W. Michael Blumenthal

»Jetzt wird es sich zeigen«

W. Michael Blumenthal wurde am 3. Januar 1926 in Oranienburg geboren. Foto: picture alliance/dpa

Er wollte 1997 eigentlich nur kurz nach Berlin kommen. W. Michael Blumenthal war gerade pensioniert, hatte eines seiner Bücher fertig geschrieben, und Deutschland brauchte ihn. Das Jüdische Museum stand auf der Kippe, noch bevor es eröffnet wurde. Es fehlten Geld und Ideen. Da reiste er eben aus den USA an, organisierte neue Gelder und förderte ein revolutionäres Ausstellungskonzept: Jüdische Geschichte in Deutschland ist nicht nur Vertreibung, Elend und Mord, sondern war lange Zeit auch das harmonische Miteinander mit einer besonders kreativen Minderheit.

»Das ist an sich ein Wunder«, schwärmt Blumenthal noch heute, »nie waren mehr als ein Prozent der deutschen Bevölkerung Juden – ein Prozent! Und trotzdem haben sie, ob es in der Musik, ob es in der Technik, ob es in den Medien, im Einzelhandel, im Bankwesen war, überall doch einiges geleistet und beigetragen. Noch heute wissen die meisten Deutschen das gar nicht. Wenn Sie durchs KaDeWe gehen – das waren Ideen von Juden, die das erste Mal so ein Warenhaus gebaut haben, oder wenn Sie Elektronik von AEG sehen – das war ein Jude, der so etwas aufgebaut hat.«

Eigentlich wollte Blumenthal nur für 18 Monate kommen, um dem neuen Museum ein bisschen zu helfen. Am Ende aber war er 15 Jahre Direktor eines Hauses, das nicht nur den Blick der Deutschen auf die Juden verändert hat, sondern auch den Blick vieler Ausländer auf die Deutschen.

Den Blumenthals gelang 1947 die Übersiedelung in die USA

Eine der ersten Kindheitserinnerungen von W. Michael Blumenthal ist die Pogromnacht. »Ich sehe noch sehr genau unser zertrümmertes Geschäft am Olivaer Platz«, erinnert er sich, »und die brennende Synagoge in der Fasanenstraße.« Sein Vater, ein Textilhändler aus Berlin, wurde 1938 festgenommen und in Buchenwald inhaftiert.

Nach seiner überraschenden Freilassung plante die Familie sofort die Flucht. Die Route nach Brasilien war bereits geschlossen, Shanghai war die einzige Chance: 18.000 Jüdinnen und Juden fanden damals dort Schutz. Unter widrigen Umständen wurden sie zwei Jahre lang von der japanischen Regierung ghettoisiert, lebten in schmutzigen Straßen, in Gestank und einer Stadt ohne Gesetze. Dann zogen die meisten von ihnen weiter in die Welt. Den Blumenthals gelang 1947 die Übersiedelung in die USA.

W. Michael Blumenthal nimmt Probleme ernst, auch, wenn es nicht seine sind.

Nach dem Wirtschaftsstudium arbeitete W. Michael Blumenthal als Berater der US-Regierung unter Präsident Kennedy, war treibende Kraft in den Verhandlungen mit Europa und verständigte sich – gegen die Bedenken der Opposition – mit Jean Monnet über die Wirtschaftsverträge zwischen den USA und Europa. 1977 wurde er US-Finanzminister unter Jimmy Carter. Mit der Wirtschaft ging es zeitweise bergab, der Dollar wurde in dieser Zeit ironisch »Blumenthal« genannt. Als es wieder bergauf ging, verabschiedete der Minister sich in die Privatwirtschaft. Und pünktlich nach seiner Pensionierung kam der Anruf aus Berlin.

Die Biografie Blumenthals ist geprägt durch die Zerstörung und den Wiederaufbau Europas, davon, wie schnell und brutal Demokratien zerfallen und wie wichtig Vertrauen und Zusammenarbeit für die internationale Balance sind. Heute steht der 100-Jährige in einer vollkommen anderen Welt. Die derzeitigen Regeln unserer Gegenwart scheinen nicht zu den Lehren Blumenthals zu passen. Und trotzdem wirkt er nicht frustriert, ist eher ein Pragmatiker. Noch immer niemand, der Politik mit Dogma verwechselt.

W. Michael Blumenthal nimmt Probleme ernst, auch, wenn es nicht seine sind. Und anders als die modernen Populisten kommt er zuweilen auch ohne Antworten aus. Egal, ob es sich um die Flüchtlingskrise oder den Nahostkonflikt handelt: Blumenthal steht staunend von dem Wandel der Geschichte. Inzwischen lebt er wieder hauptsächlich in den USA. Zur Flüchtlingsbewegung sagt er: »Ich verstehe die Angst, dass zu viele Menschen, die gar keinen Anspruch auf Asyl haben, in unsere Länder drängen.« Doch statt um populistische Maßnahmen müsste es um »ein kluges politisches Management« gehen. »Das Problem ist, dass die allgemeine Angst vor Überfremdung von Demagogen wie Donald Trump skrupellos ausgenutzt wird.«

»Die technologische Revolution hat vollkommen neue Paradigmen aufgestellt«

Auch in Sachen Nahost ist Blumenthal ratlos: »Ich bin Zionist in dem Sinne, dass es ein Existenzrecht Israels geben muss, aber ich verstehe auch, dass es eine andere Seite gibt. Ich stehe hilflos vor dieser Situation und habe keine Idee, wie es weitergehen soll.« Tatsächlich erlebt der 100-jährige Weltmensch eine Zeitenwende, die seine Biografie zu ignorieren scheint. Nicht nur die alte Ordnung löst sich auf, sondern auch unsere Erinnerung an die Lehren seiner Generation.

»Nach dem Zweiten Weltkrieg haben wir als Welt sehr schnell sehr viel gelernt. Wir haben die UNO gegründet, haben mit dem Marshallplan verstanden, dass man Europa aufbauen und als Partner einbinden kann«, sagt Blumenthal. »Von 1945 bis in die 90er-Jahre gab es eine weitgehend friedliche Welt. Die technologische Revolution hat vollkommen neue Paradigmen aufgestellt.«

Und er mahnt: »Jetzt wird sich zeigen, ob das, was wir gelernt und aufgebaut haben, auch in der kommenden Generation Bestand hat. Ich muss ehrlich sagen, dass auch ich mir da leider nicht mehr sicher bin. Wenn ich sehe, wie die Hälfte meiner Mitbürger über Trump und die Demokratie denkt, wie Protektionismus und Nationalismus das Fremde ausgrenzen, dann zweifle ich, ob wir wirklich genug aus der Geschichte gelernt haben.«

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