Seminar

Liebe, Angst und schlechte Witze

Mehr als 100 Teilnehmer kamen vergangene Woche zum dreitägigen Kongress »Von Typen und Stereotypen« zusammen, um sich mit der Konstruktion des Bildes von Juden im Film zu beschäftigen.

Die Bildungsabteilung im Zentralrat der Juden in Deutschland hatte in Kooperation mit der dortigen Jüdischen Gemeinde und der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung erneut nach Wiesbaden eingeladen. Insbesondere die Film- und Medienwissenschaftlerin Lea Wohl von Haselberg begeisterte die Teilnehmer mit ihrem ausführlichen Vortrag über jüdische Figuren in westdeutschen Filmen, die nach 1945 spielen und zeitgenössisches jüdisches Leben zeigen.

Eine gewisse Bedeutung dieser Figurendarstellungen sei schon dadurch gegeben, dass viele Begegnungen von Nichtjuden mit Juden nur durch die Begegnung mit fiktiven Figuren im Film geschehen. Hier ist also durchaus ein Potenzial des Mediums Film gegeben: die Sichtbarmachung von Vielfalt. Eine andere Frage, über die im Publikum kontrovers diskutiert wurde, war allerdings, ob sich Juden durch die in den analysierten Filmen dargestellten Figuren repräsentiert fühlen.

stereotype Filmemacher stehen hierbei oft vor einem entscheidenden Problem: Jüdische Figuren müssen etwas sichtbar machen, das eigentlich nicht erkennbar ist. So sollen zwar nicht unbedingt Stereotype erzeugt werden, das Publikum soll die entsprechende Figur aber dennoch als jüdisch erkennen. Wie wird Jüdischsein im Film also markiert?

Wohl von Haselberg nannte hier verschiedene Kodierungen: jüdische Namen, jüdischer Humor, Orte und Dinge wie Essen, Friedhöfe und Judaica sowie Musik und Begriffe als auditive Kodierungen. Besonders der sogenannte jüdische Humor werde als Stereotyp, auf das sich Juden und Nichtjuden einigen können, zum zentralen Merkmal von Jüdischsein im Film: »Die Vorstellung, dass Juden besonders witzige Menschen seien, ist in fast allen analysierten Filmen präsent.«

Die Verbindung von Juden und Witzen funktioniere allerdings nicht immer, wie die Wissenschaftlerin an dem ARD-Tatort »Das Geheimnis des Golem« zeigte. Als Hauptfigur Schimanski darin einen antisemitischen Witz erzählt, wurde dies als persönliche Schwäche eines beliebten Charakters wahrgenommen. Antisemitismus werde so zu einem Fauxpas, der jedem einmal unterlaufen kann, und nicht als gesellschaftliches Problem kritisiert.

Auch Geschlechterkonstruktionen und die Inszenierung sexueller Attraktion analysierte Wohl von Haselberg in ihrer vorgestellten Dissertation. Denn selbstverständlich gibt es in der Darstellung von Jüdinnen und Juden auch geschlechtsspezifische Unterschiede, die sich beispielsweise in der stereotypen Darstellung des jüdischen Mannes als Objekt der Begierde nichtjüdischer Frauen zeigen.

»Die Nanny«
Mit diesen Unterschieden beschäftigte sich auch David Studniberg, der am Beispiel der amerikanischen Sitcoms Die Nanny und Seinfeld einen Vortrag zur Kultivierung jüdischer Normen und Werte im Fernsehen hielt. Jüdinnen würden dort beispielsweise als jiddische Mamme oder jüdische Prinzessin gezeigt, die Rollenzuschreibungen seien demnach recht limitiert.

