Vatikan

Letzte Hilferufe

In Rom liegen Tausende Bittschriften von Juden aus der NS-Zeit an den Papst. Der Historiker Hubert Wolf will sie digital zugänglich machen

von Ayala Goldmann  04.05.2020 09:40 Uhr

Pius XII. (bürgerlicher Name: Eugenio Pacelli) war von 1939 bis zu seinem Tod 1958 Papst. Foto: Getty Images

In Rom liegen Tausende Bittschriften von Juden aus der NS-Zeit an den Papst. Der Historiker Hubert Wolf will sie digital zugänglich machen

von Ayala Goldmann  04.05.2020 09:40 Uhr

»Heiliger Vater, ich bin Elisabeth Einstein, mein Mann heißt Leo, wir wohnen in Stuttgart und haben drei Kinder. Wir sind jüdischen Glaubens. Ich habe eine Passage auf einem amerikanischen Schiff, kann sie aber nicht bezahlen. Ich bitte um 209 Dollar.«

»Zeit« Diesen schriftlichen Hilferuf von 1940 fand der Kirchenhistoriker Hubert Wolf Anfang März kurz nach Öffnung der Vatikanischen Archive zum Pontifikat von Papst Pius XII. Sieben weitere Hilfsgesuche wurden vergangene Woche in der »Zeit« veröffentlicht – zusammen mit einem Artikel von Wolf und seinem Team über Dokumente, die zwischen 1965 und 1981 nicht in die offizielle Aktensammlung des Vatikan »actes et documentes« zur Zeit von Pius XII. aufgenommen worden waren.

Unter den Funden des Teams erregte vor allem die antisemitische Aktennotiz des Vatikan-Mitarbeiters und späteren Kardinals Angelo Dell’Acqua Aufsehen. Dell’Acqua erklärte darin überlieferte Berichte der Jewish Agency und ein Schreiben des Erzbischofs von Lemberg, Andrej Szeptyzkyj, an den Papst über Massenmorde an Juden für wenig glaubwürdig.

Die immer wieder – auch 1963 im Drama Der Stellvertreter von Rolf Hochhuth – aufgeworfene Frage, ob Pius XII. Kenntnisse von der Schoa hatte, beantwortet Hubert Wolf, Professor für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster, im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen eindeutig: »Natürlich hat er es gewusst.«

Durch die Chance, jetzt die Dokumente im Archiv selbst zu sehen, sei klar: »Der Papst hat den Bericht der Jewish Agency über den Massenmord an Hunderttausenden, überliefert im Taylor-Memorandum (einem Schreiben des US-Abgesandten beim Vatikan, Myron Charles Taylor von 1942), selbst gesehen.«

Doch für genauso wichtig wie das Geschehen auf der großen politischen Ebene – die USA hatten in den 40er-Jahren vergeblich versucht, den Heiligen Stuhl zu einer offenen Verurteilung des Völkermords an den Juden zu bewegen – hält Wolf die vielen Tausend Bitten einzelner Juden in verschiedenen Sprachen an den Papst.

Ego-Dokumente »Wir vermuten, dass in den Vatikanischen Archiven etwa 10.000 bis 25.000 Ego-Dokumente liegen – Bittschriften von jüdischen Menschen an den Heiligen Stuhl. Manche der Bittsteller waren getauft, andere waren es nicht. Sie beschreiben ihre Lebensumstände, bitten zum Beispiel um einen Pass, ein Visum, Geld, Informationen über deportierte Familienangehörige«, sagt Wolf.

»Wir haben nicht damit gerechnet, dass es so viel Material dazu gibt«, sagt Hubert Wolf über die Bittschriften.

Vom 2. bis zum 9. März 2020 konnten der Kirchenhistoriker und sechs weitere Wissenschaftler aus seinem Team in den Vatikanischen Archiven über die Zeit von Pius XII. Stichproben in den Akten nehmen, bis alle Archive – nur wenige Tage nach ihrer Öffnung – Anfang März wegen Corona wieder geschlossen wurden.

Insgesamt waren etwa 20 Wissenschaftler gekommen. Forscher aus Israel und Frankreich konnten wegen der Pandemie gar nicht anreisen. Doch trotz der kurzen Zeitspanne fanden die Forscher aus Münster – erfahrene Vatikanprofis – sogar mehr, als sie selbst erwartet hatten.

