Rosa Luxemburg

Israels unwillige Tochter

Rosa Luxemburg (1870-1919) Foto: imago images/Leemage

Rosa Luxemburg

Israels unwillige Tochter

Heute vor 150 Jahren wurde die Kommunistin geboren. Ein Porträt

von Ludger Heid  05.03.2021 11:30 Uhr Aktualisiert

Die Freikorpssöldner, die vor knapp 100 Jahren, am 15. Januar 1919, Rosa Luxemburg in Berlin ermordeten, taten dies nicht nur, weil ihr Opfer Sozialistin war, die mit ihren Reden und Schriften die Novemberrevolution 1918 mit initiiert hatte; sie handelten auch bewusst aus Antisemitismus. Die 1871 in Zamocz nahe der russisch-polnischen Grenze geborene Luxemburg galt der deutschen Rechten als Inkarnation des verhassten internationalen Judentums.

Dabei verstand die von ihren Feinden so Apostrophierte sich selbst schon lange nicht mehr als jüdisch. Wie viele andere Juden in der revolutionären Bewegung begriff sie sich als »Internationalistin«. Zwar hatte die Enkelin eines Rabbiners eine gewisse jüdische Erziehung genossen – ihr Vater, ein wohlhabender Kaufmann, war ein Anhänger der jüdischen Aufklärungsbewegung Haskala. Sie hatte in ihrer Jugend auch Jiddisch gelernt und pflegte ihre Parteitagsnotizen in dieser Sprache zu notieren. Doch in ihrem Denken lässt sich kein spezifisch »jüdischer« Aspekt und in keiner Phase ihres Lebens und Wirkens ein überdeutliches Interesse an jüdischen Problemen erkennen.

Als ihre Freundin Mathilde Wurm sie einmal auf die »Judennot« und die »speziellen Judenschmerzen« im Russland der zaristischen Pogrome aufmerksam machte, reagierte Luxemburg abweisend: Sie habe keinen »Sonderwinkel im Herzen für das Ghetto«, sie fühle sich in der ganzen Welt zu Hause, überall dort, wo es Menschentränen gäbe. Dabei verdrängte sie wohl, dass ihre eigene linke Sozialisation nicht zuletzt durch den Antisemitismus in Gang gesetzt worden war.

Luxemburgs enge Freundin Luise Kautsky wusste darüber zu berichten: »Vor allem aber waren es die entsetzlichen Judenpogrome, die auf Rosa erschütternd und aufreizend wirkten, sie zum Hass und Verachtung aufstachelten und unauslöschliche Eindrücke in ihrem jugendlich-empfänglichen Gemüte hinterließen.«

Doch das war lange her gewesen. Inzwischen hatte Rosa Luxemburg ihr Judentum vermeintlich längst hinter sich gelassen. So bekämpfte sie vehement den jüdisch-revolutionären »Bund« in Russland, der für jüdische kulturelle Autonomie innerhalb der sozialistischen Bewegung stritt. Sie ging so weit, seinen Führern »jüdische Schlauheit« vorzuwerfen
Diese und ähnliche, vermeintlich »typisch jüdische« Eigenschaften attestierten ihr selbst freilich ihre eigenen Gegner auch. Nicht nur die auf dem rechten Spektrum, sondern auch in der eigenen Partei, der SPD.

Für sie blieb die Galionsfigur des linken Flügels eine zugewanderte Ostjüdin. »So ist es bei ihnen immer«, klagt Rosa Luxemburg einmal in einem Brief: »Wenn sie in Not sind, dann hilf, Jude! Und wenn die Not vorbei ist, dann raus mit dir, Jude.«

Dennoch gerierte sie sich gegenüber parteiinternen antisemitischen Anfeindungen meist unempfindlich bis immun. Nur einmal verlor Luxemburg die Contenance. Als sie 1903 von dem führenden SPD-Rechten Wolfgang Heine zum wiederholten Mal als Jüdin attackiert worden war, reagierte die Angegriffene mit einer scharfen Erklärung im Parteiorgan Vorwärts gegen die »antisemitischen und ausländer-fresserischen Ausfälle« des Genossen, der sich mit seiner antijüdischen Hetze »moralisch auf das Niveau der preußischen Polizei« stelle.

