Geschichte

Im Volksheim

Was derzeit als »Reformpädagogik« am Beispiel der Odenwaldschule heftig diskutiert wird, hat in den letzten Kapiteln des deutschsprachigen Judentums eine bedeutende Rolle gespielt. So war Walter Benjamin Schüler in Gustav Wynekens »Freier Schulgemeinde Wickersdorf« und eine der wesentlichen Gestalten der Freideutschen Jugend. Theodor Lessing wiederum gehörte zu den angefeindeten Lehrern am Landerziehungsheim Haubinda des Antisemiten Hermann Lietz. Auch der marxistisch‐psychoanalytische Erziehungstheoretiker Siegfried Bernfeld begann seine Karriere beim österreichischen »Haschomer haZair«. Wenig bekannt ist, dass Einflüsse der Reformpädagogik wesentlich zur Entwicklung der zunächst familienfeindlichen Kibbuzerziehung beitrugen. Für den Einfluss der Kulturkritik und neue Ideen der Erziehung, steht beispielhaft der 1936 gegründete Kibbuz Hasorea.

Wenn auch auf freiwilliger, demokratischer Basis, stellte das Modell der Kollektiverziehung, wie es bis in die 70er‐Jahre die meisten israelischen Kibbuzim praktizierten, die radikalste Verwirklichung des bereits von Platon formulierten Misstrauens gegen die Familie dar. Im Rückblick wird jedoch klar, dass landwirtschaftliche Siedlungen auf den unwirtlichen Böden Palästinas es Müttern unmöglich machte, sich intensiv um ihre Kinder zu kümmern – so dass das Modell einer gemeinschaftsbezogenen Fremdbetreuung eben auch eine ökonomische Notwendigkeit war.

JUGEND Von den vielen Kibbuzim, die während der britischen Mandatszeit in Palästina gegründet wurden, unterscheidet sich Hasorea dadurch, dass er ein authentischer Spross der in Deutschland um die Jahrhundertwende entstandenen bündischen Jugendbewegung war. Hasorea wurde 1936 von der Jugendgruppe »Die Werkleute« ins Leben gerufen. Deren Cheftheoretiker war Hermann Gerson, der 1908 in Frankfurt an der Oder in einem assimilierten, durch die Inflation verarmten Elternhaus geboren wurde. Nach Gerson sollten sich die »Werkleute« an zwei geistige Führer halten: den Kulturzionisten Martin Buber und den Dichter Stefan George. Mit Buber führte Gerson über lange Jahre einen intensiven Briefwechsel, unter anderem über das ihn quälende Problem des »Intellektualismus«.

1919 hatte Buber vor jüdischen Jugendverbänden eine Rede gehalten, in der es hieß: »Unter Intellektualisierung verstehe ich die Hypertrophie des aus dem Zusammenhang des organischen Lebens herausgebrochenen, parasitär gewordenen Intellekts im Gegensatz zu einer organischen Geistigkeit, in der sich die Totalität des Lebens umsetzt. Diese Intellektualisierung macht einsam, denn nur von Mensch zu Mensch (…), nicht aber von Denkapparat zu Denkapparat führt die Brücke unmittelbarer Gemeinsamkeit, heiße sie nun Liebe, Freundschaft, Kameradschaft, Genossenschaft.«

1934 in Palästina, in Chedera, hielt Menachem Gerson am Grab eines Mitglieds der Gruppe eine Rede, in der er deren innerjüdische Stellung zu charakterisieren suchte: »In unseren Elternhäusern fanden wir fast nichts Jüdisches vor (…). Unsere jüdische Haltung begann und erwuchs aus einer persönlichen Fragestellung (…). Wir stellten fest, dass es in uns drinnen eine große Zerrissenheit gab, dass bei uns das Intellektuelle in eine Abgelöstheit geraten konnte (…). Wir merkten, dass vieles von der edlen Haltung, die wir, vor allem unter dem Einfluss Stefan Georges, lieben lernten, uns gerade durch unsere jüdische Herkunft lebensmäßig fern lag.«

BEWUNDERUNG Auf geistig und seelisch fruchtbaren Boden fielen derlei Ansprachen bei jüdischen Jugendlichen der Jahrgänge 1910 bis 20, wobei der übliche Hinweis, es habe sich nur um assimilierte Elternhäuser gehandelt, nicht zutrifft. In vielen Familien war zumindest die Mutter noch stark an die religiös‐jüdische Tradition gebunden. Die Bewunderung der deutschen Kultur – von Schiller und Goethe bis zu Rilke und George – war ungebrochen und stellte den über Jahrzehnte nicht in Frage gestellten Horizont des eigenen Selbstverständnisses dar.

Allerdings konfrontierte sie der gesellschaftliche Antisemitismus der Kaiserzeit mit einem Problem, für das Buber die Worte fand: »Der westjüdische Jüngling, der zum Bewusstsein seines Verhältnisses zur Gemeinschaft erwacht, findet sich zwischen zwei Gemeinschaften gestellt (…). Die eine, der er durch seine Geburt entstammt, die andere (…), die die Sprache geschaffen hat, die er spricht und in der er denkt (…). Aber eines fehlt, ein Letztes, Innerlichstes, das fundamentale Prinzip der wahrhaften Verbindung mit einer Volksgemeinschaft (…): das Gemeinschaftsgedächtnis.«

Bildung Wie auch in der allgemeinen Jugendbewegung wurde die Lösung dieses Problems in Sozialarbeit und Reformpädagogik gesucht: Bildung als persönliche Weiterentwicklung im Dienste eines übergreifend Allgemeinen, das diese Jugend in dem fand, was es für das jüdische Volk hielt. Dieses Volk fanden sie in den nach Deutschland eingewanderten Juden aus Posen und Galizien, die etwa im Berliner Scheunenviertel eine ebenso fremdartige wie faszinierende Immigrantenkultur entfalteten. Der Wunsch, diesen fremden Geschwistern nahe zu sein, nahm die Gestalt karitativer und sozialpädagogischer Bemühungen an. Politisches Ziel der 1932 organisatorisch selbstständig gewordenen »Werkleute« war es, an der »Volksheimbewegung« mitzuwirken, die 1916 zum ersten Mal im Berliner Scheunenviertel ein soziokulturelles Zentrum für neu immigrierte Ostjuden eingerichtet hatte. »Unsere soziale Arbeit«, so erinnert sich eine der Gründerinnen von Hasorea, »sollte eben diese Bevölkerungsschicht, die vollkommen verelendet war, integrieren – ohne sie zu assimilieren.«

Nach Beginn der Nazizeit wanderten die schätzungsweise 1.500 Mitglieder des Bundes in kleinen Gruppen nach Palästina aus, um schließlich 1936 den Kibbuz zu gründen. 1983 noch gab ein Gründungsmitglied zu Protokoll, dass es ursprünglich um einen liberalen Wunsch ging: »Für die Kinder probierten wir von vorneherein eine Gesellschaft zu schaffen, die ihnen die Möglichkeit gibt, wirklich das, was in ihnen steckt, herauszuleben und zu entwickeln.« Doch gerade dieser Mann musste schließlich einräumen, dass seine vier Söhne allesamt den Kibbuz verlassen hatten, zwei wanderten in die USA aus, während die beiden jüngeren zu streng orthodoxen Juden wurden. Einen Generationenkonflikt bestritt dieser Vater jedoch: »Das ist mehr in der Opposition gegen den Kibbuz als zu mir. Vielleicht ist da der Kibbuz der Ersatzvater. Ja, vielleicht.«

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