Kino

»Ich sehe mich nicht als Dokumentarfilmer«

»›Shoah‹ ist der Versuch, der Vernichtung der sechs Millionen Juden und der Vertilgung der Erinnerung Widerstand zu leisten«: Claude Lanzmann Foto: dpa

Herr Lanzmann, auf der Berlinale werden Sie für Ihr Lebenswerk als Dokumentarfilmer geehrt. Im Zentrum steht dabei natürlich »Shoah«.
Offen gesagt: Ich sehe mich überhaupt nicht als Dokumentarfilmer. »Shoah« weicht den üblichen Kategorien – fiktional oder dokumentarisch – aus. Die sind zu platt und beschreibend. Verzeihen Sie mir die Eitelkeit, aber ich möchte einen Freund von mir zitieren, der gesagt hat: Das Kino ist die siebte Kunst, »Shoah« ist die achte Kunst. Ich habe keine bereits existierende Realität abgefilmt, sondern ich habe das überhaupt erst komplett hergestellt, was man auf der Leinwand sieht. Vorher gab es nichts.

»Shoah« ist also mehr als nur ein Film?
»Shoah« ist der Versuch, der Vernichtung der sechs Millionen Juden und der Vertilgung der Erinnerung Widerstand zu leisten. Ihnen ihre Erinnerung zurückzugeben. Denn diese Vernichtung war erfolgreich. Die Nazis haben nicht allein Menschen zerstört, sie haben die Zerstörung selbst vernichtet – das ist es, was der Ausdruck »Ver-Nicht-Ungs-Lager« eigentlich bedeutet. Wir müssen uns diese wesentliche, ganz grundlegende Differenz zwischen Vernichtungslagern und Konzentrationslagern in Erinnerung rufen: Die Zustände in den Konzentrationslagern waren unglaublich hart. Und viele Leute starben. Aber es gab die Möglichkeit zu überleben. In den Vernichtungslagern stellte sich diese Möglichkeit gar nicht. Das waren Lager, die dazu ausersehen waren, den unmittelbaren Tod zu verwalten. Die Passagiere der ankommenden Züge wurden zu großen Teilen normalerweise während der ersten zwei, drei Stunden nach ihrer Ankunft getötet.

Dies ist nicht Ihr erster Berlin-Besuch. Sie sind 1947, zwei Jahre nach dem Krieg bereits nach Deutschland gekommen. Ziemlich ungewöhnlich für einen Résistance-Kämpfer. Wie kam es dazu?
Ich habe gegen die Deutschen im Krieg gekämpft, habe in der Resistance Deutsche getötet, aber ich bewunderte ihre Philosophen. Darum ging ich nach Deutschland, zunächst nach Tübingen, wo ich ein Jahr gelebt habe. Michel Tournier und Gilles Deleuze, die dort auch studierten, waren damals meine Freunde. Als ich später, 1948, nach Berlin kam, ging ich sehr bald auf den alten Dorotheenstädtischen Friedhof. Der lag direkt neben dem Haus, in dem Bertolt Brecht wohnte. Dort befinden sich die Gräber von Fichte und Hegel direkt nebeneinander – und das von Hegels Frau, nicht zu vergessen. Brecht konnte immer von seinem Arbeitszimmer darauf gucken. Ein wunderschöner Friedhof. Das hat mir sehr gefallen.

Welches Bild von Deutschland hatten Sie damals?
1948 war ich erst 23 Jahre alt, also sehr jung. Das ganze Ausmaß der Schoa hatte ich damals noch nicht begriffen. Das ist mir erst sehr viel später klargeworden. Das erste Konzentrationslager, das ich persönlich gesehen habe, war das von Schwenningen, im Schwarzwald, südlich von Stuttgart. Das war kein Vernichtungslager. Aber die Erfahrung war sehr hart, die Spuren waren noch ganz frisch.

Wie haben die Überlebenden damals über ihre Erlebnisse gesprochen? Haben sie das überhaupt?
Ich habe damals fast gar keine Überlebenden gekannt. Es gab einen Freund meiner Mutter, aber der hat nicht geredet. Sie müssen eines verstehen: Der Krieg war endlich zu Ende, die unmittelbare Befreiung vorbei, und die Leute wollten nicht darüber reden, was Ihnen passiert war. Es hat dafür die Zeit gefehlt. Und das waren Erlebnisse, die hat man beweint, aber man hat nicht geredet. Die Dimension der Verbrechen erschloss sich erst mit der Zeit.

Aber es gab doch die Nürnberger Prozesse. Wie haben Sie die erlebt?
Ich habe die Prozesse nicht sehr genau verfolgt. Ich habe überhaupt nicht sehr synchron mit den großen historischen Ereignissen gelebt. Etwa die Staatsgründung von Israel 1948, die mir sehr viel bedeutete – da war ich in Berlin. Ich kam immer etwas zu spät.

Mit Claude Lanzmann sprach Rüdiger Suchsland.

Aufgegabelt

Tomato tonnato mit Kapern

Rezepte und Leckeres

von Alice Zaslavsky  25.02.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Schlafende Kritiker, riechende Stullen, tolle Outfits: Berlinale mit allen Sinnen

von Katrin Richter  25.02.2026

Rezension

Erfolg und Versagen

Konstantin Richter beschreibt deutsche Wirtschaftsgeschichte seit 1871 – und das Schicksal des jüdischen Bankiers Hermann Wallich

von Maria Ossowski  25.02.2026

Debatte

Streit um die Deutungshoheit

Die harten Auseinandersetzungen um die Studie des Historikers Grzegorz Rossoliński-Liebe über die Rolle polnischer Bürgermeister in der Schoa sind ein Lehrstück über den Umgang mit der Freiheit der Wissenschaft

von Julien Reitzenstein  25.02.2026

Antisemitismus-Skandale

Wolfram Weimer will Berlinale-Chefin Tricia Tuttle entlassen

Der Kulturstaatsminister zieht Konsequenzen

 25.02.2026 Aktualisiert

Meinung

Was Layout verraten kann

Holger Friedrich hat die Ostdeutsche Allgemeine Zeitung auf den Markt gebracht. Bei der Gestaltung drängen sich merkwürdige Bilder auf. Welche Zielgruppe will er wohl erreichen?

von Marco Limberg  25.02.2026

Berlin

Igor Levit: Fünf Prokofjew-Konzerte an drei Abenden

Von Romantik pur bis hin zu rasanten Läufen und ungewohnten Rhythmen: Im März bietet sich in der Philharmonie eine einmalige Gelegenheit

von Imanuel Marcus  24.02.2026

Kanadischer Rock

Geddy Lee Weinrib kündigt Rush-Konzerte in Deutschland an

Die letzten Auftritte des jüdischen Sängers und Bassisten sowie seiner Formation in der Bundesrepublik sind 13 Jahre her

 24.02.2026

Kino

Ein Leben als Pingpong-Partie

Timothée Chalamet glänzt in »Marty Supreme« als ambitionierter Pingpong-Spieler und Überlebenskünstler Marty Mauser, der in den 1950er Jahren den Weltmeistertitel im Tischtennis anstrebt. Auch Deutschlands bester Tischtennis-Spieler aller Zeiten, Timo Boll, ist in dem Film zu sehen

 24.02.2026