Nachruf Daniel Josefsohn

»Impulsiv, unverschämt, liebenswert«

Daniel konnte einen in seinen Bann ziehen, manchmal unverschämt, immer liebenswert kindsköpfig, oft schwebend-ironisch, impulsiv und doch immer auf die ihm eigene Weise reflektiert. Sein fotografischer Blick war durch eine besondere Sensibilität und einen untrüglichen Spürsinn für das Abgründig-Schöne an uns Menschen und der Welt, in der wir leben, geprägt.

All das war gepaart mit einer sehr eigenen Form von Genialität – wo andere Fotografen mehr als 1000 Fotos machen, um das eine, richtige zu finden, reichte bei Daniel oft ein einziges Auslösen der Kamera. »Er sah, wo andere nur hinschauten«, schrieb der »Spiegel« in seinem Nachruf. Ja, das trifft es, davon konnte ich mich in unserer langen Zusammenarbeit und Freundschaft überzeugen.

Israel Markantes, wiederkehrendes Thema in seinem Werk ist das Jüdischsein heute, ausgerechnet in Deutschland. Vor einem Jahr sagte er dieser Zeitung anlässlich von Israels 67. Geburtstag: »Israel ist für mich Heimat. Freude. Vitalität. Ein Gefühl der Geborgenheit. Und auch der Genugtuung, es den Antisemiten dieser Welt gezeigt zu haben. Meinen Eltern habe ich nie verziehen, nach dem Krieg nach Deutschland zurückgekehrt zu sein. In jedes andere Land, meinetwegen. USA, Kanada oder Großbritannien, warum nicht? Aber warum ausgerechnet Deutschland?«

Was viele nicht wissen: Daniels Vater, aus Rumänien stammend, ist eher zufällig nach Deutschland gekommen. Als Ingenieur der israelischen Handelsmarine hatte sein Schiff in Hamburg festgemacht. Die hochschwangere Mutter, sie stammte eigentlich aus Ungarn, reiste kurzerhand hinterher – und blieb.

Sein Vater gründete die legendäre Disco »Big Apple«. Ein wilder, verruchter Ort. Vielleicht zu wild für seinen Sohn. Mit 13 Jahren ging er in dem Club auf Toilette und erblickte einen Toten. »Tür auf, und da lag er, die Spritze im Arm«, erinnerte sich Daniel einmal. Kein Einzelfall.

Mafia Sein Vater war ein Freund des Gastronomen Manfred Katz, der als Jude während der NS-Zeit ins Exil nach Südamerika geflohen war. Später kehrte er nach Hamburg zurück, wurde Inhaber von mehr als 50 Läden und schwer reich. »Katz war«, sagte Daniel dem »Spiegel« im vergangenen Jahr, »der Pate der jüdischen Mafia in Hamburg. Und mein Vater gehörte dazu. Die haben alle nur beschissen. Sie glaubten, sie könnten sich alles erlauben und sich an den Deutschen rächen.«

Am vergangenen Samstag ist Daniel im Alter von 54 Jahren gestorben. Ich werde einen Freund vermissen, der trotz seiner die ewige Jugend proklamierenden Punk-Attitüde den am besten erzogenen Hund (Jesus) der Welt hatte (und der mir geholfen hat, meinen Hund zu erziehen).

Ich bin sprachlos, fassungslos. Eine Welt ohne Daniel? Unbegreiflich! Was bleibt, ist Leere und Trauer – und das Glück, mit ihm Zeit verbracht haben zu dürfen.

In eigener Sache

»Jüdische Allgemeine« reagiert auf Rüge des Deutschen Presserats

19 Rügen verteilt der Presserat an die deutsche Medienlandschaft. Eine davon geht an die »Jüdische Allgemeine« - wegen angeblicher gravierender Ehrverletzung eines in Gaza getöteten Journalisten

 23.03.2026

Hollywood

»Enigma Variations«: Aaron Taylor-Johnson übernimmt Hauptrolle in neuer Serie

Im Zentrum der Handlung steht eine Figur namens Paul, deren Leben durch verschiedene Beziehungen geprägt wird. Die Geschichte beleuchtet Fragen von Identität, Begehren und Liebe

 23.03.2026

Filmklassiker auf der Bühne

Premiere in Hamburg: »Zurück in die Zukunft« als Musical

In den 1980er-Jahren war der Film ein Riesenerfolg. Als Musical feierte die Komödie am Wochenende in Hamburg Premiere. Bob Gale, der jüdische Co-Autor der Filmtriologie, schrieb das Musical

 23.03.2026

Jubilar

»Mikrofon für die Seele«: Klezmer-Musiker Giora Feidman wird 90

Giora Feidman hat die jüdische Klezmer-Tradition in den Konzertsaal gebracht. In einfachen Liedern findet er große spirituelle Tiefe. Mit seiner Musik will der Klarinettist Menschen verbinden – und pflegt bei seinen Konzerten ein bestimmtes Ritual

von Katharina Rögner  23.03.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Mit Fran Lebowitz und Larry David in der Ringbahn – ein Traum

von Katrin Richter  22.03.2026

Geburtstag

Für immer Captain Kirk: William Shatner wird 95

Mit der »Enterprise« brach er in den 60er Jahren in die »unendlichen Weiten« des Weltalls auf. »Star Trek« machte den jüdischen Schauspieler weltberühmt

von Holger Spierig  22.03.2026

Aufgegabelt

Tahini-Gugelhupf mit Kardamom und Orange

Rezept der Woche

von Katrin Richter  21.03.2026

Journalismus

Neuer Georg Stefan Troller Preis ehrt Beiträge über jüdisches Leben

Er hat einst das Interview-Format revolutioniert. Ein neuer Journalisten-Preis wird im Namen des im September 2025 gestorbenen Schoa-Überlebenden Georg Stefan Troller ausgeschrieben

 20.03.2026

Genuss

Koschere Frühlingsblumen

Warum der Sederabend für Weinliebhaber kein Albtraum mehr sein muss

von Jacques Abramowicz  20.03.2026