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Iris Berben, Anke Engelke und Heiner Lauterbach

Katharina Stark (l.) und Iris Berben in der Serie Foto: ©The Walt Disney Company 2023

Vorweihnachtszeit im Frankfurt des Jahres 1963; mit heiterer Musik und pudrig-leichtem Schneefall geht es los. Doch dass in Deutsches Haus nicht unbedingt Besinnlichkeit angesagt ist, ist kein Geheimnis. Die fünfteilige Serie, die ab dem 15. November bei Disney+ zu sehen sein wird, erzählt vom ersten Auschwitz-Prozess auf deutschem Boden. Drehbuchautorin und Serien-Expertin Annette Hess (Ku’damm 56, Weissensee) hat dafür eigenhändig ihren vor fünf Jahren erschienenen und weltweit gut verkauften Debütroman adaptiert.

»Wir nehmen hier die große Herausforderung an, sensibel, aber auch schonungslos von einem Jahrhundertprozess zu erzählen«, gibt Hess im begleitenden Pressematerial zu Protokoll. »Anfang der 60er-Jahre erfuhren die ahnungslosen oder sich ahnungslos gebenden Deutschen und die Welt aus dem Mund Hunderter Zeuginnen und Zeugen zum ersten Mal umfassend und radikal von einem der größten Verbrechen der Menschheit, das mit dem Wort Auschwitz für alle Zeit beschrieben ist. Dieser Prozess bildet den ersten Meilenstein in der Aufarbeitung, die bis heute andauert und andauern muss. Never forget!«

Im Zentrum der Geschichte steht die junge Dolmetscherin Eva Bruhns (Katharina Stark), die vor Gericht als Polnisch-Übersetzerin einspringt.

Im Zentrum der Geschichte steht dabei die junge Dolmetscherin Eva Bruhns (Katharina Stark), die im titelgebenden Gasthaus ihrer Eltern (Anke Engelke und Hans-Jochen Wagner) aushilft und ansonsten darauf hofft, bald den Versandhaus-Erben Jürgen (Thomas Prenn) zu heiraten. Doch dann soll sie kurzfristig vor Gericht als Polnisch-Übersetzerin einspringen – und erfährt bei ihrer Arbeit mit den Staatsanwälten Kübler (Max von der Groeben) und Miller (Aaron Altaras) eine grausame Wahrheit, von der sie nicht nur nichts wusste, sondern die auch ganz unmittelbar mit der eigenen Familiengeschichte verbunden ist.

glaubhaft Hess verschmilzt dabei Realität und Fiktion. Neben von wahren Begebenheiten inspirierten, aber letztlich erfundenen Biografien wie denen der Bruhns kommen in Deutsches Haus auch historische Figuren vor, von Fritz Bauer (Thomas Bading) oder Richter Hans Hofmeyer (Uwe Preuss) bis hin zu Hauptangeklagten wie Wilhelm Boger (Heiner Lauterbach) oder Robert Mulka (Martin Horn), die in Auschwitz Tausende Menschen auf dem Gewissen hatten. Dabei gelingt der Regisseurin die glaubhafte Darstellung einer deutschen Gesellschaft zwischen Piefigkeit und boomender Aufbruchsstimmung, in der die überfällige Konfrontation mit der bequem ausgeblendeten Vergangenheit des Dritten Reichs vielfach schockartige Wirkung hat.

Statt sich ganz auf den Prozess, die dort verhandelten Themen und die dadurch ausgelösten Reaktionen zu konzentrieren, will Annette Hess allerdings noch sehr viel mehr.

Statt sich ganz auf den Prozess, die dort verhandelten Themen und die dadurch ausgelösten Reaktionen zu konzentrieren, will Hess allerdings noch sehr viel mehr. Und so geht es hier außer um Schuld und Verdrängung auch um Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit, um mangelnde Gleichberechtigung und antiquierte Geschlechterrollen.

Der Ansatz ist nicht falsch, doch genug Raum, um all das fundiert zu verhandeln, bieten die fünf Episoden ebenso wenig wie für die Unmenge an Figuren, die in die Geschichte integriert werden. Letztlich kommen so alle zu kurz und lenken nur vom Wesentlichen ab. Gerade auch, weil nicht selten die Drehbuchkonstruktion allzu offensichtlich erzwungen wirkt: ob nun Bogers Tochter ausgerechnet von einem Gastarbeiter-Sohn schwanger wird oder die Prostituierte (Alice Dwyer), auf die der von Überlebensschuld geplagte jüdische Staatsanwalt Miller ein Auge geworfen hat, einen der Angeklagten zu ihren Freiern zählt.

cast Das Ensemble ist erlesen, aber teilweise so prominent, dass manche Besetzungsentscheidung eher stört. Iris Berben etwa ist, ganz unabhängig von ihrem darstellerischen Können, vielleicht einfach nicht die glaubwürdigste Wahl als polnische Auschwitz-Überlebende. Umso stimmiger, dass mit Katharina Stark (ab 23. November auch im Film Dead Girls Dancing zu sehen) eine noch wenig bekannte New­comerin die Hauptrolle spielt.

Überhaupt: Vieles gelingt Hess und den beiden Regisseurinnen Isa Prahl und Randa Chahoud sehr gut. Gerade die durch Mark und Bein gehenden und auf Protokollen der 319 realen Zeugenaussagen basierenden Gerichtsszenen machen die Relevanz von Aufarbeitung und Erinnerung mehr als deutlich.

Und wenn in Episode 4 ein Ortstermin in Auschwitz ansteht, ist diese Passage erstaunlich klischee- und kitschfrei inszeniert. Sie erschüttert das Publikum mit einer tatsächlichen Schweigeminute bis ins Mark.

Die Serie ist ab dem 15. November beim Streamingdienst Disney+ zu sehen.

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