Gegen Ende ihres Lebens stößt man bei Rosa Luxemburg dann doch noch auf einen Hauch von Sympathie für das jüdische Volk und seine Geschichte. Im Gefängnis übersetzte sie 1916 ein Werk Wladimir Korolenkos, der auf die legendäre Gestalt des weisen Menachem in Flavius Josephus’ Der jüdische Krieg Bezug nahm. Sie schreibt – das einzige Mal, dass der Gott der Juden und das Reich des Messias in den Schriften Rosa Luxemburgs erwähnt werden: »O, Adonai, Adonai! Lass uns nie, solange wir leben, dem heiligen Gebote untreu werden: dem Kampf wider das Unrecht. ... Auch ich glaube, o Adonai, dass dein Reich auf Erden kommen wird. Verschwinden wird Gewalt und Unterdrückung, die Völker werden zum Fest der Verbrüderung zusammenströmen, und nie mehr wird Menschenblut von Menschenhand vergossen werden.«

Knapp drei Jahre danach schlug ein Freikorpssoldat Rosa Luxemburg mit dem Gewehrkolben zusammen; ein Leutnant setzte ihr anschließend die Pistole an die Schläfe und drückte ab; die Leiche warfen die Täter in den Landwehrkanal.

TV-Tipp

Der Elvis der Violine

Ivri Gitlis ist ein Phantom. Er bespielte mit seiner Geige die großen Bühnen und musizierte mit den Stars der Musikbranche. Seinen Namen kennen heute aber nur die wenigsten. Eine Arte-Doku begibt sich auf Spurensuche

von Manfred Riepe  18.04.2026

Kommentar

Hätte er doch einfach geschwiegen

Michael Schulte ist der erfolgreichste deutsche Teilnehmer des ESC der letzten Jahre. Und Schulte ist ein geschichtsbewusster Künstler. Umso befremdlicher sind seine Einlassungen zu Israel

von Daniel Killy  18.04.2026

Israel

Zeit, Zionist zu sein!

Wir Juden sollten uns nicht verstecken. Wir sollten offen, laut und stolz sein - auch und insbesondere auf den jüdischen Staat

von Daniel Neumann  17.04.2026

Medien

Ex-»Welt«-Chefredakteur Burgard bei Springer künftig für Nahost zuständig

Burgard folgt auf Constantin Schreiber, der ab dem 1. Mai von Deutschland aus arbeitet

 17.04.2026

Rebecca Zlotowski

»Womöglich bin ich Masochistin«

Ein Gespräch über ihren Film »Paris Murder Mystery« und Drehs mit Jodie Foster und Natalie Portman

von Patrick Heidmann  17.04.2026

Streaming

Schichtende bei »The Pitt«

Die letzte Episode der zweiten Staffel der erfolgreichen Krankenhaus-Serie ist nun bei HBO zu sehen – Fans warten auf die dritte Staffel

von Katrin Richter  17.04.2026

»Paul-Spiegel-Filmfestival«

Sieben gute Filme

In Düsseldorf beginnen das Festival unter dem Motto »Jüdische Welten« mit einem besonderen Gast vor jedem Film

 16.04.2026

Paris

Einen Picasso für 100 Euro gewonnen

Das Auktionshaus Christie’s hat ein Gemälde des berühmten Malers für einen wohltätigen Zweck verlost. Gewonnen hat ein 59-Jähriger aus Paris

von Nicole Dreyfus  16.04.2026

»Scrubs«

Die Rückkehr der Anfänger

Nach 16 Jahren Pause geht es weiter mit der amerikanischen Krankenhaus-Serie. Aber funktioniert das Konzept noch?

von Ralf Balke  16.04.2026