Psychologie

Good Vibrations

Glück kommt nicht von selbst – man muss sich schon darum kümmern. Foto: imago

Psychologie

Good Vibrations

Martin E. P. Seligman zeigt, wie man sein Leben zum Blühen bringt

von Alexander Kluy  06.08.2012 19:59 Uhr

Wahres und authentisches Glück? Wer seine eigene Website so nennt – »authentic happiness« –, der hat wahrhaftig Chuzpe. Doch Martin E. P. Seligman, Professor für Psychologie an der University of Pennsylvania in Philadelphia, hat noch mehr: Er hat ein Glückskonzept.

Erkundigt man sich beim Buchhändler nach »Glück«, so kann man derzeit 4.000 Bücher kaufen, von 100 Glücksmomente, die den Alltag schöner machen bis zur Klage über die Tyrannei des Glücks. Geht man einen anglophonen Suchschritt weiter und lässt global »happiness« ermitteln, dann meldet die führende Suchmaschine 319 Millionen Funde – von Festivals bis zu Einträgen, die zur ernüchternden Erkenntnis führen: »can’t buy happiness«.

Viele leichtgewichtige Sachbuchautoren und Seminarscharlatane haben diese Einsicht ins Gegenteil verkehrt und sind durch das Glück reich geworden. Wundert es da, dass auch die seriöse wissenschaftliche Psychologie seit zwei Jahrzehnten das Glück zu kartieren versucht? »Positive Psychologie« nennt sich diese Richtung. 1997, mit der Ernennung Seligmans zum Präsidenten der altehrwürdigen American Psychological Association, erfuhr diese junge therapeutische Richtung einen entscheidenden Schub.

Pädagoge Der 70-jährige Seligman lehrt seit vier Jahrzehnten an der renommierten University of Pennsylvania. Er hatte viele Posten bei Fachzeitschriften wie in Standesorganisationen der amerikanischen Psychologie inne und war 25 Jahre lang neben Lehren, Ausbilden, Forschen und Schreiben auch aktiv als Therapeut tätig. Und er ist leidenschaftlicher Pädagoge, dies merkt man jedem seiner Sätze an. Denn ein mit so viel Verve und Selbstironie geschriebenes psychologisches Buch ist nicht häufig zu finden. Vor allem nicht aus der Feder eines Ordinarius an einer Eliteuniversität.

Seligman, der spannend und plastisch erzählen kann, tritt mit einer großen Entspanntheit auf, ohne sich dabei allzu sehr anzubiedern. Auch wenn man nach den ersten Seiten das Buch gleich wieder zuklappen möchte. Denn dessen Inhalt, liest man da in überschäumender Metaphorik, »wird Ihnen helfen, zu blühen und zu gedeihen«. Zuvor heißt es apodiktisch: »Positive Psychologie macht Menschen glücklich« und »vermag, Ihr Leben zu verändern«.

Selbstkritik Glücklicherweise verlässt Seligman, vor zehn Jahren auf der von der »General Review of Psychology« erstellten Liste der bedeutendsten Psychologen der letzten 100 Jahre als 31. platziert (als 11. von insgesamt 39 Juden), nach dem Vorwort sofort den Duktus des Glücksstifters – mit einer überraschenden Volte, nämlich Selbstkritik. Denn er stellt die Aussagen seines Buches Der Glücksfaktor, das 2002 erschien, nicht nur auf den Kopf oder ergänzt sie. Sondern er revidiert seine damaligen Thesen grundlegend, ja er bezeichnet sie als unzureichend, löchrig, falsch, weil viel zu limitiert. Und dabei frönt er, was eine fast noch größere Leistung ist, nie einem eitlen Narzissmus.

Die Bausteine des Glücks waren für Seligman damals »positives Gefühl, Engagement und Sinn«, Dinge, »die wir um ihrer selbst willen wählen«. Entzücken, Flow-Gefühl, Behaglichkeit und Sinnstiftung, zumindest Lebenszufriedenheit, waren in der »Theorie des authentischen Glücks« anno 2002 die entscheidenden Punkte.

