Kunst

Ikonograf des Kommerzes

Sprach selten über seine jüdische Herkunft: Roy Lichtenstein (1923–1997) Foto: IMAGO/UIG

Der künstlerische Tod war Roy Lichtenstein vom amerikanischen Feuilleton mehrfach prophezeit worden, ehe ihn der physische am 29. September 1997 aus dem Leben riss. Noch wenige Monate zuvor war der Künstler gefragt worden, ob die Pop-Art mit der Zeit diese Sturm-und-Drang-Vitalität der Anfangsjahre verloren habe.

Mit einem verschmitzten Lächeln erklärte er selbstbewusst, dass dies auf alle anderen Maler zutreffe, nicht hingegen »auf mich«. Heute hat sich die damalige Aussage längst als prophetisch erwiesen, sieht man von der ebenso ungebrochenen Popularität seines Freundes Andy Warhol ab.

Am 27. Oktober ist es 100 Jahre her, dass Roy Lichtenstein als Enkel deutsch-jüdischer Einwanderer in Manhattan geboren wurde. Aufgewachsen in einer fast schon klischeehaft jüdischen New Yorker Mittelstandsfamilie (der Vater war Immobilienmakler), war es in seiner Kindheit nicht absehbar, dass er einen künstlerischen Beruf ergreifen würde. An seiner Schule wurde kein Kunstunterricht angeboten.

Ausbildung zum Kunstlehrer

Mit 16 Jahren besuchte er einen Kunstkurs der Art Students League in Manhattan. Im Jahr darauf schrieb er sich in der School of Fine Arts der Ohio State University ein. Auf Drängen der Eltern ließ er sich allerdings zum Kunstlehrer ausbilden.

Bei seinem ersten spektakulären Auftritt als Künstler war er bereits 37 Jahre alt und hatte frustrierende Jahre hinter sich, in denen er im Mittelwesten lebte und seine Kleinfamilie mit diversen Aushilfsjobs durchbrachte. In jener Zeit war Roy Lichtenstein nicht mehr als ein Freizeitmaler mit akademischem Abschluss. Im Jahr 1961 fiel er dann überraschend mit dem Bild »Look Mickey« dem New Yorker Publikum auf, vor allem aber dem Galeristen Leo Castelli.

Erstmalig hatte Lichtenstein die Sprache des Comics verwendet – mit der Verwendung der typischen Ben-Day-Punkte und Sprechblasen.

Erstmalig hatte Lichtenstein die Sprache des Comics verwendet – mit der Verwendung der typischen Ben-Day-Punkte und Sprechblasen. Dazu gekommen war er durch einen schicksalhaften Zufall. Es war etwas passiert, was die Kunstgeschichte inzwischen mythisch zu einem Erweckungserlebnis verklärt hat: Seine Kinder hatten ihn gebeten, ein Bildchen aus der Kaugummiverpackung zur Vorlage für ein Bild zu verwenden. Der Vater tat ihnen den Gefallen.

Es entstand ein monumentales Gemälde, von dessen Wirkung der Künstler überwältigt wurde. Später wird Roy Lichtenstein sagen, dass ihm während dieser Arbeit bewusst geworden sei, dass sein »zweites Leben« begonnen habe. Dabei hatte Lichtenstein bereits während seines Militärdienstes in den 40er-Jahren Comics kennengelernt. Zu seinen GI-Kollegen gehörten nämlich jüdische Comiczeichner wie Jack Kirby, der als Jacob Kurtzberg geboren wurde, und Irv Novick, einer der Superman-Zeichner.

Galerist Castelli nahm Lichtenstein für 400 Dollar im Monat unter Vertrag und machte ihn mit einem anderen Pop-Art-Künstler bekannt: Andy Warhol. Deren beider Kunst, oft beschrieben als »subversive Ikonografie des Kommerzes«, war für das Establishment des Kunstmarktes zunächst ein Schock. Der Glaube an Castellis Gespür für Trends aber war ebenso groß, und so nahm, wie Susanne Weingarten in ihrem Nachruf auf Roy Lichtenstein im »Spiegel« schrieb, »eine der einflussreichsten Kunstbewegungen des 20. Jahrhunderts ihren Anfang in wilden Stürmen der Entrüstung«.

