Kulturkolumne

Jüdischer Humor als Überlebensstrategie

Foto: KAN 11

Die israelische Gesellschaft verhandelt gerade vieles. Denn selbstverständlich dominieren die Katastrophe des 7. Oktober 2023 und ihre Auswirkungen nach wie vor das gesellschaftliche Zusammenleben, auch wenn die strenge Routine vorherrscht, immer weiterzumachen. Doch wie verhandelt man die Gegenwart, wenn die Vergangenheit noch nicht abgeschlossen ist? Wie verändert sich der Blick auf das Vergangene, wenn das Gegenwärtige kaum zu ertragen ist? Durch den 7. Oktober klingt auch jede Geschichte der Schoa anders. Sie rückt plötzlich ganz nah. Besonders in Israel, aber auch in der Diaspora.

Ich bin auf der Jahreskonferenz von »Zikaron BaSalon« (»Gedenken im Wohnzimmer«), einer Initiative in Israel, die in den vergangenen Jahren immer größeren Zuwachs erhielt und zum Ziel hat, für jede Geschichte der Schoa ein Wohnzimmer zu finden, in dem Menschen zuhören und ein Zeugnis nicht nur abgelegt, sondern aktiv weitergetragen wird. Noa Koler, preisgekrönte israelische Schauspielerin und Komikerin, und der Regisseur Ram Nahari sprechen dort über ihre gemeinsame neue Serie Makom Sameach, auch bekannt als Happy Place, die seit November 2025 im israelischen Fernsehen auf »Kan« läuft.

Happy Place verhandelt die großen Lebensfragen inmitten der absurdesten Momente des Alltags. Die Protagonistin Vered ist damit beschäftigt, ihr Leben, ihre etwas eingerostete Ehe und sich selbst zusammenzuhalten. Als ihre Mutter Nomi, Tochter von Schoa-Überlebenden, verkündet, ihrem Leben ein Ende setzen zu wollen, weil ihr infolge ihrer Diabetes-Erkrankung zwei Zehen amputiert werden sollen, nimmt sich Vered in ihrem Bedürfnis, alles in Ordnung bringen zu wollen, mit allerhand Maßnahmen der Aufgabe an, ihre Mutter von ihrem Plan abzuhalten.

Es geht in den urkomischen Szenen um unerfüllte Träume, die Komplexität des Mutter-Tochter-Verhältnisses, unerzählte Geschichten und die Frage, ob man sich aus Generationenverträgen lösen kann. Ich lache und weine die ganze Zeit.

Mehr als die Darstellung einer weiblichen Mid- und End-of-Life Crisis

Man könnte Happy Place auch nur als Darstellung einer weiblichen Mid- und End-of-Life Crisis sehen, auch dann wäre die Serie schon fantastisch. Aber sie erzählt auch viele weitere Ebenen mit: die Lebensaufgabe der Frauen der sogenannten Zweiten Generation, jener, die nicht krank sein durften und etwas gut werden lassen sollten, was nicht mehr gut werden konnte.

Sie erzählt eine Gegenwart, die durch die Vergangenheit eingeholt wird. In einer Gemeinschaft, die der Schoa wieder näher gekommen ist, trifft diese Serie den Ton des Zeitgeistes.

Noa Koler schilderte, sie sei mit dem morbiden Humor ihrer Mutter und Großmutter aufgewachsen, aber ihr sei erst nach dem 7. Oktober wirklich bewusst geworden, dass die Witze, die sie sich in ihrer Familie erzählten, überhaupt nicht lustig waren. Dass ihr eigenes Bedürfnis, Menschen auch in Trauer zum Lachen zu bringen, ihr Mittel sei, damit der Schmerz sie nicht überwältige.

Es ist ein Mechanismus, der posttraumatischen Gemeinschaften häufig zu eigen ist. Der jüdische Humor ist kein kulturelles Exotikum, sondern Überlebensstrategie. Happy Place ist nicht der Ort, an den man flüchtet, kein Eskapismus. Es ist der Ort, an dem es sich sicher anfühlt zu lachen, aber den Schmerz dahinter auch tatsächlich zu spüren.

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