Imkerei

Hightech und Honig

Mehrfamilienhaus für Bienen: »Beehome« Foto: Beewise

Im Land, wo Milch und Honig fließen, am Fuße des Korazim-Vulkanplateaus in Obergaliläa, liegt der Kibbuz »Ayelet HaShahar«. Diese ländliche Kollektivsiedlung mit gemeinsamem Eigentum und basisdemokratischen Strukturen besitzt eine Farm, wo das Summen fleißiger Tierchen stetiges Hintergrundgeräusch ist.

In der Galili-Imkerei arbeiten Millionen Bienen in 1200 Stöcken. Die Familie, mit Vorfahren aus Osteuropa, betreibt die Honigfarm bereits in der dritten Generation. Obwohl sie zu den erfolgreichsten der mehr als 500 Bienenzüchter des Landes gehören, die gemeinsam 3600 Tonnen Honig produzieren, sind sie wie die gesamte Branche über das Schwinden des kleinen Insekts besorgt.

CCD-Virus »Seit einem Jahrzehnt ist weltweit ein Massensterben der Honigbiene zu beobachten,« erzählt Telem Galili in weißer Imkerkluft mit Netzhut auf dem Kopf, während er seine Stöcke überprüft. »Aufgrund des gefährlichen CCD-Virus (Colony Collapse Disorder), das ganze Bienenvölker ausrottet, nimmt ihre Zahl stetig ab.«

Durch weitere Ursachen wie Krankheiten, Pestizide und Umweltgifte, aber auch Klimawandel und die Zerstörung von Lebensraum als Nahrungsgrundlage, gehen Forscher von einer Abnahme um circa 30 Prozent aller Bienenvölker aus. Auch können künstlich erzeugte elektromagnetische Wellen ihre Orientierung beeinflussen, sodass sie ihre Stöcke nicht mehr wiederfinden.

Europa verlor im letzten Jahrzehnt 40 Prozent seines Bienenbestands, Israel nur zehn Prozent.

Die Firma Beewise entwickelte den ersten »autonomen Bienenstock«.
»Die Honigbiene ist ein wichtiger Bestandteil unserer Nahrungskette, und wenn diese Komponente reißt, werden wir alle in große Schwierigkeiten geraten«, erklärt der Imker. »Die Menschen fürchten sich vor Nahrungsmittelknappheit, da ein Drittel unseres Essens direkt mit der Bestäubung durch dieses Insekt zusammenhängt.«

DISRUPTIV Um dem entgegenzuwirken, haben in Israel seit einigen Jahren zahlreiche Start-ups Bemühungen unternommen, die Bienenpopulation durch Computer Vision, Künstliche Intelligenz (KI) und Präzisionsrobotik zu rehabilitieren. So hat die im Norden des Landes ansässige Firma »Beewise« den weltweit ersten »autonomen Bienenstock« entwickelt – genannt »Beehome« –, der bis zu 40 Bienenvölker mit mehr als zwei Millionen Tieren aufnehmen kann. Der Imker kann mit einer App auf dem Smartphone ihre Gesundheit und Pflege kontrollieren.

»Es handelt sich um eine sogenannte ›disruptive Technologie‹«, sagt Saar Safra, Präsident und Gründer von Beewise. »Während viele Imker, die schon seit mehreren Generationen in der Branche tätig sind, Existenzängste plagen, wollen wir mit unserem Gerät weltweit die Bienenstöcke revolutionieren.«

Diese, kritisiert der Computerspezialist, bestehen gegenwärtig meistens aus einer einfachen Holzkonstruktion und seien ein Relikt aus der Vergangenheit. Dazu müssen sich Imker bei deren Instandhaltung in Schutzanzüge kleiden, um nicht nur Schädlinge zu bekämpfen und die fleißigen »Arbeiter« zu ernähren, sondern auch um den Honig zu ernten. Alle Stöcke zu versorgen, kann Wochen dauern, und viele Bienen sind bis dahin verloren. Die Intention von Beewise – dessen Finanzierung aus Risikokapitalfonds sowie europäischen und israelischen Zuschüssen erfolgte –, ist, das Insektenhaus mit KI nachhaltig zu verändern.

»Wenn man Probleme frühzeitig identifiziert und sie auf eine bestimmte Art und Weise behebt, dann können die Tiere gerettet werden«, erklärt Safra. »Unser Bienenstock erkennt und identifiziert durch KI die Probleme von Anfang an«, fährt er fort. »Eine Echtzeitreaktion wird dann unter Verwendung von Computer Vision ausgeführt, um die Situation zu erkennen und zu überwachen, wobei Präzisionsrobotik die erforderliche Lösung ausführt.« Bis auf das Nachfüllen von Wasser und Nahrung sowie das Sammeln des Honigs, der maschinell geerntet wird, arbeitet das Gerät völlig autonom.

FÖRDERUNG Während im vergangenen Jahrzehnt Europa etwa 40 und die USA 30 bis 50 Prozent ihrer Bienenkolonien verloren, steht Israel im Vergleich mit zehn Prozent relativ gut da. Herzl Avidor, Vorsitzender der Honigkammer Israels, sieht die Entwicklung der Start-ups, die sich dem Schwund der Bienenpopulationen entgegenstellen, sehr positiv.

»Im Heiligen Land wird seit über 3000 Jahren Honig angebaut, und seit einem Jahrzehnt unterstützt eine breite Öffentlichkeit unseren Kampf um die Erhaltung der Bienen – vor allem der technologische Sektor.« Avidor, der einer der Ersten war, die sein Land vor dem Massensterben des Insekts warnten, zitiert oft Albert Einstein: »Wenn die Bienen verschwinden, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben.«

Während der Jüdische Nationalfonds die Entwicklung und den Anbau nektarreicher Pflanzen unterstützt, ist für den Funktionär staatliche Förderung auf den Gebieten von Wissenschaft und Hightech nur die logische Konsequenz. So hat Israel in den letzten Jahren in den Bereichen Biologie und Botanik nicht nur aufgrund von Start-up-Firmen einen gewaltigen Sprung nach vorne gemacht. »Dass der Bienenstock von Beewise bis zu 40 Bienenvölker aufnehmen kann, ist ein positives Signal«, sagt Avidor. »Es bedeutet mehr Leben für unsere Bienen.«

Vegetation Und doch kennt der Honigexperte auch die Grenzen Israels auf diesem Gebiet. »Wir sind ein kleines Land und haben nicht genug Platz. Deshalb können wir es mit der Anzahl unserer Bienenhäuser nicht übertreiben«, sagt er. »Wir sind eines der am stärksten mit Bienenstöcken besiedelten Länder, von denen es vom Norden bis Beer Sheva 110.000 gibt. Südlich davon ist keine Vegetation vorhanden, deshalb kann unsere Branche nicht expandieren.«

Telem Galili vom Kibbuz Ayelet HaShahar kann dem nur zustimmen. Er gehört zu den Bienenzüchtern, die das Gerät von Beewise derzeit testen. »Ich habe das Glück, zu den Ersten meines Fachs zu gehören, die Beehouse verwenden dürfen«, erklärt der Imker. Wie bei den meisten, ist auch seine Reaktion sehr positiv. »Stöcke mit KI sind ein nachhaltiger Fortschritt in der Bienenzucht und werden bestimmt das Massensterben weltweit aufhalten«, ist er überzeugt. »Denn wenn es keine Bienen mehr gibt, keine Pflanzen und Tiere, dann verschwinden auch die Menschen.«

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