Ehrung

Im Namen des Sohnes

Martin Buber hat ihn erhalten, ebenso Nelly Sachs, Amos Oz und ja, auch Martin Walser. Und jetzt David Grossman. Der israelische Schriftsteller wurde vergangenen Sonntag mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Vor rund tausend Gästen in der Frankfurter Paulskirche, unter ihnen Bundespräsident Christian Wulff, der israelische Botschafter Yoram Ben Zeev, jüdische Autoren wie Ruth Klüger, Eva Menasse und Maxim Biller, würdigte der ehemalige Bundesbeauftragte für Stasi-Unterlagen, Joachim Gauck, Grossman in seiner Laudatio als vorbildhaften Menschen, der sich für Verständigung mit den Palästinensern einsetze: »Sie wollen auf Fanatismus und Gewalt nicht mit Fanatismus und Gewalt reagieren und weigern sich beständig, die schäbige Uniform des Hasses zu tragen«.

Vertrauen Gleichwohl sei der 56-Jährige keineswegs einer jener naiven pazifistischen Intellektuellen, die glaubten, Empathie und Verständnis aufseiten Israels führten automatisch zur Beendigung des Konflikts. Und trotzdem: Es gebe keine Alternative zum Dialog, sagte Gauck und zitierte David Ben-Gurion: »Ich finde, dass nichts anderes übrig bleibt, als miteinander in die Zukunft zu gehen. Noch ist es zu früh, aber einmal werden wir einander vertrauen können.« Besonderen Applaus gab es, als Gauck aus Grossmans 2006 erschienenem Roman Eine Frau flieht vor einer Nachricht die Stelle zitierte, an der die Protagonistin sagt, Israel könne sich politisch nur auf die USA und Großbritannien verlassen. Nein, so der frühere DDR-Bürgerrechtler entschieden: Auf Deutschland sei ebenso Verlass.

In seiner Dankesrede sprach Grossman über seine Hoffnungen als Israeli und Jude. »Ich wünsche mir«, so der Preisträger, »dass mein Land, Israel, die Kraft finden wird, seine Geschichte noch einmal neu zu schreiben. Dass es lernen wird, seiner Geschichte und seiner Tragödie auf eine neue Art und Weise zu begegnen und sich aus ihr heraus noch einmal neu zu erschaffen.« Doch dafür brauche es Frieden. »Nur Frieden wird Israel ein Zuhause und eine Zukunft geben. Und nur Frieden wird es uns, den Israelis, ermöglichen, etwas zu erleben, was wir überhaupt nicht kennen: Das Gefühl einer stabilen Existenz.«

Lebensfreude David Grossman sprach auch über den Tod seines Sohnes, der wenige Stunden bevor der zweite Libanonkrieg 2006 zu Ende ging, durch eine Rakete der Hisbollah getötet worden war. »Gerne würde ich Ihnen von Uri erzählen«, sagte er. Angesichts dieses Verlustes fehlten ihm jedoch die Worte. »Nur so viel: Stellen Sie sich einen jungen Mann am Anfang seines Lebensweges vor, mit all seinen Hoffnungen, seinem Feuer, seiner Lebensfreude, mit der Arglosigkeit, dem Humor, den Wünschen eines jungen Mannes.«

In bewegenden Worten berichtete der Autor und Essayist davon, wie er danach selbst wieder ins Leben zurückgefunden habe. Das Schreiben sei für ihn der einzige Weg gewesen, gegen das Gefühl des Schmerzes und der Hilflosigkeit anzugehen. »Es gibt Situationen, in denen die einzige Freiheit, die einem bleibt, die des Beschreibens ist: Die Freiheit, mit eigenen Worten das Schicksal zu beschreiben, das über einen verhängt ist. Manchmal kann dies auch der Weg sein, aus seinem Opferdasein herauszukommen.« Auch wenn nach dem Tod Uris durchaus die Versuchung bestanden habe, »Hass zu empfinden, auf Rache zu sinnen«, sei er immer wieder zu der Überzeugung gelangt, dass es besser sei, die Spirale von Vertreibung, Hass und Gewalt schreibenderweise zu beenden. »Ich glaube an die Macht des geschriebenen Wortes.«

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