Meister der klassischen Moderne

Lichtenstein hatte jenen Stil gefunden, an dem die Welt heute sein Werk erkennt, und er hielt daran fest, selbst als er in den Meistern der klassischen Moderne eine weitere Spielwiese fand. So entstammen seinem Pinsel auch gerasterte Picassos, Matisses, Dalís, Mondrians und van Goghs.

Seine Jüdischkeit spielte Roy Lichtenstein oft herunter. Dennoch verwies die Ausstellung Pop for the People: Roy Lichtenstein in L.A., die im Oktober 2016 im Skirball Cultural Center in Los Angeles stattfand, genau darauf. Kuratorin Bathany Montagano schrieb im Katalog: »Lichtensteins Geschichte ist in vielerlei Hinsicht eine Geschichte der Assimilation.« Es habe nur in den 60er-Jahren ein Mal ein Interview gegeben, »in dem er über seinen Großvater mütterlicherseits sprach, der in den Tempel ging und Hebräisch sprach. Aber die Presse war nicht so sehr daran interessiert, ihn mit seiner (jüdischen) Identität in eine Schublade zu stecken.

Sie war viel mehr daran interessiert, wie verstörend seine Kunst war«. Dabei könne bei der Beurteilung seines Werkes die jüdische Herkunft nicht ignoriert werden: »Sehen Sie sich sein frühes Leben an. Er wuchs in der Upper West Side von Manhattan auf. Weil er Jude war, konnte er nur in bestimmten Wohnhäusern leben. An der Ohio State konnte er keine Wohnung finden, also trat er einer jüdischen Studentenverbindung bei und verbrachte viel Zeit mit jüdischen Jungen und Mädchen. Ich glaube nicht, dass es zu weit hergeholt ist zu sagen, dass dies seine Weltanschauung beeinflusst hat – er wollte von den Rändern kommen, von außen, und das Spielfeld ausgleichen.«

Programm

Marathon-Mann, Swingende Hermline und ein festliches Triple in Karlsruhe: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 23. Juli bis zum 30. Juli

 22.07.2026

Europatournee

Bob Dylan kommt im Herbst nach Deutschland

Der jüdische Sänger und Songschreiber wird sieben deutsche Bühnen in Beschlag nehmen. Heute beginnt der Vorverkauf

 22.07.2026

Paris

Berührend: Was seine Tochter dem »Asterix«-Schöpfer schreibt

Millionen kennen René Goscinny wegen »Asterix«. In »Das Klimpern der Schlüssel« schreibt ihm seine Tochter Anne als Erwachsene einen Brief. Daraus entstand ein berührendes Buch, nun auch auf Deutsch

von Sabine Glaubitz  21.07.2026

Musik

»Bombentalent und schäbiger Charakter«

150 Jahre Bayreuther Festspiele: Warum Gespräche über Richard Wagner und seinen Judenhass auch heute noch notwendig sind

von Maria Ossowski  21.07.2026

Musikgeschichte

Die Rückkehr der vergessenen Namen

Was die Nationalsozialisten aus dem Musikleben verbannten, ist bis heute oft vergessen. Ein Langzeitprojekt arbeitet daran, dass sich das ändert.

von Evelyn Sander  20.07.2026

Die DJ Sama’ Abdulhadi bei der Arbeit, 2025 in London

Hamburg

Techno-Festival lässt Hamas-Sympathisantin auflegen

Obwohl sie die Massaker vom 7. Oktober verteidigt hat, durfte DJ Sama’ Abdulhadi beim Habitat-Festival auflegen. Die Antisemitismusbeauftragte Anna von Villiez hatte zuvor ihre Ausladung gefordert

 20.07.2026

Debatte

Danger Dan und Igor Levit: So reagiert »Die Anstalt« in ihrer Sendung auf die Absage des ZDF

In seiner Jubiläumssendung geht das »DieAnstalt«-Team ausführlich auf den Streit ein

 19.07.2026

NRW

Minister sieht bei Danger Dan-Song Nähe zu Extremisten

Der Rapper Danger Dan darf einen neuen Song nicht in der Satiresendung »Die Anstalt« präsentieren. Nun meldet sich der NRW-Medienminister zu Wort, der auch im ZDF-Fernsehrat sitzt

 18.07.2026

Zahl der Woche

70 Prozent

Fun Facts und Wissenswertes

 18.07.2026