik. Henny Dallgow, gespielt von Anna Loos, ist eine emanzipierte, aber reichlich unpolitische junge Frau aus wohlhabendem Hause, die, statt in der Immobilienfirma ihrer Familie zu arbeiten, lieber ein Ballhaus betreibt. Sie begegnet Albert Goldmann, dargestellt von Jan Josef Liefers, einem sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten jüdischer Herkunft, der in seiner Freizeit als sogenannter Armenarzt den vielen Bedürftigen hilft, die sich – es ist die Zeit der großen Wirtschaftskrise und der Massenarbeitslosigkeit – eine medizinische Behandlung nicht mehr leisten können. Die beiden verlieben sich allmählich ineinander. Hennys Familie ist von der Verbindung nicht begeistert. Als der Reichstag brennt und die Nationalsozialisten kurz darauf die Grundrechte der Weimarer Verfassung endgültig außer Kraft setzen, steigt der Druck auf das Liebespaar.

Liefers und Loos sind die Hauptdarsteller des Films. Zu ihnen gesellen sich weitere bekannte Namen: Claudia Eisinger als Hennys angepasste Cousine Uta und Sven Lehmann als deren Ehemann Erhart von Kühn, der in der NSDAP Karriere machen will. Franz Dinda spielt Alberts Bruder Edwin, einen Kommunisten, dessen konspirative Aktionen nicht nur ihn selbst in Gefahr bringen. Jürgen Tarrach ist der Ballhausbesitzer Matze Belzig.

Mit diesem breiten Tableau an Figuren wolle er eine Menge verschiedene Aspekte der damaligen Zeit erzählen, erklärt Regisseur Friedemann Fromm, der auch das Drehbuch mitgeschrieben hat. Die Herausforderung bestehe für ihn darin, »das Zeitgefühl herzustellen und die Figuren darin einzubetten«, sagt der Regisseur, der erfolgreiche Serien wie Die Wölfe oder Weißensee gedreht hat. Dabei dürfe man die Story aber nicht mit dem Wissen von heute erzählen, betont Fromm. Seine Hauptdarstellerin Anna Loos ergänzt: »Wir versuchen, Geschichte anhand von Menschen zu erzählen«.

privat Anna Loos und Jan Josef Liefers sind auch privat ein Paar. Gemeinsam zu drehen, sagen sie, sei für sie unproblematisch: Anders als viele Schauspielerpaare arbeiten die beiden gerne zusammen, aber nur, wenn, wie in diesem Falle, das Projekt stimmt. Als sich Darsteller und Crew zum Gruppenbild versammeln, pflückt Anna Loos ihrem Mann die Sonnenbrille von der Nase – eine vertraute Geste inmitten des ganzen Trubels. Die moderne Sonnenbrille passt nun wirklich nicht zum mühsam hergestellten 30er-Jahre-Flair des Sets. Immerhin drei historische Fachberater haben dafür gesorgt, dass der Film – trotz seiner rein fiktiven Geschichte – so authentisch wie möglich wirkt, bis hin zu den Details der Uniformen.

Nach dem Fototermin steht Jan Josef Liefers mit einer Zigarette in der Hand auf dem Hof, klopft suchend auf den Taschen seines Kostüms herum und fragt schließlich nach Feuer. Ob er sich schon einmal beruflich mit der Schoa auseinandergesetzt hat? »Als halbwegs wacher Mensch kann man sich nicht nicht mit dem Schicksal der Juden in Deutschland beschäftigen«, sagt der 48-Jährige. Da könne man beruflich und privat nur schwer trennen, immer wieder werde man über das Thema stolpern – im positiven Sinne: »Ein Stolpern, das uns aus dem Schlaf reißt.«

Darauf, dass er einen Juden spielt, habe er sich nicht extra vorbereiten müssen, sagt Liefers. Schließlich sei die Figur Albert Goldmann kein religiöser Mensch. Gerade aus diesem Umstand ergebe sich aber eine interessante Bruchlinie, findet der Schauspieler: Goldmann muss sich damit auseinandersetzen, dass sein Judesein durch den Antisemitismus der Nazis immer mehr Bedeutung gewinnt, obwohl es für ihn selbst nie besonders wichtig war. »Und dann wird das für ihn zur alles entscheidenden Frage«, sagt Liefers mit sichtbarer Empathie für seine Figur.

botschaft Auf der Straße wird derweil die nächste Szene vorbereitet, der Betreiber des benachbarten Schlagzeugladens steht vor seinem Geschäft und bestaunt das ungewohnte Gewusel in der sonst ruhigen Seitenstraße. Menschen laufen geschäftig hin und her, ein Pärchen übt, mit einem alten Rad geradeaus zu fahren, während sie auf dem Lenker sitzt, ein Oldtimer-LKW wird so geparkt, dass er Schild und Einkaufwagen eines zeitgenössischen Lebensmitteldiscounters verdeckt.

Ziel des Films, sagt Produzentin Cornelia Wecker, sei es nicht nur, mit einer Liebesgeschichte zu unterhalten, sondern auch Menschen und ihre unterschiedlichen Reaktionen auf die Entwicklungen ihrer Zeit zu zeigen. »Die Botschaft ist: ›Bezieht Stellung! Lauft nicht mit!‹«. So müsse auch die eigentlich unpolitische Henny durch ihre Liebe zu Albert lernen, Stellung zu beziehen – etwa, als die SA im Hof des Familienunternehmens zündelt.

Nach einigen Anläufen haben die Männer in den SA-Uniformen endlich den Bogen raus, die Plakatwand brennt, wie im Drehbuch vorgesehen, lichterloh. Mit jeder Klappe trauen die Darsteller sich näher an die immer höher schlagenden Flammen heran, wärmen sich unter hämischem Gejohle die Hände und den Allerwertesten. Als die Szene abgedreht ist, gehen sie sich schnell umziehen. 1933 ist für heute abgedreht.

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