Antisemitische Hetze

Kanye West und die jüdische Verschwörung

»Geistige Erkrankung ist keine Entschuldigung für Antisemitismus«: US-Rapper Kanye West empört mit judenfeindlicher Hetze. Foto: picture alliance / zz/John Nacion/STAR MAX/IPx

Antisemitische Hetze

Kanye West und die jüdische Verschwörung

Der einstige Rap-Pionier entwickelt sich zusehends zu einer fragwürdigen Figur

von Lilly Wolter  13.10.2022 11:34 Uhr

Der US-Rapper Kanye West hat im Laufe seiner Karriere nie mit kontroversen Manövern gespart. Im Internet lassen sich seine verstörenden Aktionen inzwischen in langen Listen chronologisch nachvollziehen. Manche dieser Aktionen lösten irritiertes Schmunzeln aus, mit anderen überschritt er moralische Grenzen aber so sehr, dass vielen das Lachen verging. Mit seinen antisemitischen Verschwörungserzählungen ging er nun noch weiter.

In der vergangenen Woche postete Kanye West via Instagram einen Beitrag, in dem er seinem Musikerkollegen Sean »Diddy« Combs unterstellte, von Juden kontrolliert zu werden. Dass Juden andere, gar die ganze Welt, im Geheimen kontrollieren – eine gängige antisemitische Erzählung.  Innerhalb weniger Stunden hatte Instagram den Beitrag entfernt und sein Konto gesperrt.

Das hielt den 45-Jährigen aber nicht davon ab, seinen Antisemitismus auf Twitter fortzusetzen. Dort schrieb er, dass er auf »Death con 3 gegenüber jüdischen Menschen« gehe und spielte damit auf den Alarmzustand der Streitkräfte der USA an. Außerdem schrieb er, dass er ja gar nicht antisemitisch sein könne, weil Schwarze auch Juden seien.

Auch Twitter löschte diese Beiträge, sein Account mit rund 30 Millionen Followern wurde allerdings nicht blockiert. So konnte der Musiker noch nach dem Entfernen seiner Tweets posten: »Was glaubt ihr, wer diese Cancel Culture kreiert hat?«.

https://twitter.com/kanyewest/status/1578964763220271105

Manche wollen diese Ausfälle mit seiner bipolaren Störung entschuldigen oder sie vor dem Hintergrund seiner musikalischen Errungenschaften aushalten. Ted Deutch, CEO des American Jewish Committee, hat diese Rechtfertigungen satt.

In einem Statement erklärte er: »West hat zugegeben, dass er an einer bipolaren Störung leidet, aber eine geistige Erkrankung ist keine Entschuldigung für Antisemitismus.« Mit seinen Kommentaren habe West in einer Zeit, in der Antisemitismus und andere Hassverbrechen auf der ganzen Welt auf ein alarmierendes Niveau gestiegen sind, den Hass gegen Juden effektiv gefördert, so Deutch. Von Twitter und Instagram fordert er, die eigenen Richtlinien zum Verbot von Hassreden zu befolgen und »Wests antijüdischen Hass von ihren Kanälen fernzuhalten.«

Kanye West habe den Hass gegen Juden effektiv gefördert, so Ted Deutch.

CEO des American Jewish Committee

Doch nicht nur Fans schützen ihren Kanye West, sondern auch große US-Medien, wie das Online-Magazin »Vice« offenlegte. West sorgte vor seinen antisemitischen Kommentaren bereits auf der Pariser Fashion Week für Empörung, als er sich dort mit einem »White Lives Matter«-Shirt zeigte und damit die rassistische Antwort auf die Black-Lives-Matter-Bewegung unterstützte. Der US-amerikanische Nachrichtensender Fox News lud ihn daraufhin zu einem Interview ein.

