Redezeit

»Israel wäre eine Alternative gewesen«

Marion Brasch Foto: Jürgen Bauer

Frau Brasch, Sie haben gerade einen Roman über Ihre »fabelhafte Familie« geschrieben. Der Titel lautet »Ab jetzt ist Ruhe«. Das klingt nach einer großen Erleichterung.
Ich glaube, dass dieser Titel das assoziieren kann, aber eigentlich ist das nicht der Punkt. Ich habe die Geschichte meiner Familie schon vor langer Zeit verarbeitet. Dass ich sie aufgeschrieben habe, geschah eher unter dem sanften Druck von Leuten, die gesagt haben: Das müsstest du mal machen. Allerdings: Als ich fertig war, war ich sehr erleichtert. Ich bin jemand, der dazu neigt, Sachen anzufangen und sie nicht abzuschließen. Das Buch habe ich beendet. Wahrscheinlich habe ich im Unterbewusstsein doch gespürt, dass ich das tun musste.

An welche Situation beim Schreiben erinnern Sie sich denn besonders gut?
Emotional wurde es immer dann, wenn ich nicht weiter gekommen bin. Das klingt sehr technisch, aber das Seltsame war, dass es mir zum Beispiel leichtgefallen ist, emotionale Szenen im Buch zu beschreiben. Wahrscheinlich, weil ich sie schon verarbeitet hatte. Ich musste eigentlich nur noch eine Form finden, wie ich sie zu Papier bringe. Schwierig waren eher Momente wie: Ich komme nicht weiter. Scheitere ich an diesem Projekt?

Was hat Ihnen denn bei der Verarbeitung dieser turbulenten Familiengeschichte geholfen?
Das kann ich im Nachhinein gar nicht sagen. Jeder Mensch geht ja anders mit dramatischen Brüchen in seinem Leben um. Für mich stand fest, dass ich klarkommen muss. Ich konnte nicht in Schmerz, Angst oder Trauer verharren. Ich musste sehen, dass es weitergeht und nach vorne schauen. Und irgendwann hatte ich eine Tochter und Verantwortung.

Ihre Eltern waren beide jüdisch und haben sich im Londoner Exil kennengelernt, bevor sie nach Ostberlin gingen. Gab es in Ihrer Familie eine jüdische Tradition?
Nein, gar nicht. Das hat ganz stark auch damit zu tun, dass mein Vater sein Judentum verdrängt hat. Er kam schon als kleiner Junge zum Katholizismus, weil seine Mutter einen Katholiken geheiratet hat und konvertiert ist. Er wurde auf einem katholischen Internat sehr streng religiös erzogen. Mein Vater war zwar als Jude verfolgt, kam aber als gläubiger Katholik nach England, wo er dann Kommunisten traf und ein zweites Mal »konvertierte«. Meine Mutter hat ihre Herkunft auch verdrängt, wobei sie bei ihr ab und zu noch ein wenig aufblitzte. Es gab zum Beispiel ein Weihnachtsfest, dem sie sich verweigerte und bei dem sie sagte: Ihr mit Eurem Weihnachten, das hat mit mir doch gar nichts zu tun. Was soll ich damit? – Jüdische Traditionen wurden bei uns nicht gelebt.

Bedauern Sie das im Nachhinein?
Ja, schon. Ich habe auch den Versuch gemacht, das Judentum für mich zu entdecken. Als sich die Ostberliner Gemeinde Mitte der 80er Jahre öffnete, wurde auch ich dorthin eingeladen. Ich fand das toll und wollte das alles kennenlernen. Jüdisch zu sein – das war für mich etwas Exotisches, einerseits. Und andererseits habe ich mich gefragt, ob ich mich dort anders fühle und ob das Wissen, jüdisch zu sein, meine Identität verändert. Aber es war nicht so. Ich bin dorthin gegangen wie ins Theater. Fand es spannend, interessant, habe mich viel mit dem Judentum beschäftigt, aber ich hatte immer den Eindruck, dass das nichts mit mir zu tun hat. Ich bin dann irgendwann nicht mehr zu diesen Treffen gegangen, weil ich es für mich als zu künstlich, zu angelernt empfand.

Hat sich dieser Eindruck in den vergangenen Jahren verändert?
Nein. Ich bin Marion Brasch mit jüdischen Wurzeln, aber ich würde zum Beispiel nicht sagen: Ich bin jüdisch. Denn das ist ein anderes Selbstverständnis. Ich habe auch einmal überlegt, meine Tochter auf eine jüdische Schule zu schicken, aber ich hatte keine Lust, mein Kind auf eine Einrichtung gehen zu lassen, die von der Polizei bewacht wird. Ich habe gedacht, dass sie selbstbestimmt entscheiden wird, was sie damit zu tun haben will. Allerdings hatte ich nach dem Ende der DDR überlegt, ob ich nach Israel gehe.

Warum?
Ich dachte: In dem wiedervereinigten Deutschland – was soll ich da? Israel wäre eine Alternative gewesen, und ich hätte ja sofort einen Pass bekommen. Dann allerdings erfuhr ich auch, dass ich zur Armee hätte eingezogen werden können. Und dazu hatte ich nun gar keine Lust. Außerdem kannte ich da keinen. Interessanterweise treffe ich beim Radio hin und wieder israelische Künstler, und denen fühle ich mich irgendwie nah. Wir unterhalten uns, und sie wollen alles ganz genau wissen. Das ist ja eine sehr junge Generation, die unbelastet ist, und sie finden so eine Geschichte wie meine und die meiner Eltern spannend.

Mit der Radio‐Moderatorin sprach Katrin Richter.

Marion Brasch: »Ab jetzt ist Ruhe. Roman meiner fabelhaften Familie«, S. Fischer, Frankfurt/M. 2012, 400 S., 19,99 €

Marion Brasch wurde 1961 in Berlin geboren. Nach dem Abitur arbeitete die gelernte Schriftsetzerin in einer Druckerei, bei verschiedenen Verlagen und beim Komponistenverband der DDR. 1987 begann sie als Musikredakteurin beim Jugendsender DT64 und ist heute als freie Rundfunkjournalistin und -moderatorin bei radioeins (RBB) tätig.

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