Musik

»Jiddisch muss man nicht lernen«

Es muss nicht immer Klassik sein: Alma Sadé Foto: Stephan Pramme

Musik

»Jiddisch muss man nicht lernen«

Alma Sadé über einen Liederabend in Berlin zum Jahrestag der Auschwitz-Befreiung

von Jonathan Scheiner  19.01.2015 17:54 Uhr

Frau Sadé, Sie sind als lyrische Sopranistin bekannt, die Klassiker wie Mozart im Repertoire hat. Wieso treten Sie jetzt bei einem jiddischen Operetten-Liederabend auf?
Der 27. Januar ist der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. An diesem Tag vor 70 Jahren wurde Auschwitz befreit. Zu diesem Anlass machen wir an der Komischen Oper Berlin ein Konzert mit Liedern auf Jiddisch aus verschiedenen Zeiten, vor allem aus New York, alte Operettenhits von Molly Picon und anderen. Die Idee hatte der Intendant Barrie Kosky. Barrie spielt an diesem Abend Klavier, und Helene Schneiderman kommt extra aus Stuttgart, um mit uns den Abend zu gestalten.

Was genau werden Sie singen?

Ich bin mir nicht sicher, ob ich das verraten sollte. Natürlich große Hits wie »Rozkinkes mit Mandlen«. Schöne jiddische Lieder, von Herzen gesungen.

Sprechen Sie Jiddisch?
Niemand in meiner Familie hat Jiddisch gesprochen. Doch als Studentin in New York habe ich bei einem Konzert jiddische Lieder gesungen, und das war ein großer Erfolg. Molly Picons Großmutter hat immer gesagt: Jiddisch braucht man nicht zu lernen. Man öffnet einfach den Mund, und die Sprache kommt raus. Genau dieses Gefühl habe ich bei Jiddisch. Ich spreche Hebräisch und – nach fünf Jahren in Deutschland – ein bisschen Deutsch, und das zusammen ergibt bei mir Jiddisch. Bei Helene Schneiderman ist das anders. Sie spricht Jiddisch wegen ihrer Eltern. Zusammen haben wir ein wenig an meiner Aussprache gefeilt.

Welchen Bezug haben Sie zu Molly Picon?
Molly Picon habe ich auf YouTube in einer israelischen TV-Show aus den 70er-Jahren gesehen, wo sie einen langen Monolog gesprochen hat, ein Gedicht über das Älterwerden. Das hat mich sehr berührt, auch wenn ich nicht alles verstehen konnte. Irgendwann habe ich dann auch noch »Mamele« gesehen, einen jiddischen Film von Joseph Green von 1938. Ich fand Molly Picon da einfach bezaubernd. Und so cool in diesem ganzen orthodoxen Kontext.

Wie bereiten Sie sich auf diesen besonderen Auftritt vor?
Ich habe versucht, möglichst viele Informationen zu bekommen, damit ich ein paar Bezugspunkte beim Singen habe, aber das war gar nicht so einfach. Man muss schon lange graben, wenn man etwas mehr als Abraham Goldfaden finden will, den Begründer des jiddischen Musicals.

Deshalb sind Sie aber nicht nach Berlin gekommen, oder?
Hach, Berlin! Im Juli habe ich den Umzug gemacht. Ich bin sehr glücklich und fühle mich so was von zu Hause hier. Vorher war ich fünf Jahre in Düsseldorf.

Warum vom Rhein an die Spree?
Ich habe die Arbeit an der Rheinoper zwar sehr gerne gemocht, aber mein Gefühl hat mir immer gesagt, dass ich dort nicht mein ganzes Leben verbringen kann. Ich dachte, ich will jetzt etwas anderes probieren. An der Komischen Oper hatte ich schon zweimal gastiert und mich dabei total in Berlin verliebt. Jede Minute, die ich freihatte, habe ich einen Zug nach Berlin genommen. Ich finde die Stadt unglaublich. Berlin hat so viel zu bieten, gerade in der Klassik. Es gibt gleich drei Opernhäuser mit unterschiedlichem Profil. Und die Arbeit an der Komischen Oper und gerade die von Barrie Kosky mochte ich schon immer.

In Koskys aktueller Inszenierung der »West Side Story« spielen Sie die Maria.
Na hallo, die Chance, die Maria zu singen, und das auch noch in einer solchen Produktion, die kommt nicht so oft im Leben. Ich habe schon immer davon geträumt.

Obwohl das nicht ihr Kernfach ist, sondern mehr in Richtung Jazz geht?

Ich habe auch früher schon Jazz und Folk gesungen, nicht nur im Rahmen der »West Side Story«. Ich habe meiner Stimme immer die Freiheit gelassen, sich allen Formen des Singens zu öffnen, und nicht nur der Klassik. Das ist zwar nicht immer gut, weil man das klassische Singen ständig trainieren muss. Aber offen zu bleiben für andere Musik ist sehr wichtig in meinem Leben. Wenn ich könnte, dann würde ich gerne am Broadway Musicals singen. Aber irgendwie bin ich damals, als ich in New York gelebt habe, falsch abgebogen.

Ihre Eltern Moni Moshonov und Sandra Sadé sind in Israel bekannte Schauspieler. Sie sind nicht in deren Fußstapfen getreten, sondern haben Musik studiert. Warum?
Als Kind bin ich sogar einmal in dem Film »Kvalim« an der Seite meines Vaters aufgetreten. Doch überall, wo ich hinkam, war ich nur die Tochter meiner Eltern. Das war das Erste, was die Leute in mir gesehen haben. Das hat mich sehr gebremst. Ich konnte mich nicht frei fühlen.

Haben Sie deshalb auch Ihren Namen geändert?

Den Namen habe ich geändert, weil Moshonov für die Amerikaner schwierig war. Mein Agent hat gesagt, Sadé sei ein sehr schöner Name. Meine Mama hat ihren Geburtsnamen Sadé auch behalten. Und so habe ich einfach den genommen.

Ihr Onkel Gabriel Sadé, ein berühmter Tenor, trägt ebenfalls diesen Namen.
Ich liebe Gabi. Als ich ein Kind war, hat er Gitarre gespielt und viel für mich gesungen. Er ist ein toller Mensch. Er wusste immer, die richtigen Dinge zu sagen. Er kannte auch den richtigen Augenblick, die USA zu verlassen und nach Europa zu gehen. Er sagte: Dein Talent passt dort viel besser hin.

Haben Sie noch häufig Kontakt mit ihm und Ihren Eltern?
Unsere Familien sind sich sehr nahe. Seine Kinder Mika und Uri Sadé sind ebenfalls Musiker. Bei meinen Eltern in Israel bin ich nur zweimal im Jahr, aber wir telefonieren fast jeden Tag. Sie kommen jetzt öfter zu Besuch, weil sie Berlin spannender finden als Düsseldorf.

Und was machen Sie als Nächstes?
Leider kann ich jetzt nicht mehr die »West Side Story« und die Zerlina im »Don Giovanni« singen – ich bin schwanger.

Masel Tov!
Vos geven is geven. Das singen wir auch am 27. Januar.

Das Gespräch führte Jonathan Scheiner.

»Farges Mikh Nit«. Alma Sadé und Helen Schneiderman singen jiddische Operettenlieder. Am Klavier: Barrie Kosky. Komische Oper Berlin, Dienstag, 27. Januar, 23 Uhr. Karten 15 €

www.komische-oper-berlin.de

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