Elsa Morante

Keine Chance haben und doch darum ringen

Elsa Morante

Keine Chance haben und doch darum ringen

Der große Roman »La Storia« von 1974 erscheint in neuer deutscher Übersetzung

von Ellen Presser  24.03.2024 06:52 Uhr

Wirklich große Romane, die Lebensgefühle in der NS-Verfolgungszeit schildern, gibt es nicht viele. In deutscher Sprache fällt (mir) da als erstes Jakob der Lügner von Jurek Becker ein. Das Episodenwerk zwischen Hoffnung auf Erlösung und – Alltag im Ausnahmezustand – der drohenden Räumung eines namenlosen Ghettos wurde eines der erfolgreichsten auch verfilmten Bücher in der DDR.

Das gilt ebenso für zwei Werke, die Italien im Faschismus widerspiegeln: Die Gärten der Finzi-Contini von Giorgio Bassani, das den Niedergang einer wohlsituierten jüdischen Familie erzählt, und La Storia von Elsa Morante (1912–1985), ein in jeder Hinsicht gewaltiges Buch über das Los kleiner Leute. Es ist gerade in neuer Übersetzung erschienen und fokussiert ein Land, das seit 2022 von Giorgia Meloni, der Vorsitzenden der als postfaschistisch klassifizierten Partei Fratelli d’Italia, regiert wird.

Als La Storia, das – mit ausführlichen Rückblenden zur Vorgeschichte – zwischen 1941 und 1947 angesiedelt ist, erstmals 1974 in Italien erschien, entwickelte es sich rasch zum Bestseller. Die Autorin bestand auf einer günstigen Taschenbuchausgabe, weil sie es für alle erschwinglich machen wollte im damals als »Nichtleserland« verschrienen Italien.

600.000 verkaufte Exemplare, andere Quellen sprechen von 800.000, machen den Erfolg dieses Romans deutlich. Er schildert das Leben von Durchschnittsmenschen, die ums tägliche Überleben kämpfen, sich arrangieren mit den faschistischen Verhältnissen, der deutschen Besatzung, dem Anpassen und Widerstehen, kleinen Glücksmomenten, die doch nur die Vorhut der nächsten Katastrophe sind.

Elsa Morante schrieb langsam und wenig, darunter nur vier Romane. Doch sie gilt heute als eine der wichtigsten Autorinnen ihrer Generation.

Mittendrin die Grundschullehrerin Ida Ramundo, verwitwete Mancuso, 1903 geboren als Tochter von Nora Almagià und Giuseppe Ramundo. Die Mutter stammt aus Padua, ihr Mädchenname deutet den jüdischen Hintergrund an, der Vater kommt »aus einer Bauernfamilie aus dem tiefsten Süden Kalabriens«.

Zu diesem Zeitpunkt spielt das keine Rolle, ganz anders dann »in den ersten Monaten 1938, (als) auch in Italien in den Zeitungen, den Ortsvereinen und im Radio eine erste Kampagne gegen die Juden anlief«. Morante findet ein treffliches, drastisches Wortspiel dafür: »Vielleicht war es dem Faschisten Mussolini nicht bewusst, dass er mit dem von Hitler, dem Nationalsozialisten, geförderten Feldzug in Äthiopien (dem dann sogleich die andere gemeinsame Unternehmung in Spanien folgte) seinen Karnevalswagen für immer an den Leichenwagen des anderen gekoppelt hatte.«

Jedes mächtige ihr Leben weiter demolierende Ereignis, und damit Kapitel, wird durch eine akribisch recherchierte Chronik der Zeitläufte eröffnet. Die erste reicht von 1914 bis Ende 1940. Bis »an einem Januartag des Jahres 1941« ein aus Dachau stammender deutscher Soldat namens Gunther Ida vergewaltigt. Danach muss sie sich nicht nur um ihren pubertierenden, erst vom Faschismus, dann vom Partisanendasein, dann vom Schwarzmarkt angezogenen, 1926 geborenen Sohn Nino, sondern um das »Männelchen« Giuseppe, ihren Zweitgeborenen, sorgen. Für die alleinerziehende Mutter, ohne Geld, doch mit dem auch für ihre Kinder gefährlichen Geheimnis ihrer Herkunft, ziemlich chancenlos.

Viele Elemente haben mit der Biografie der Autorin zu tun. Auch sie war das Kind einer jüdischen Mutter, die in einer Grundschule unterrichtete. Dazu zweites von fünf Kindern, keines vom gesetzlichen Vater, sondern alle von einem »Onkel« gezeugt. 1943 musste sie mit ihrem damaligen vaterjüdischen Mann, dem Schriftsteller Alberto Moravia, untertauchen.

Elsa Morante schrieb langsam und wenig, darunter nur vier Romane. Doch sie gilt heute als eine der wichtigsten Autorinnen ihrer Generation. Für ihre Freundin Natalia Ginzburg war La Storia (deutsch: Geschichte) überhaupt »der schönste Roman des Jahrhunderts«. Zweimal wurde er verfilmt, 1986 mit Claudia Cardinale in der Hauptrolle, 2023 als Fernsehserie. Vielleicht wird beides für den deutschen Markt (wieder)-entdeckt. Denn wie endet der Roman: »… und die Geschichte geht weiter …«.

Elsa Morante: »La Storia«Aus dem Italienischen von Maja Pflug und Klaudia Ruschkowski. Klaus Wagenbach, Berlin 2024, 763 S., 38 €

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