Fernsehen

»Hat Pius getan, was er tun konnte?«

Pius XII. (bürgerlicher Name: Eugenio Pacelli) war von 1939 bis zu seinem Tod 1958 Papst. Foto: Getty Images

Fernsehen

»Hat Pius getan, was er tun konnte?«

Die ARD zeigt heute eine Dokumentation über die Öffnung der Vatikan-Archive zu Pius XII.

von Johannes Senk  18.05.2020 14:28 Uhr

»Die Kirche fürchtet die Geschichte nicht.« Mit diesen Worten hat Papst Franziskus Anfang März die Archive des Vatikan zum Pontifikat seines Vorgängers Pius XII. (1939-58) geöffnet.

Pius XII., mit bürgerlichem Namen Eugenio Pacelli, ist einer der umstrittensten Oberhirten der jüngeren Kirchengeschichte. Einerseits rettete er wohlmöglich mehreren Tausend italienischen Juden das Leben, weil er kirchliche Einrichtungen als Verstecke öffnen ließ. Andererseits protestierte er nie deutlich gegen den Holocaust.

Dieses Szenario thematisiert die 45-minütige Dokumentation »Die Geheimnisse der Akten - Der Vatikan öffnet seine Archive« von Lucio Mollica, die die ARD im Ersten am 18. Mai um 23.30 Uhr zeigt.

Was hat der Papst wann vom Holocaust erfahren? Wer hat ihn informiert und warum schwieg er? Von der Öffnung der Archive versprechen sich Wissenschaftler ein schärferes Bild der Person Pacellis. Von ihren Erkenntnissen könnte auch abhängen, ob das Seligsprechungsverfahren weitergeführt wird, das Franzikus vorerst gestoppt hat.

Das sieht auch der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, so. »Hat Pius getan, was er tun konnte? Oder hätte er anders handeln müssen?«, fragt er in der Doku. Erst dann könne die Frage der Seligsprechung beantwortet werden.

Das große Manko der Dokumentation: Wegen der Corona-Krise mussten die Wissenschaftler mit Zugang zu den Akten, darunter ein Team um den Münsteraner Kirchenhistoriker Hubert Wolf, ihre Arbeit schon nach wenigen Tagen wieder einstellen. Die Ausbeute an Neuigkeiten ist also begrenzt - und der Titel des Films weckt durchaus falsche Hoffnungen.

Der Film nimmt deshalb einen langen Anlauf und reflektiert auch anhand historischer Aufnahmen Pacellis Werdegang: als Papstbotschafter zunächst in München, wo er nach eigener Aussage von Anhängern der Räteregierung bedroht wird und damit persönliche negative Erfahrungen mit Kommunisten macht. Dann als Nuntius in Berlin, wo er unter anderem an der Aushandlung des Preußenkonkordats von 1929 beteiligt war. Als Kardinalstaatssekretär unter seinem Vorgänger Pius XI. war Pacelli führend an der Enzyklika »Mit brennender Sorge« zur Notsituation der katholischen Kirche in Deutschland beteiligt.

Kernstück der Dokumentation sind die Gespräche mit dem lebendig erzählenden Kirchenhistoriker Wolf. Als eine erste neue Erkenntnis präsentiert der Wissenschaftler und Priester, der seit Jahren in den Vatikan-Archiven forscht, ein Schriftstück von 1942 aus der Feder des damaligen Vatikan-Mitarbeiters Angelo Dell’Acqua. Darin bezweifelt der spätere Kardinal die Glaubwürdigkeit der Berichte einer jüdischen Organisation sowie des damaligen Lemberger Erzbischofs Andrej Szeptyzkyj über die Ermordung einer halben Million Juden innerhalb eines halben Jahrs in der Ukraine.

Dell’Acqua hatte laut Wolf geschrieben, Juden könne man ohnehin nicht trauen und ebenso wenig orientalischen Katholiken, weil sie zu Lügen und Übertreibungen neigten. Diese antisemitische Äußerung ist laut Wolf bewusst nicht in die 1965 publizierte elfbändige Aktensammlung des Heiligen Stuhls über das Pius-Pontifikat aufgenommen worden.

Aus Sicht des Münsteraner Kirchenhistorikers legt das Dokument aber mögliche Gründe offen, warum Pius XII. nicht laut gegen den Holocaust protestiert habe. Es belege einerseits, dass der Heilige Stuhl die Informationen über die Ermordung von Juden durch eigene Quellen hätte bestätigen können. Um den Papst aber davon abzuhalten, sich einem öffentlichen Protest der Alliierten anzuschließen, habe Dell’Acqua die beiden voneinander unabhängigen Zeugnisse als unglaubwürdig hingestellt.

Die Dokumentation »Die Geheimnisse der Akten - Der Vatikan öffnet seine Archive« läuft heute, von 23.30 bis 00.15 Uhr in der ARD.

Sehen!

»Doitscha – Alles geht vorüber«

Die Tragikomödie »Doitscha – Alles geht vorüber« in der ARD beruht auf einem Buch von Adriana Altaras

von Pascal Beck  04.11.2026

Fernsehen

»Doitscha« erzählt vom Leben deutscher Juden nach dem 7. Oktober

Im Mittelpunkt der pointierten Tragikomödie steht eine Familie, in der unterschiedliche Identitäten, Ängste und Lebensentwürfe aufeinanderprallen

 04.11.2026

TV-Tipp

Viele Jahre bis zum großen »Hallelujah«: Arte zeigt Porträt von Leonard Cohen zum zehnten Todestag

Es ist wohl das bekannteste Lied des kanadischen Sängers Leonard Cohen. Und so steht »Hallelujah« auch im Zentrum eines so unterhaltsamen wie inspirierenden Porträts über diesen modernen Minnesänger

von Jan Lehr  04.11.2026

Essay

Der neue Jude

Warum ich Mitleid mit den Deutschen habe, die bis heute nicht begreifen wollen, dass wir keine wehrlosen Opfer mehr sind, sondern starke, selbstbestimmte Menschen, die hart zurückschlagen, wenn man uns angreift

von Zeev Avrahami  04.11.2026

Programm

Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 4. November bis zum 12. November

 04.11.2026

Sachbuch

Der Kampf jüdischer Gemeinden für den Synagogen-Aufbau nach dem Krieg

Durch die Nationalsozialisten zerstört, wollten jüdische Gemeinden viele Synagogen in Deutschland nach dem Krieg wieder aufbauen. Doch sie hatten mit Widerständen zu kämpfen - und mit Parkplätzen und Einkaufszentren

von Thomas Klatt  04.11.2026

New York

Nach Paul Simon wird auch Art Garfunkel 85

Mit Songs wie »The Sound of Silence« wurden Simon & Garfunkel weltberühmt – aber auch die Streits der beiden Schulfreunde aus New York sind legendär. Jetzt steht der nächste große Geburtstag an

von Christina Horsten  04.11.2026

Frankfurt am Main

Rote und blaue Fäden

Mit der Installation »A Sky Full of Hope« will die Künstlerin Janet Echelman globale Vernetzung sichtbar machen – und eckt in der Stadt damit an

von Eugen El  03.11.2026

Frankfurt

Jüdische Akademie soll »Haus der Zukunft« sein

In der ersten Diskussionsrunde der neuen Jüdischen Akademie in Frankfurt stieß ein Wunsch angesichts von Antisemitismus und innerjüdischer Differenzen auf große Zustimmung: Die Akademie soll ein »Haus der Zukunft« sein

 03.11.2026