Satiren

Herr Wendriner meldet sich zurück

Kurt Tucholsky Foto: dpa

Satiren

Herr Wendriner meldet sich zurück

Kurt Tucholskys legendäre Monologe eines deutsch-jüdischen Spießers erscheinen erstmals gesammelt in Buchform

von Michael Wuliger  06.10.2014 17:37 Uhr

Erstmals betritt Herr Wendriner 1922 die Bühne, genauer »Die Weltbühne«. Am Tag der Beerdigung von Walther Rathenau ruht zum Gedenken an den von antisemitischen Freikorpsleuten ermordeten Außenminister zehn Minuten lang der Telefonverkehr in ganz Deutschland.

Wendriner kann deshalb seinen Geschäftspartner Skalitzer nicht erreichen und schimpft, während er immer hektischer auf die Verbindung wartet, vor sich hin: »Solln se sich totschießen oder nicht – aber bis ins Geschäft darf das doch nicht gehen! Überhaupt: Ein Jude soll nicht solches Aufsehen von sich machen. Das reizt nur den Antisemitismus!«

bourgeois 16-mal ließ Kurt Tucholsky diese »erbarmungslose Nacktaufnahme der deutsch-jüdischen Bourgeoisie«, wie Gershom Scholem Wendriner einmal charakterisierte, bis 1930 auftreten. Mittelalt, dicklich, borniert, aber mit bildungsbürgerlichen Allüren, von Beruf selbstständiger Kaufmann, monologisierte Wendriner in diesen kleinen Vignetten über Geschäfte, Politik, Kindererziehung und seine kleinen Affären aus der Perspektive des jüdischen Spießers und in dessen von Tucholsky präzise beobachtetem Tonfall: um das Hochdeutsch der besseren Gesellschaft bemüht, aber immer wieder in Berliner Färbung abgleitend, in die sich aller angestrengter Assimilierung zum Trotz gelegentlich auch jiddische Rudimente einschleichen: »Für was ist er Arzt?«

Zuletzt erscheint Wendriner im Oktober 1930. Anderthalb Jahre vor dem Machtantritt der Nazis lässt Tucholsky in einem prophetischen Text seinen Antihelden »unter der Diktatur« leben: »Na jedenfalls herrscht Ordnung!« Die Geschäfte laufen auch gut: »Beim H. weiß man wenigstens: Er geht eim nich ann Safe.« Und der Antisemitismus betrifft erst einmal ja nur die Ostjuden – »wissen Sie, denen gegenüber ist der wirklich berechtigt.« So haben in den ersten Jahren des Dritten Reichs tatsächlich viele gedacht.

aktuell In gesammelter Form sind die Wendriner-Geschichten bisher nie erschienen. Zwar hatten Tucholsky und seine Verlegerin Edith Jacobsohn vor, sie als Buch herauszubringen. Als Illustrator war George Grosz im Gespräch. Das Projekt scheiterte daran, dass die Verlegerin die Geschichten »zu scharf« fand. Erst jetzt erscheinen diese genialen Vignetten im Verlag für Berlin-Brandenburg, herausgegeben von Peter Böthig und Carina Stewen. Zusätzlich enthält der Band vier Monologe einer anderen Tucholsky-Figur, des Lottchens, einer leichtlebigen jungen Berlinerin, sowie den Briefwechsel in Sachen Wendriner zwischen Tucholsky und Edith Jacobsohn.

92 Jahre ist es her, dass Herr Wendriner erstmals von sich hören ließ. Von bloß historischem Interesse ist dieses Buch dennoch nicht. Das deutsche Judentum, heißt es allenthalben, ist wieder da – und mit ihm auch der deutsche jüdische Spießer. Der Typ neulich in der Synagoge zwei Reihen vor Ihnen, der ununterbrochen und lautstark über seine Geschäfte und seine Mischpoche redete – das war wahrscheinlich Herr Wendriner.

Kurt Tucholsky: »Herr Wendriner und das Lottchen«. Hrsg. von Peter Böthig und Carina Stewen. Verlag für Berlin-Brandenburg, Berlin 2014, 96 Seiten, 14,99 €

Glosse

Der Rest der Welt

Immer auf die Kleinen? Ich swipe alle weg!

von Margalit Edelstein  25.01.2026

Archäologie

Ton, Steine, Scherben in der Datenbank

Israel startet eines der ehrgeizigsten Digitalisierungsprojekte weltweit zu Ausgrabungen und historischen Funden

von Sabine Brandes  25.01.2026

Aufgegabelt

Fruchtige Babka

Rezepte und Leckeres

 25.01.2026

Fernsehen

»Gil - das G steht für gelogen«

Zweiter Tag, und schon prägt eine merkwürdige Lust am Verhör das diesjährige Dschungelcamp

von Martin Krauß  24.01.2026

Fernsehen

Dieser Israeli begleitet Gil Ofarim ins »Dschungelcamp« nach Australien

Ofarims Ehefrau Patricia fliegt nicht mit, da sie sich lieber im Hintergrund hält. Wer ist es dann?

 24.01.2026 Aktualisiert

Fernsehen

Gil Ofarim im Dschungelcamp: Sonja Zietlow spricht Klartext

Die Moderatorin der Sendung spricht vor der ersten Folge erstaunlich offen über die viel diskutierte Teilnahme des Sängers

von Martin Krauß  24.01.2026 Aktualisiert

Hollywood

Diese Juden sind 2026 für die Oscars nominiert

Die 98. Vergabe der begehrten Academy Awards findet am 15. März statt. Auch dieses Jahr gibt es viele jüdische Aspekte rund um den Filmpreis

von Imanuel Marcus  24.01.2026

TV

Gil Ofarim: »Ich kann die Kritik nachvollziehen - vor allem, wenn ich auch nur das wüsste, was die Öffentlichkeit weiß«

Einzug ins Dschungelcamp - »Heikle Themen« gleich zu Beginn

von Inga Jahn  24.01.2026

Heidelberg

»Bitte zieht euch nicht zurück!«

Nach ihrer Hochschulrede stellte sich Bundesbildungsministerin Karin Prien Fragen aus der jüdischen Gemeinschaft und den Universitäten

von Ayala Goldmann  23.01.2026