Rückblick

Ladino im Café

Die Stadt Istanbul Foto: imago/alimdi

»Türküm, dogruyum, çalıskanım («Ich bin Türke, ich bin ehrlich, ich bin fleißig!») So beginnt der Eid, den bis vor einigen Jahren alle Grundschüler in der Türkei ablegen mussten – auch ich selbst bis zu unserer Übersiedlung nach Deutschland im November 1973 –, alle Kinder im Chor, jeden Montag vor Unterrichtsbeginn auf dem Schulhof.

So wurden wir auf das Türke-Sein eingestimmt. Türke-Sein, das verstand sich von selbst, bedeutete zugleich Muslim-Sein. Dass in dem Land, aus dem ich als Achtjährige zu meinen Eltern nach Deutschland kam, auch Menschen lebten, die keine Muslime und keine ethnischen Türken sind, davon habe ich als Kind nichts mitbekommen. Davon weiß noch immer fast die gesamte Bevölkerung nicht viel! Weil es in der offiziellen Geschichtsschreibung nicht vorkommt.

GROSSTANTE Rückblickend stelle ich fest, dass es durchaus die eine oder andere Situation gab, die Fragen aufkommen ließ und an die ich mich beim Schauen der Netflix-Serie Der Club erinnerte. So etwa an meine Besuche bei der Großtante im Istanbuler Stadtteil Nisantası. Tante Mediha traf sich nachmittags zum Kaffeetrinken mit ihrer Nachbarin, die sie stets mit «Madame Raschel» ansprach – und nicht wie im Türkischen üblich mit «Raschel hanım». Die Nachbarin sprach Türkisch mit einem Akzent, als sei es nicht ihre Muttersprache. Den Unterhaltungen der beiden Damen konnte ich aber entnehmen, dass Madame Raschel Istanbulerin ist.

Und noch eine andere Erinnerung weckte die Serie, deren erste, aus sechs Teilen bestehende Staffel ich am Stück bis morgens um drei Uhr angeschaut habe. Im Sommer 1985 reiste ich als junge Studentin mit meinem deutschen Freund in die Türkei. Ich wollte ihm meine «Heimat» zeigen und dabei auch selbst das Land besser kennenlernen.

REISE Istanbul war die erste Station auf der Tour. Wir machten einen Ausflug auf die nahe gelegenen «Prinzeninseln» und fuhren mit der Fähre zur «Büyük Ada», der größten der fünf Inseln im Marmarameer. Dort hörte ich in einem Café zwei alte Damen in einer Sprache sprechen, die mir im wahrsten Sinne des Wortes spanisch vorkam. Die beiden waren mir aufgefallen, weil sie mit dem Kellner auf Türkisch sprachen, aber untereinander in einer mir fremden Sprache. Die Gäste am Nachbartisch waren dem Habitus nach keine Touristinnen.

Ich traute mich nicht zu fragen, erkundigte mich später beim Kellner und erfuhr, dass die beiden Ladino gesprochen hatten. Hätte es damals Smartphones gegeben, dann hätte ich googeln und gleich erfahren können, dass es die Sprache der sefardischen Juden ist, die Ende des 15. Jahrhunderts im Zuge der Spanischen Inquisition Zuflucht im Osmanischen Reich fanden.

Die Begebenheit im Café auf der Büyük Ada brachte mich dazu, mich mit der Geschichte meines Herkunftslandes zu beschäftigen und aus deutschsprachigen Geschichtsbüchern vieles von dem zu erfahren, was in der Türkei kein Thema ist. Wie etwa die staatliche Schikane gegenüber den nichtmuslimischen Bürgern in Form der Vermögenssteuer, die viele in den finanziellen Ruin führte, was in Kulüb thematisiert wird. Auch vieles andere gehört nicht zur offiziellen Geschichtsschreibung. Und weil es so ist, erfährt der Zuschauer dies alles aus den Nebensträngen.

Dass es in einer Serie, die auch in der Türkei ausgestrahlt wird, Dialoge in Ladino gibt, ist eine der Besonderheiten dieser Produktion. Warum Ladino heute aber nur noch von wenigen gesprochen wird, warum die jüdische Bevölkerung schrumpft, auch das erfahren Zuschauer «zwischen den Zeilen», aber immerhin, sie erfahren es!

BEYOGLU Der Club nimmt das Publikum mit ins Istanbuler Vergnügungsviertel Beyoglu, wie es in den 50er- und 60er-Jahren war – in eine Epoche, in die ich gerne eine Zeitreise gemacht hätte, weil ich über sie während meiner Recherche von alteingesessenen alten Istanbuler Juden und Armeniern so viel gehört hatte. «Nie ging man ohne Kopfbedeckung auf die Istiklal Caddesi», hatte mir einmal ein alter Herr erzählt.

Und er hatte auch von den «Ereignissen des 6. zum 7. September» gesprochen, hinter denen sich nichts anderes als das Pogrom von 1955 verbirgt. Geschäfte, Synagogen und Wohnhäuser jüdischer und anderer nichtmuslimischer Bürger wurden geplündert und angezündet, etliche Menschen umgebracht. Das als staatlich organisierte Ausschreitungen zu benennen, ist immer noch ein Tabu in der Türkei.

Der Plot von Kulüp handelt daher nur vordergründig von einer vergangenen Geschichte. Der Nationalismus, der Hass auf ethnische und religiöse Minderheiten, der Antisemitismus sitzt tief und ist präsent. Auch weil dies schon der jüngeren Generation «eingetrichtert» wird. Leider ist die Schule in der Türkei kein Ort, an dem Kinder und Jugendliche die Möglichkeit bekommen, aus der Geschichte zu lernen.

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