Rezension

Israel lieben und an Israel zweifeln

»Ich wollte, dass die Leute mitleiden«: Sarah Levy Foto: IMAGO/STAR-MEDIA

Rezension

Israel lieben und an Israel zweifeln

Sarah Levys Buch »Kein anderes Land« ist ein persönliches Zeitdokument – von Sommer 2023 bis zum 7. Oktober und dem Gaza-Krieg

von Eugen El  31.01.2026 19:48 Uhr

»Dieses Buch ist meine Geschichte der vergangenen zwei Jahre hier«, heißt es in Sarah Levys Anmerkung zu ihrem jüngsten Buch Kein anderes Land. Drei Tage vor dem Drucktermin im Juni griff die israelische Luftwaffe Atom- und Militäranlagen im Iran an, was einen zusätzlichen Epilog notwendig machte.

»Was wird noch passieren, bis dieses Buch im August 2025 erscheint? Ich weiß es nicht«, schreibt Levy dort. Die sich überstürzenden Ereignisse und die daraus sprechende, mitunter existenzielle Ungewissheit ziehen sich durch das Buch der 1985 in Deutschland geborenen, seit 2019 in Israel lebenden Autorin.

Sein Titel nimmt Bezug auf Ehud Manors während des Libanonkriegs 1982 geschriebenes Lied »Ein Li Eretz Acheret« (Ich habe kein anderes Land). Während der Protestdemonstrationen im Sommer 2023 gegen die Pläne der israelischen Regierung zum Umbau der Justiz sei dieser Slogan oftmals zu lesen und zu hören gewesen, erinnert sich Levy. Just zu diesem Zeitpunkt begann sie, ihr nunmehr zweites Buch zu schreiben: »Es sollte um ein radikalisiertes Land gehen.«

Dem terroristischen Hamas-Überfall auf Israel ist das längste Kapitel gewidmet

»Es baute sich etwas auf. Es lief auf etwas zu«, beschreibt Sarah Levy die Stimmung jener Sommermonate. Dann kam der 7. Oktober 2023. Dem terroristischen Hamas-Überfall auf Israel ist das längste Kapitel in dem rund 330-seitigen, persönlich gefärbten Zeitdokument gewidmet. Levy rekonstruiert diesen extremen Tag entlang des eigenen Erlebens im vergleichsweise sicheren Zentralisrael – und anhand zahlreicher Berichte vor allem israelischer Medien, die die Grausamkeit des »Schwarzen Schabbats« Schritt für Schritt nachzeichnen und seine Dimension erahnen lassen.

Levy zitiert eine Ansprache von Benjamin Netanjahu, die Israels Regierungschef am Abend des 7. Oktober hielt und in der er das israelische Volk auf einen langen Krieg einschwor, dessen Härte in seinen Worten sehr deutlich anklang. Sie blickt aber auch auf die deutsche Berichterstattung, deren Fokus sich schnell von den in den Gazastreifen verschleppten Geiseln und dem fortdauernden Raketenbeschuss israelischer Städte durch Hamas, Hisbollah und die Huthi-Miliz abwandte.

»Ich wollte, dass die Leute mitleiden«, sagt Levy über das 70 Seiten umfassende Kapitel zum 7. Oktober. Wie traumatisch dieser Tag gewesen sei, könne man nur nachvollziehen, wenn man ihn in ganzer Länge zeige.

Mitgefühl fordert Sarah Levy ebenfalls für die palästinensische Zivilbevölkerung ein, deren Leid von vielen, auch liberalen Israelis nicht mehr gesehen werde. Levy spricht von »selektiver Empathie« und schildert, wie der lange Gaza-Krieg die Menschen in Israel abstumpfen lässt. In einem Streitgespräch mit der Autorin berichtet ihre Schwiegermutter von ihrer Enttäuschung über die Palästinenser. Sie verweist auf die Terroranschläge, Kriege und ausgeschlagenen Angebote der vergangenen Jahrzehnte. Aus diesem Vertrauensverlust erwächst ihre Weigerung, Mitleid mit der Zivilbevölkerung in Gaza zu empfinden: »Ich will diese Gefühle nicht zulassen.«

Als unlängst Eingewanderte ist sich Levy ihrer Außenseiterposition bewusst

Als unlängst Eingewanderte ist sich Levy ihrer Außenseiterposition bewusst: »Das sind alles Erfahrungen, die ich nicht gemacht habe.« Ihr Anspruch beim Schreiben war immer, »dass meine Zuhörer und Leser das komplexe Land Israel etwas besser verstehen«, heißt es in Kein anderes Land. Das Buch ist merklich einem Hadern der Autorin mit ihrer Wahlheimat entwachsen – und der Frage, ob Israel der beste Ort ist, um ihren Sohn großzuziehen. Aus einigen Zeilen spricht innere Zerrissenheit.

So bekennt Levy, sie möchte, dass ihre Leser »einen Bruchteil der Liebe nachvollziehen können, die mich dazu gebracht hat, nach Israel zu ziehen«. Sie geht aber auch auf Distanz zum jüdischen Staat: »Ich habe ein anderes Land.«

Sie habe einen zweiten Pass, versichert sich Sarah Levy, »einen Ort, der mich aufnimmt, wenn Israel zu extrem, zu radikal, zu gefährlich wird«. Von einem Notausgang ist die Rede, einem sicheren Hafen: »Ich habe Deutschland.«

Sarah Levy: »Kein anderes Land. Aufzeichnungen aus Israel«. Rowohlt 2025, 336 S., 24 €

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