»Stereotype müssen aber nicht immer negativ sein, sie können auch helfen, uns zu orientieren. Und gerade in einem so kurzen Format wie der Sitcom muss das Filmische so in Szene gesetzt werden, dass es jeder versteht«, sagt Studniberg im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen. »Bei der Zeichnung von allzu komplexen Charakteren wären die Zuschauer schnell überfordert. Und natürlich soll man auch über Überzeichnungen lachen können.«

Seinfeld Seinfeld beispielsweise versuche allerdings, sich gegen alle Konventionen zu wehren und auch mit jüdischen Stereotypen zu brechen: »Hier werden Grenzen ausgereizt, und der gesellschaftliche Konsens wird ad absurdum geführt.«

Zusammenfassend ist festzustellen, dass jüdische Themen im deutschen Film keine große Präsenz genießen. Juden werden meist noch immer lediglich als Opfer der Schoa dargestellt – in Filmen, die während der Zeit des Nationalsozialismus spielen. Auch die Angst vor Diskriminierung und Ausgrenzung sei klar der Zeit vor 1945 zugeordnet. Johannes Rhein zeigte in seinem Vortrag über das bundesdeutsche Nachkriegskino, wie dort jüdische Figuren zum Verschwinden gebracht wurden – sogar in Filmen nach literarischen Vorlagen. Eine Auseinandersetzung mit jüdischen Problemen habe nicht stattgefunden.

In aktuelleren Werken ist laut Wohl von Haselberg die Sehnsucht nach Versöhnung zwischen Nichtjuden und Juden ein zentrales Moment, das sich in der Auflösung klarer Grenzen zwischen Tätern und Opfern sowie einer Absage gegenüber der Tätergeschichte in der eigenen Familie zeige. Diese Sehnsucht drücke sich beispielsweise in der Erzählung von jüdisch-nichtjüdischen Liebesbeziehungen aus, die oftmals historische Zusammenhänge nivelliere.

Aus dem Publikum wurde diesbezüglich kritisiert, dass »die deutschen Meister der sogenannten Vergangenheitsbewältigung oftmals nur mit den toten Juden Solidarität zeigen«. In einer Feedbackrunde lobten die Teilnehmer das vielfältige Angebot und die lebendige Diskussion mit den jungen Wissenschaftlern. Sabena Donath, die gemeinsam mit Doron Kiesel das Programm der Bildungsabteilung verantwortet und durch das Seminar führte, merkte selbstkritisch das Fehlen einer Perspektive russischsprachiger Juden an. Dies soll im nächsten Jahr nachgeholt werden.

Zahl der Woche

2010

Funfacts & Wissenswertes

 21.04.2026

Theater

Eine Party der perfidesten Art

Simone Blattner inszeniert in Weimar den subversiv-doppelbödigen Text »Rechnitz (Der Würgeengel)« von Elfriede Jelinek

von Joachim Lange  21.04.2026

Biografie

Konzertmeister des Stardirigenten

In seinem neuen Buch über Herbert von Karajan bezieht sich der Historiker Michael Wolffsohn auch auf den Schoa-Überlebenden Michel Schwalbé. Ein Auszug

von Michael Wolffsohn  21.04.2026

Literatur

Neue Literatur zur Frage: Was bedeutet es, heute jüdisch zu sein?

Jüdische Gemeinschaften sind gespalten – nach dem Hamas-Angriff am 7. Oktober 2023 und dem Gazakrieg. Viele Linke sehen sich in ihrem eigenen Umfeld mit Antisemitismus konfrontiert. Zwei neue Bücher liefern Denkanstöße

von Leticia Witte  21.04.2026

Kolumne

»Un-fucking-believable«

Als erste Israelin: Noga Erezʼ fast surrealer Auftritt auf dem Coachella Valley Festival

von Laura Cazés  21.04.2026

New York

»Der Teufel trägt Prada 2« feiert Premiere

Der 2006 erschienene erste Teil gilt als Kult. Die Premiere der Fortsetzung zieht die Prominenz in Scharen an. Wann startet das Werk in Deutschland?

 21.04.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Kamele an der Limmat oder wie Zürich mit Tradition umgeht

von Nicole Dreyfus  20.04.2026

Essay

Darf es mir gut gehen …?

Die Welt brennt an allen Ecken und Enden. Unsere Autorin Barbara Bišický-Ehrlich plädiert für die Hoffnung als Lebensprinzip in dunklen Zeiten

von Barbara Bišický-Ehrlich  20.04.2026

Los Angeles

Natalie Portman erwartet drittes Kind

Zwei Kinder hat sie bereits aus ihrer früheren Ehe

 20.04.2026