Zeitgeschichte

Heißer Sand & ein verlorenes Land

Sie gingen tagelang in geführten Gruppen wandern und hatten auf ihren Wadi-Touren die zivilisationskritischen Bücher von Henry David Thoreau dabei. Manche von ihnen, die Radikaleren, lasen auch einen ins Hebräische übersetzten Roman des Öko-Anarchisten Edward Abbey, der zum Guru einer Gruppe von Umweltaktivisten namens »Earth First!« geworden war – kein Scherz.

Und ebenso wenig eine Fata Morgana wie das Nuweiba-Pop-Festival von 1978: »Tausende Jugendliche strömten damals in den Sinai. Sie kamen, um Bob Dylans ›All Along the Watchtower‹ in der Version von Jimi Hendrix zu hören – aber nicht, um auf die Wachtürme der Gründerväter zu steigen. Die Beatnikim legten den Bibelvers ›So spricht Jahwe, der Gott Israels: Lass mein Volk ziehen, damit sie mir in der Wüste ein Fest feiern können‹ auf ihre eigene Weise aus. Sie tanzten, sangen und sie liebten sich im warmen Sand unter dem Sternenhimmel des Sinais, das einem Planetarium glich.«

Yoram Kaniuk beschrieb die Party-Aspekte der Sinai-Existenz.

Was nur war das für eine bezirzende (Aus-)Zeit gewesen? Ausgerechnet der 2013 verstorbene Schriftsteller Yoram Kaniuk, den meisten wohl eher bekannt als grauhaarig-weiser Warner, hatte – jenseits des Politischen – die wilden Party-Aspekte der damaligen israelischen Sinai-Präsenz beschrieben: ein temporärer, wahrscheinlich auch ein wenig trügerischer Garten Eden, »in dem die Menschen keine Angst mehr vor Syphilis hatten und sich noch nicht vor Aids fürchteten«. Stars wie Svika Pick oder Shlomo Artzi sangen den Beatnikim dazu die entsprechenden Songs – und bereits kometenweit entfernt jene Zeit vor 1967, als ein staatliches Kulturkomitee tatsächlich noch einen Israelauftritt der Beatles untersagt hatte, da »diese Kapelle keinerlei künstlerischen Wert« habe.

HEDONISMUS Dies und noch viel mehr findet sich im Buch Sehnsuchtsort Sinai, das, so der Untertitel, »eine israelische Kulturgeschichte der ägyptischen Halbinsel« erzählt. Geschrieben hat es der 1987 geborene Wissenschaftler und Journalist Dominik Peters, der ganz offenbar bei so Großen wie Tom Segev stilistisch in die Schule gegangen ist. Denn wie scheinbar mühelos und elegant gelingt ihm eine profunde (Sozial-)Geschichtsschreibung, die im flirrend Lebensweltlichen wurzelt und gleichzeitig – ohne je mit verschmockten Termini zu prunken – eine veritable Diskursanalyse liefert.

Solch ein Buch hat es noch nicht gegeben, ist doch bis heute die Literatur über die Zeit nach 1967 vor allem auf das Westjordanland und den Gazastreifen fokussiert und ignoriert den 1982 an Ägypten zurückgegebenen Sinai. Dabei war dieser – obwohl die Etymologie eine Nähe zu »Sneh«, das hebräische Wort für (Moses’) Dornbusch nahegelegt – niemals so religiös aufgeladen wie etwa Judäa und Samaria.

Umso enthusiastischer strömten in den Jahren nach dem gewonnenen Sechstagekrieg säkulare, häufig linksalternative Israelis auf die eroberte Halbinsel, um dort in Landwirtschaftssiedlungen noch einmal den im Kernland bereits verblassenden Traum zionistischer Pionierarbeit zu leben. Oder, gleichzeitig und konträr dazu, einen Hedonismus zu zelebrieren, der von Askese nun gar nichts hielt.

Dominik Peters belässt es freilich nicht bei Anekdoten, sondern zieht Statistiken und unzähliges Archivmaterial zu Rate – und dies nicht nur über die eindrucksvolle israelische Besiedlung, sondern auch über die damaligen Grauzonen der Beduinen-Diskriminierung. Besonders im Norden des Sinai, an der Grenze zum Gazastreifen, hatte es militärisch bedingte Vertreibungen gegeben, die jedoch schon frühzeitig von israelischen Aktivisten angeklagt worden waren. Unter ihnen auch die legendäre Shulamit Aloni, die sich freilich im (ohnehin entspannteren) Südsinai mit Kritik zurückhielt – ihr Mann war der dortige Verwaltungschef.

