Kino

»Ich will das Schiff nicht verlassen«

Hals über Kopf haut Shlomi einfach ab. Das nicht ungefährliche Chaos eines Gegenangriffs nutzt der Protagonist des israelischen Films The Vanishing Soldier, der gerade beim renommierten Filmfestival in Locarno seine Weltpremiere feierte, um beim Militäreinsatz im Gaza-Streifen seiner Einheit den Rücken zu kehren und sich kurzerhand davonzustehlen.

Dass ihm für die Fahnenflucht eine Gefängnisstrafe droht, ist dem 18-jährigen (mit Verve gespielt vom jungen Newcomer Ido Tako in seiner ersten Rolle) durchaus bewusst. Doch der Wunsch, seine Freundin Shiri (Mika Reiss) noch ein letztes Mal zu sehen, bevor es sie für ein Studium nach Kanada zieht, ist größer. Erst als er mitbekommt, dass die Armee-Führung ihn in palästinensischer Gefangenschaft wähnt, und obendrein sein Vater nach einem vom Schrecken eines Bombenangriffs ausgelösten Herzinfarkt im Krankenhaus liegt, wird Shlomi das tatsächliche Ausmaß seiner Entscheidung zusehends bewusst.

Regisseur Dani Rosenberg, der durch die Fernsehserie Milk & Honey (die unter anderem in Deutschland und Frankreich neu verfilmt wurde) bekannt wurde und mit seinem ersten Spielfilm The Death of Cinema and my Father Too beim Filmfestival in Jerusalem ausgezeichnet wurde, erzählt seine Geschichte als rasante, sich innerhalb von 24 Stunden abspielende Coming-of-Age-Story, in der Humor, Familiendrama und die Liebe genauso viel Platz haben wie (gesellschafts-)politische Realitäten.

WACHPOSTEN Seinen Ursprung nahm The Vanishing Soldier dabei in einer persönlichen Erfahrung Rosenbergs, die er eigentlich nie mit der Öffentlichkeit teilen wollte. Als 18-jähriger verließ er selbst während des Militärdienstes eines Nachts seinen Wachposten in der judäischen Wüste, nur um nach einer Stunde ängstlich und orientierungslos wieder zurückzukehren, bevor sein Verschwinden bemerkt worden wäre.

»Das war der unbeholfene Versuch, mich gegen das System aufzulehnen«, erinnert er sich im Gespräch. »Damals fing ich an, darüber nachzudenken, was wohl passiert wäre, wenn ich wirklich den Mut zur Rebellion gefunden hätte. Und letztlich ist das etwas, womit ich als israelischer Staatsbürger bis heute ringe: dass ich Teil eines Systems bin, mit dem ich mich eigentlich nicht unbedingt identifiziere, aber dem ich auch nicht wirklich entkommen kann.«       

»Ich liebe mein Land und sehe viele Menschen, jüdische wie palästinensische, die das Potenzial haben, Israel eine bessere Zukunft zu bescheren.«

regisseur dani rosenberg

So sehr sein Film in erster Linie die Geschichte eines jungen Mannes ist, der damit beschäftigt ist herauszufinden, wer er wirklich ist und was er will, so sehr macht Rosenberg ihn auch zu einem Porträt der modernen israelischen Gesellschaft, in der das Militär und der Dienst an der Waffe scheinbar unhinterfragt hochgehalten werden und Sirenenalarm wie selbstverständlich zum Bestandteil des hedonistischen Nachtlebens in Tel Aviv dazugehört.

»Mir ging es nicht darum, einen politischen Film in der Tradition von jemandem wie Costa-Gavras zu drehen. Eher würde ich Paranoia-Thriller der Siebziger als Referenz heranziehen«, gibt der Regisseur zu Protokoll. »Trotzdem ist meine Arbeit selbstverständlich nicht unpolitisch. Mein persönlicher Blick auf unsere Gesellschaft und auf den israelisch-palästinensischen Konflikt beeinflussen diese Geschichte. Aber wenn es mir nur darum gegangen wäre, meine eigene Meinung kundzutun, hätte ich auch einfach einen Zeitungsartikel schreiben können.«

KOMÖDIE Dass seinem Protagonisten am Ende kein Happy End im eigentlichen Sinne vergönnt ist, war für Rosenberg, dem kein realer Fall einer Desertation zu Kriegszeiten bekannt ist, entscheidend: »Ich hatte keine Lust auf ein naiv-utopisches Szenario, das für Schlomi einen echten Ausweg bereithält. Denn das gesamte System Israel hat sich festgefahren in einer Sackgasse, aus der es aktuell kein Entkommen gibt. Ich sah ihn immer als den Hauptdarsteller einer romantischen Komödie, der in einem Albtraum feststeckt.«

Dass sein Film im aktuellen politischen Klima in Israel, wo aktuell Reservisten und Militärangehörige als Kritik an der Regierung den Dienst verweigern wollen, für kontroverse Reaktionen sorgen dürfte, ist Rosenberg bewusst. »Ich glaube nicht, dass Kino die Welt verändern kann«, lautet seine Antwort auf die Frage, ob er seine Kunst selbst als Mittel des Protests versteht. »Aber vielleicht kann es zumindest dem einen oder der anderen die Augen öffnen. Es macht mich hoffnungsvoll, dass die jungen Leute in Israel gerade aufbegehren und anders als meine Generation das System hinterfragt, Ungerechtigkeiten erkennt und für Veränderungen kämpft. Wenn mein Film vielleicht einen kleinen Teil dazu beitragen und Menschen motivieren kann, würde mich das sehr glücklich machen.«

Für ihn selbst kommt eine Abkehr von der Heimat, trotz des seit der Jugend anhaltenden Ringens mit dem System, jedenfalls nicht infrage: »Ich will das Schiff nicht verlassen, selbst wenn man meinen könnte, dass es im Sinken begriffen ist. Ich liebe mein Land und sehe viele Menschen, jüdische wie palästinensische, die das Potential haben, Israel eine bessere Zukunft zu bescheren. Und eben diesen Kampf kann man vermutlich aus dem Inneren heraus besser führen als von außen.«

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