Leumundszeugnisse »Wir haben nicht damit gerechnet, dass es so viel Material dazu gibt«, sagt Wolf über die »Ego-Dokumente«. »Denn zu jeder dieser Bittschriften gibt es eine Akte. Manchmal gibt es Nachfragen aus Rom, etwa Bitten um Leumundszeugnisse. Manchmal wird geholfen, manchmal wird nicht geholfen.«

Der Kirchenhistoriker ist überzeugt: »Diese Dokumente muss man der Öffentlichkeit zugänglich machen. Wir haben einen einmaligen Quellenbestand vor uns, den es sonst in dieser Form nirgendwo gibt. Diese Bittschriften sind vielleicht die letzten Schriftstücke, die diese Menschen in ihrem Leben geschrieben haben.«

Das Schicksal von Elisabeth Einstein, die in Stuttgart lebte, geht Hubert Wolf – er ist Schwabe – besonders nahe. Aus den Akten ist zu erfahren, dass Elisabeth Einstein getauft war – der Rest ihrer Familie war es nicht. Der Stuttgarter Stadtpfarrer Vogt schreibt: »Wir müssen ihr unbedingt helfen, auch wenn ihr Mann und ihre Kinder nicht konvertiert sind.«

Die getaufte Jüdin Elisabeth Einstein erhielt 1941 einen Scheck aus Rom für ihre Flucht.

Auch der Bischof von Rottenburg, Joannes Baptista Sproll, ein erklärter Nazigegner, der 1938 seiner Diözese verwiesen worden war, setzt sich nachdrücklich für Frau Einstein ein.

Hubert Wolf berichtet: »Sproll entschuldigt sich beim Papst, weil er im Exil nicht das Briefpapier mit dem bischöflichen Siegel verwenden kann. Auf Latein schreibt er an Pius XII. zugunsten von Elisabeth Einstein und erklärt: ›Bitte schnell. Es eilt. Wenn es nicht schnell geht, ist die Flucht nicht mehr möglich.‹«

Wolf hat erfahren, dass Elisabeth Einstein im April 1941 einen Scheck erhielt. »Jedenfalls wurde er in Rom abgeschickt.« Aber das päpstliche Geld konnte nicht mehr helfen. »Wir wissen nicht, ob Elisabeth Einstein eine oder mehrere Schiffspassagen gebucht hat, ob sie nur um Geld für sich selbst oder auch für ihren Mann und ihre Kinder gebeten hat.«

Yad VASHEM In der Datenbank von Yad Vashem fand das Forscherteam aus Münster zwar die Familie Einstein aus Stuttgart, jedoch keine Information darüber, dass die Mutter getauft war. Erfahren hat Wolf aber, dass die Eltern und zwei der Kinder von den Nazis ermordet wurden und ein Sohn die Deportation nach Riga überlebte.

Der Historiker folgert: »Wir kommen durch die Bittschriften an mehr Informationen, als sie Yad Vashem bisher hat. Es gibt auch Akten jüdischer Kinder, die während des Zweiten Weltkriegs getauft wurden, um sie vor Verfolgung zu schützen.«

Die Tausende von Bittschriften will Wolf veröffentlichen – und zwar digital: »Ich würde dazu tendieren, die Bittschriften im Volltext in der Sprache zu edieren, in der sie geschrieben sind, sie teilweise auf Englisch zu übersetzen, und zwar online. Natürlich ersetzt eine solche Edition nicht die Zeitzeugen. Aber manche Dokumente sind sprachlich so dicht, dass sie für sich sprechen.«

Allein für die Erschließung der Ego-Dokumente, schätzt Wolf, seien Mittel von fünf bis sechs Millionen Euro notwendig

Finanzierung Ideal fände es Wolf, wenn es jetzt, da die Archive geschlossen sind, gelänge, ein Konzept zu entwickeln und eine langfristige Finanzierung zu finden, »damit man diese wirklich online zugänglich machen und etwa mit den Datenbanken von Yad Vashem und dem Holocaust Memorial vernetzen kann«.

Allein für die Erschließung der Ego-Dokumente, schätzt Wolf, seien Mittel von fünf bis sechs Millionen Euro notwendig. Die bisherigen »Probebohrungen« der Münsteraner Wissenschaftler in den Vatikanischen Archiven – dort liegen etwa 400.00o Schachteln aus der Zeit von Pius XII. – wurden von der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung finanziert.

Gerade heute, ist der Kirchenhistoriker überzeugt, sei die Veröffentlichung von zentraler Bedeutung für die politische Bildungsarbeit: »Gleichzeitig lernen wir dabei etwas darüber, wie der Vatikan mit diesen Bitten umging. Es geht nämlich auch um Strukturen, weshalb es keinen Sinn hat, nur Einzelfälle zu untersuchen.«

Die Frage sei: »Gab es spontane Reaktionen, oder wurde für die Bitten jüdischer Menschen um Hilfe eine eigene Kommission gebildet?«

Wichtig sei prinzipiell, betont Hubert Wolf, »dass wir die Quellen mit der Jüdischen Hochschule gemeinsam auswerten, damit man diese möglicherweise, wenn wir uns einmal nicht einig sein sollten, aus zwei verschiedenen Perspektiven anschaut. Das verlangt der Respekt vor dem Papst, aber vor allem der Respekt vor den Opfern.«

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