In dem final ausgestrahlten Gespräch betonte der Musiker, dass sein Outfit bei der Fashion Week von Gott inspiriert gewesen sei und stellte Verschwörungstheorien zu dem Amoklauf an der Robb Elementary School im Mai 2022 auf. Antisemitische Kommentare waren in dem Zusammenschnitt allerdings nicht zu finden. Jetzt kam heraus, warum: Der Sender schnitt sämtlichen Antisemitismus aus dem Gespräch heraus.

In dem ungeschnittenen Filmmaterial ist nun zu hören, dass West es vorziehen würde, wenn seine Kinder anstatt des afroamerikanischen Kwanzaa-Festes lieber Chanukka kennenlernen sollten, weil »es mit etwas Finanztechnik verbunden ist.« An anderer Stelle sagte er, er vertraue mehr auf die Arbeit mit »Latinos« als mit »gewissen anderen Geschäftsleuten.«

Der Sender schnitt sämtliche judenfeindliche Aussagen von West aus dem Gespräch heraus.

West behauptete zudem, dass die Organisation »Planned Parenthood«, aus der später der deutsche Ableger »Pro Familia« hervorging, in Verbindung mit dem Ku-Klux-Klan gegründet wurde, um »die jüdische Bevölkerung zu kontrollieren.«

Er deutete zudem an, dass Schwarze die wahren Juden seien. Das Gespräch führte der Journalist Tucker Carlson, der unter anderem für rechte Hetze und verschwörungsideologische Kommentare bekannt ist. Auch Fox News selbst wird immer wieder für die Verbreitung von Desinformation und Fake News kritisiert.

Schon auf seinem Album »Yeezus« (2013) sang Kanye West: »Ich bin ein Gott.« Welche Entgleisungen er sich mit dieser Selbstwahrnehmung in Zukunft noch leisten wird, bleibt offen. Gerechnet werden muss aber offensichtlich mit allem.

Geburtstag

Bob Dylan wird 85: Genie, Grenzgänger und niemals greifbar

Die berühmte Frage in seinem bekanntestem Song lehnt sich direkt an diese Geschichte an: Wie fühlt es sich an, ohne ein Heim zu sein, wie ein völlig Unbekannter, wie ein rollender Stein?

von Paula Konersmann  24.05.2026

New York

Bob Dylan - Der geniale Sonderling

Protestlieder, elektrischer Rock, Country-Alben, religiöse Musik. Die Welt hat ihm einige der einflussreichsten Musikstücke zu verdanken. Eine Ikone wollte er aber nie sein

von Anne Pollmann  24.05.2026

Zahl der Woche

85 Jahre

Fun Facts und Wissenswertes

 24.05.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Wenn das Leben dir Zitronen schenkt oder Kennst du das Land ...

von Katrin Richter  24.05.2026

Konzert

»Man muss richtig aus dem Vollen schöpfen«

Omer Meir Wellber bringt »Mass« von Leonard Bernstein auf die Bühne. Hamburgs Generalmusikdirektor erklärt, welche Faszination von dem Stück ausgeht

von Stephen Tree  24.05.2026

Kulturkolumne

Wenn Israelis anklopfen

Influencer haben das alte Israel für sich entdeckt – und feiern es online

von Sophie Albers Ben Chamo  24.05.2026

Medizin

Gemeinsam gegen Krebs

Von den Grundlagen zur Therapie: Seit 50 Jahren arbeiten deutsche und israelische Wissenschaftler bei der Erforschung von Tumoren zusammen

von Gabriele Hermani  24.05.2026

Cannes

Hüller als Erika Mann, Eidinger als Gestapo-Chef

Das Programm der Filmfestspiele ist vom Zweiten Weltkrieg geprägt. Ein Beitrag außerhalb des Wettbewerbs sorgte für Überraschungen

von Patrick Heidmann  24.05.2026

Tacheles-Preis

»Ihr prägt den Journalismus. Ihr prägt unser Land«

WELT-Chefredakteur Helge Fuhst hielt die Laudatio auf die Jüdische Allgemeine. Eine Dokumentation

von Helge Fuhst  21.05.2026