GENERATIONEN Wer will, kann solches als »typisch linke Doppelmoral« abqualifizieren, bringt sich dabei jedoch um eine viel fruchtbarere Einsicht: Die »innerisraelischen Brüche« nämlich, die von Möchtegern-Experten ein ums andere Mal als aktuell und präzendenzlos beschrieben werden, existierten bereits damals – inklusive der Konflikte zwischen Idealismus und Ignoranz, Altruismus und korruptionsanfälliger Wirtschaftspolitik, sympathischen Gesellschaftsutopien und pragmatischen geopolitischen Überlegungen (die schließlich zur Rückgabe des Sinai führten).

Linksalternative Israelis lebten noch einmal den Traum zionistischer Pionierarbeit.

Die Backpacker von heute, schreibt Dominik Peters, wandern indessen auf dem »›Kosher Banana Pancake Trail‹ in Thailand oder geloben sich: ›Nächstes Jahr in Kathmandu‹«. Sein überaus gelungenes Buch lehrt freilich auch, dass die (nicht allein in Israel) viel beklagte »Kluft zwischen den Generationen« kein Schicksal sein muss: Wer lebensfroh genug war, seine Jugendsommer inmitten der Nudisten von Neviot verbracht zu haben, wird seinen Kindern und Enkeln gewiss nicht mit Jeremiaden über vermeintlich »heutigen Werteverfall« auf die Nerven gehen. Nicht zuletzt auch deshalb sollte die »Sinai-Erfahrung« bewahrt und weitergegeben werden.

Dominik Peters: »Sehnsuchtsort Sinai. Eine israelische Kulturgeschichte der ägyptischen Halbinsel«. Wallstein, Göttingen 2019, 368 S., 30 €

Kommentar

Antisemitismus im »Safe Place«: Die Kunstakademie Düsseldorf macht’s möglich

Eine Kunstakademie sollte Räume für kritisches Denken öffnen - aber nicht für Ideologien, die Menschenfeindlichkeit salonfähig machen

von Nicole Dreyfus  02.02.2026

Kino

»Disclosure Day«: Steven Spielberg bringt neuen Alien-Film ins Kino

Der jüdische Regisseur legt mit seinem neuen Sci-Fi-Drama ein geheimnisvolles Werk vor, das einen ganz neuen Ansatz verfolgen soll

 02.02.2026

Meinung

Antisemitismus auf Sendung

RTL zeigte ein Video zu einem »Betrüger-Gen« von Gil Ofarim – ausgerechnet am Holocaust-Gedenktag. Das muss Konsequenzen haben

von Ayala Goldmann  02.02.2026

TV

»Stefan Raab Show« unterstellt Gil Ofarim »Betrüger-Gen«

In seiner »Dschungelcamp«-Nachlese greift der Showmaster in einem Einspieler auf antisemitische Stereotype zurück

von Ralf Balke  02.02.2026

Los Angeles

Jack Antonoff gehört zu den jüdischen Grammy-Gewinnern

Der Sänger, Songschreiber und Produzent aus New Jersey war mehrfach nominiert. Welche Juden gewannen noch?

von Imanuel Marcus  02.02.2026

Fernsehen

»Du bist ein kranker Lügner«

Ariel attackiert Gil Ofarim und Mirja muss raus: So war die zehnte Folge des Dschungelcamps

von Martin Krauß  01.02.2026

"Dschungelcamp"

Gil Ofarim: »Auch ich will ’ne Antwort - vom deutschen Justizsystem«

Musiker Gil Ofarim steht wieder im Zentrum der Aufmerksamkeit

von Britta Schultejans  01.02.2026

Musik

»Ich werde alles geben«

Noam Bettan, Israeli mit französischen Wurzeln, vertritt sein Land beim Eurovision Song Contest in Wien

von Sabine Brandes  01.02.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Veränderung oder Die Welt von gestern ist nicht mehr

von Nicole Dreyfus  01.02.2026