Buch

Isabelles Erzählungen

Isabelle Neulingers angeblicher Tatsachenbericht ist rührend, aber nicht plausibel. Foto: nagel & kimche

Viele deutschsprachige Medien haben das im Januar erschienene Buch Meinen Sohn bekommt ihr nie von Isabelle Neulinger – in der Regel positiv – besprochen. Die »junge Schweizer Jüdin« beschreibt dort ihre abenteuerliche Flucht aus Israel. Das Thema ist sexy: Es geht um die Rettung eines Kindes aus den Klauen böser Mächte durch seine Mutter, die alle Hebel in Bewegung setzt und am Ende sogar vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zieht und dort obsiegt. Neulingers Geschichte von der dramatischen Rettung ihres Sohnes steht für vieles: grenzüberschreitende Liebe, gescheiterte Ehen und auch die Einsicht, dass im Elternstreit ums Sorgerecht gerechte Lösungen unmöglich sind.

fehlinformationen Der in Belgien geborenen Schweizerin, die lange in den USA lebte, bevor sie beschloss, Israelin zu werden, ist nicht anzulasten, dass sie die Geschichte von der illegalen Entführung ihres Sohnes ohne jeden Anspruch auf Objektivität erzählt. Ein Verlag allerdings, der seine Autoren und vor allem seine Leser ernst nimmt, sollte sich schon die Mühe machen, die Texte mehr als nur Korrektur zu lesen. Beim zur Hanser-Gruppe gehörenden Verlag Nagel & Kimche in Zürich aber hat niemand offenbar das Manuskript auf seine inhaltliche Richtigkeit überprüft.

So erfährt der Leser dort unter anderem, Israels Staatsgründer David Ben Gurion habe 1948 ein irres und wirres Personenstandsrecht in Israel eingeführt. Ein Klick auf Wikipedia hätte genügt, um festzustellen, dass in Israel 1948 das Rechtssystem des britischen Mandats übernommen wurde, einschließlich seiner Wurzeln aus dem osmanischen Recht, das den jeweiligen Ethnien/Religionen in vergangenen Jahrhunderten Autonomierechte gewährte.

Neulinger behauptet auch, seit Ben Gurion habe sich an den Zuständen »nichts verändert«. »Unumstößlich« ist dann, dass Männer und Frauen »in manchen israelischen Vierteln« auch noch gezwungen sind, »in Banken und Behörden« sich »nach Geschlechtern getrennt« in Warteschlangen anzustellen. Ganz so schlimm kann’s aber wohl doch nicht sein mit dem religiösen Zwangssystem in Israel. An anderer Stelle im Buch schwelgt die Verfasserin über viele Seiten von den unkoscheren Genüssen, denen sie sich in Tel Aviv hingeben konnte.

naivchen Wäre ich nicht selbst auf der Tel Aviver Strandpromenade vom skatenden »Rabbi Shai« einmal fast über den Haufen gefahren worden und hätte mich Frau Neulinger nicht als Journalisten vor einigen Jahren angesprochen – ich würde die ganze Geschichte für frei erfunden halten.

Auch das Bild, das die Autorin von sich selbst zeichnet – blondes Naivchen, ausgenutzt vom bösen, ultraorthodoxen Mann – ist nicht wirklich plausibel. Isabelle Neulinger stellt sich als mutige Vorkämpferin für Frauenrechte dar, vor allem als Kämpferin für die Rechte jüdischer Frauen in Israel. Doch abgesehen davon, dass die feministische Lesart nicht wirklich passt – auch Väter haben schon in ähnlichen Situationen ihre Kinder entführt – taugt der Fall nicht dazu, die angebliche Grausamkeit uralter Religionsgesetze in einer modernen Gesellschaft zu veranschaulichen.

Was zwischen Isabelle und ihrem Mann Shai ablief, ist nicht die Folge israelischer Gesetzgebung, so umständlich bis idiotisch diese im Personenstandsrecht auch sein mag. Es ist ein Sorgerechtsstreit, wie er in jedem Staat und jeder Gesellschaft vorkommt, wenn sich die Eltern trennen. Nicht nur bei Juden, modern-säkularen oder radikal-religiösen, sondern auch zwischen Christen, Muslimen, Säkularen und neuerdings auch Schwulen.

Hätte die Autorin sich auf diese Geschichte beschränkt, auf ihre eigene Entwicklung, ihre inneren und äußeren Konflikte, könnte das Buch lesenswert sein. Eine Mutter, die geltendes Recht bricht, um ihr Kind zu behalten, kann auf die Sympathien ihrer Leser bauen. Sie hat ihren Sohn wieder. Nur das zählt.

gerüchte Aber hätte der Verlag Nagel & Kimche eine solche banale und nicht neue Geschichte auch als Buch herausgebracht? Wahrscheinlich nicht. Das Erfolgsgeheimnis von Meinen Sohn bekommt ihr nie ist, dass Isabelle Neulinger in schwarzen Klischees nicht nur mit dem Kindsvater abrechnet, sondern gleich mit der ganzen orthodoxen israelischen Mischpoche. Das religiöse Judentum wird im Buch immer wieder als »radikal« apostrophiert. Isabelle Neulinger dagegen kommt aus einer »modernen jüdischen Familie«.

Wir lernen: Fromm ist radikal und modern ist das Gegenteil. Wie die Lektoren von Nagel & Kimche werden auch die Leser der Autorin allein schon deshalb Glauben schenken. Nur wenige werden Neulingers Erzählungen als das erkennen, was sie sind: Gerüchte über Juden und Israel.

Isabelle Neulinger: »Meinen Sohn bekommt ihr nie. Flucht aus dem gelobten Land«. Übersetzt von Ulrike Frank. Nagel & Kimche, Zürich 2013, 208 S., 17,90 €

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