Jubiläum

Komik, Rache und Neurosen

Gemeinschaftsarbeit von John Turturro und Woody Allen: »Fading Gigolo« Foto: Thinkstock, PR

Anmerkung der Redaktion (2. August 2023):

Als dieser Text von Fabian Wolff in der Jüdischen Allgemeinen erschien, glaubte die Redaktion Wolffs Auskunft, er sei Jude. Inzwischen hat sich Wolffs Behauptung als unwahr herausgestellt.

Als vor 20 Jahren das erste Jüdische Filmfestival Berlin (JFFB) stattfand, da wusste niemand, was eigentlich »jüdische Filme« sein sollen, und über israelisches Kino haben sowieso alle gelacht, weil sie an Eis am Stiel denken mussten. Der erste Film, der auf dem Festival gezeigt wurde, hieß Freud’s Leaving Home und erzählte von einer jüdischen Frau in Schweden, die sich zwischen drei Männern entscheiden muss. Es war der erste Film der Regisseurin Susanne Bier, die hochschwanger zur Eröffnung kam, erinnert sich Festivalleiterin Nicola Galliner. Heute ist Bier eine der erfolgreichsten Regisseurinnen Skandinaviens – und ihre Tochter inzwischen 20, so alt also wie das JFFB.

Zum Jubiläum am kommenden Wochenende wird eine jüdische Filmikone das Festival eröffnen. In Fading Gigolo spielt Woody Allen einen Zuhälter, der seinen besten Freund (John Turturro) als Gigolo anheuert. Turturro hat zu der melancholischen Loserkomödie auch das Drehbuch geschrieben und Regie geführt. Durch seine Rollen in Filmen der Coen-Brothers wie Barton Fink ist er einer der größten Krypto-Juden des Kinos. Turturro ist der Stargast der Eröffnungsgala am 30. März, die wie immer im Hans-Otto-Theater in Potsdam stattfindet.

urgestein Einem ähnlichen New Yorker Urgestein wie Woody Allen ist eine Dokumentation gewidmet. Andre Gregory hat seinen Platz in der Filmgeschichte mit einem einzigen Restaurantbesuch errungen: In My Dinner With Andre von Louis Malle spielt er eine Version seiner selbst und tauscht mit seinem Freund Wallace Shawn beim Essen Gedanken über die Welt und das Leben aus. Die Dokumentation Before and After Dinner erzählt das Leben von Gregory, der vor allem als Theaterregisseur tätig ist. Regisseurin Cindy Kleine ist die Ehefrau von Gregory, was ihr besondere Nähe und einen zärtlich-klaren Blick ermöglicht.

Ein weiteres Künstlerporträt ist Life As A Rumor, in dem der nicht nur in Israel berühmte Schauspieler und Regisseur Assi Dayan auf sein Leben blickt. Kindheitsfotos, Privatvideos und Filmausschnitte, alle begleitet von Dayans selbstergründendem Off-Kommentar, vermischen sich zu einer Reflexion darüber, was eigentlich ein erfolgreiches Leben ist. Dayan ist vielleicht das Gesicht des israelischen Films, mit ikonischen Rollen wie dem Therapeuten Dagan in der Serie BeTipul. Doch letztlich ist die Dokumentation von Adi Arbel und Moish Goldberg vor allem die Geschichte einer Vater-Sohn-Beziehung: Sohn Assi braucht lange, um sich vom Schatten seines »Vaters mit einem Auge« Mosche nicht mehr verfolgt zu fühlen.

Gleich zwei polnische Spielfilme, die für Galliner »zusammengehören«, zeigt das Festival: Beide beschäftigen sich mit Schuld und lange vergrabenen Geheimnissen. In Ida von Pawel Pawlikowski erfährt eine junge Ordensschwester im Polen der 60er-Jahre, dass sie eigentlich Jüdin ist und ihre Eltern während der Schoa ermordet wurden.

Intrige Auch der Thriller Aftermath von Wladyslaw Pasikowski dringt in die Vergangenheit. Zwei Brüder erkunden die Geschichte eines Pogroms in ihrem Heimatort und stolpern in eine Intrige – dabei wird auch klar, dass ihr verstorbener Vater beteiligt war. Die Detektivgeschichte wurde in Polen sehr kontrovers diskutiert. Als Ergänzung dazu zeigt die Dokumentation We Are Here von Francine Zuckerman jüdisches Leben im heutigen Polen.

Zum Programm des JFFB gehörte immer schon, auch die leicht abwegigen und schillernderen Aspekte jüdischen Lebens zu zeigen. Sukkah City von Jason Hutt begleitet die Arbeit an einer Ausstellung in New York, in der die aufregendsten Laubhütten der Welt gezeigt werden sollen. Zu den Gewinnern gehört auch der deutsche Architekt Matthias Karch, der den Film in Berlin präsentieren wird.

Für Horror war das Festival bisher nicht bekannt, aber Big Bad Wolves von Aharon Keshales und Navot Papushado ist auch ein besonderer Film. Revenge Story, Kammerspiel, böses Märchen: Der Thriller um einen Kindermord und seine Folgen wirft jede Minute die Erwartungen neu um. Quentin Tarantino spricht sogar vom »besten Film des Jahres 2013«. Das liegt vielleicht auch daran, dass Big Bad Wolves voller Verweise auf seine Gangsterfilme aus den 90ern steckt.

Kreativität Wegen solch vitaler Filme erlebt das israelische Kino gerade einen internationalen Hype. Filme wie Bethlehem oder Footnote sind Arthaus-Hits. Das JFFB hat die Qualität dieser Filme früh erkannt – inzwischen waren fast alle großen israelischen Regisseure und Schauspieler schon Gast auf dem Festival. Diese Kreativität schwappt nicht nur in Form von Filmimporten in deutsche Kinos. Dieses Jahr laufen gleich mehrere Filme von Regisseuren aus Israel, die in Deutschland leben oder arbeiten.

Die Dokumentation Schnee von Gestern erkundet eine fast unglaubliche Geschichte: die eines Schoa-Überlebenden aus Wilna, der sich nach dem Krieg umbenannte und ein normales Leben in der DDR führte, ohne je Kontakt zu seiner Familie aufzunehmen. Regisseurin Yael Reuveny ist seine Großnichte; sie begibt sich auf Spurensuche – und findet dabei eine neue Familie.

Die Tragikomödie Anderswo von Ester Amrami sucht Humor in einem klassischen Kulturclash: Die Israelin Noa lebt seit zehn Jahren in Berlin und kehrt mit ihrem Freund Jörg in ihre alte Heimat zurück. Mit Leichtigkeit erkundet Regisseurin Amrami Vorurteile und Familienneurosen und erzählt dabei auch ein Stück ihrer eigenen Geschichte. Nicola Galliner freut sich über diese aufregenden Impulse, die von einer Filmemacherin wie Amrami ausgehen: »Vielleicht bringen sie dem deutschen Film etwas zurück, das ihm lange gefehlt hat.« Vielleicht wird Amrami also die neue Susanne Bier – ob sie auch schwanger ist, ließ sich leider nicht in Erfahrung bringen.

www.jffb.de

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