Tour

It Ain’t Me, Babe

Das Gegenteil einer Rampensau: Bob Dylan Foto: imago

Nürnberg lässt er dieses Jahr aus. Bob Dylan, mittlerweile 72 Jahre alt, kommt zu sieben Konzerten nach Deutschland: einmal Hannover, zweimal Hamburg, einmal Düsseldorf und ganze drei Mal in Berlin. Hier hat er wegen der großen Nachfrage noch ein Zusatzkonzert vereinbart.

In Nürnberg war Dylan vor 35 Jahren bei der ersten Deutschland-Tournee seines Lebens aufgetreten. Im Juli 1978 gab der jüdische Singer/Songwriter, der gerade auf einem – dauernden Ignoranten nochmal mitgeteilt: längst überwundenen – Jesustrip war, ausgerechnet auf dem Gelände der Reichsparteitage ein Konzert. Unmittelbar gegenüber der Tribüne, auf der Hitler, Göring und Goebbels einst standen und umjubelt wurden, war sein Auftrittsort.

Als wäre das noch nicht Statement genug, fuhr Dylan während dieser Tournee mit einem besonderen Zug durch Europa, im Salonwagen von Hermann Göring. Sein Veranstalter, der jüngst verstorbene Frankfurter Impresario Fritz Rau, gab diese Begründung Dylans weiter: »Den hat er sich gemietet, weil er nicht so auf Fliegen steht.«

ost-berlin Von ähnlich bizarrer Fortbewegung wird dieses Jahr nichts berichtet. Eigentlich pflegt Dylan ohnehin nicht mit Provokationen, zumal solchen, die durch NS-Symbole zustande kommen, aufzufallen. Auch die Auftrittsorte heißen nicht mehr Reichsparteitagsgelände oder Berliner Deutschlandhalle, sondern tragen durch und durch globalisierte Namen wie die Swiss Life Hall in Hannover oder die Düsseldorfer Mitsubishi Electric Halle.

Seit 1988, also schon seit 25 Jahren, ist Dylan auf seiner »Never Ending Tour«. Was klingt wie die Beschäftigungstherapie eines Rentners, der sich besser um die Enkel kümmern sollte, war und ist in Wirklichkeit der wohl wichtigste Baustein seiner – darf man’s so ausdrücken? – jüngeren Karriere. Als Dylan etwa 1987 nach Deutschland kam, war wieder Nürnberg ein Auftrittsort, aber die 5000 Plätze der Frankenhalle waren nicht alle besetzt. In Berlin sollte er damals auch auftreten, genauer: in West-Berlin.

Doch der Vorverkauf für den Auftritt in der Waldbühne ließ sich schon nicht mehr als schleppend bezeichnen. Kurzfristig gelang es, das Konzert in den Teil Berlins zu verlegen, der sich »Hauptstadt der DDR« nannte. Doch als Bob Dylan dort nuschelte, er sei »glad to be here in East Berlin« waren die DDR-Kulturfunktionäre auch nicht zufrieden. Immerhin, 120.000 Menschen kamen damals in den Treptower Park – Weltstar gucken für zehn Ostmark.

bilder Zur »Never Ending Tour«, die Dylan ein Jahr später begann, gesellten sich noch mehr: Unter anderem mit George Harrison und Roy Orbison bastelte er die Band »Traveling Wilburys« und bewies so, wie kreativ er noch war (jenseits der Jesus-Phase, versteht sich). Dann ging er weiterhin seiner vermeintlichen Marotte nach, jedes seiner Konzerte (im Jahr meist mehr als 100) mitzuschneiden. Später begann Dylan, systematisch diese Archive zur Veröffentlichung freizugeben, um es so dem Bootleg-Schwarzmarkt, den es rund um seine Alben gibt, schwer zu machen.

Zwischendurch malte der Musiker. 1994 kam ein Bildband, Drawn Blank, mit Zeichnungen der Jahre 1989 bis 1992 heraus. Erst vor wenigen Jahren, 2007, wurde Dylans malerisches Werk, 170 Aquarelle und Gouachen, in einer Ausstellung gezeigt. Ausgerechnet in Chemnitz – ein Ort, den auch die größten Dylan-Kenner nicht auf der Rechnung hatten.

Zudem war er von 2006 bis 2009 Gastgeber einer Rundfunkshow, der »Theme Time Radio Hour«, wo er nicht eigene Stücke, sondern seine musikalischen Wurzeln präsentierte und ausstrahlte: eine einzigartige und – trotz allem, was über den Künstler Bob Dylan bekannt ist – immer noch verblüffend kenntnisreiche Präsentation der Folkmusik. Dylan schwang sich zum Chronisten der amerikanischen musikalischen Volkskunst auf, und niemand, der seine Radiosendung hörte, seine Autobiografie Chronicles las oder seine jüngsten Alben hörte, käme je auf die Idee, dass Bob Dylan diese Rolle nicht verdient hätte.

programm Außer, vielleicht, er selbst. Bob Dylan möchte nicht, dass man von ihm erwartet, das Gedächtnis der Americana zu sein. Oder irgendetwas anderes. »Anybody who expects anything from me is a borderline case«, hat er einmal geäußert. Er hat nicht den Wunsch, sein Publikum zu überraschen oder zu verwirren. Er will nur, dass die Menschen ihn in Ruhe lassen – und eben nichts von ihm erwarten.

Nichts erwarten, nicht einmal den alljährlich für ihn ins Gespräch gebrachten Literaturnobelpreis, ist die einzig sinnvolle Umgangsweise mit Mr. Dylan. Nach allem, was sich derzeit prognostizieren lässt, wird er bei seinen Konzerten in Deutschland wohl sein vermutlich einflussreichstes Stück, Like A Rolling Stone, nicht spielen. Auf allen Konzerten, die der Meister bislang im Oktober dieses Jahres gab, war es nicht dabei, obwohl Dylan seiner Eigenart treu bleibt, für jeden Konzertabend ein neues Programm zu entwerfen. Hoffen dürfen die Fans immerhin auf It’s Alright, Ma (I’m Only Bleeding). Das hat er auf einem seiner zwei Stockholmer Konzerte sowie in Oslo gespielt.

Seit 1978 ist Bob Dylan fast jedes Jahr in Deutschland gewesen, manchmal sogar zweimal. Sobald er aber mitbekommen dürfte, dass es Fans gibt, die diesen Takt von ihm erwarten, könnte er wegbleiben.

Programm

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Termine und Tipps für den Zeitraum vom 1. Oktober bis zum 8. Oktober

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