Nun zieht Seligman das Wort »Glück« ganz zurück. Das ist keine semantische Scharade oder ein verbaler Taschenspielertrick. Erfolg beziehungsweise Leistung um ihrer selbst willen nimmt er dafür als entscheidende Kriterien mit auf. Zusammen ergeben sie die »Theorie des Wohlbefindens«. Die ist bei Weitem nicht so starr und, wie Seligman amüsiert schreibt, strukturell so liberal wie das Wetter oder die Freiheit: »Kein einzelnes Maß definiert es erschöpfend.«

therapie In zehn Kapiteln stellt der Autor dann aber immer erhellendere, weil immer verblüffendere Fragen. Und er präsentiert immer überzeugendere Lösungen. Er behandelt den Zusammenhang von Bruttoinlandsprodukt und Glück, von Erfolg und Wohlbefinden, von schulischer Ausbildung und Aufblühen – Letzteres vor allem anhand von Erfahrungen mit Positiver Psychologie an einem australischen Internat, das damit Verbesserungen im Miteinander wie bei den individuellen Leistungen bewirkte. Diese Lehre eines wissenschaftlich fundierten Optimismus umreißt Seligman mit Enthusiasmus, und er führt weitere messbare – und nachgewiesene – positive Wirkungen seines Konzepts auf: bei schwer Depressiven oder bei traumatisierten Soldaten. Hilfreich für eine Selbsttherapie sind Seligmans online abrufbaren Selbsttests, zu finden unter der Rubrik »Der Schatz echten Glücks«. Denn schließlich, so der Titel eines anderen Buches von Martin Seligman: Pessimisten küsst man nicht.

Martin Seligman: »Flourish. Wie Menschen aufblühen. Die Positive Psychologie des gelingenden Lebens«. Kösel, München 2012, 480 S., 22,99 €

Musik

Abschied von Berlin

Sharon Brauner über ihr neues Lied » Kind dieser Stadt« und warum die Urberlinerin ihre Heimat verlassen will.

von Jan Feldmann  28.08.2026

Musik

Tagebuch in Tönen

In seiner Biografie »Idylle und Vertreibung« über Robert Kahn erinnert Reinhard Wulfhorst an einen außergewöhnlichen deutsch-jüdischen Komponisten

von Maria Ossowski  28.08.2026

TV-Kritik

»Phoenix« - herausragender Film über eine Schoa-Überlebende

Christian Petzolds grandiose Parabel auf Deutschland im »Jahre Null«

von Felicitas Kleiner  27.08.2026

Bremer Kunsthalle

Bremen

Auszeichnung für künstlerische Auseinandersetzung mit NS-Verbrechen

Die Künstlerin Annette Kelm wird mit dem 50. Pauli-Preis geehrt. Ihre Fotoserie »Die Bücher« zeigt Cover von Werken, die von den Nazis verboten und verbrannt wurden

 27.08.2026

MARKK Museum am Rothenbaum

Hamburg

Ausstellung zum Bild vom Judentum

Welches Bild hat das Hamburger Museum MARKK vom Judentum vermittelt? Welche Rolle spielte es in der NS-Zeit? Eine Ausstellung will diese Fragen beantworten

 27.08.2026

Interview

»Werdet ihr uns helfen, Israel zu ›reparieren‹?«

Die Regisseurin Yael Reuveny über das komplexe Verhältnis zwischen deutschen Juden und Israelis, ihr neues Filmprojekt und einen Aufruf an unsere Leser, nach Home-Videos von Israel-Reisen zu suchen

von Ayala Goldmann  27.08.2026

Kolumne

Fastenkurse im Bordbistro

Wieder mal Spaß gehabt mit der Deutschen Bahn: Über die Katastrophe eines Weltkonzerns

von Maria Ossowski  27.08.2026

Schweiz

Das sind die beliebtesten Vornamen für neugeborene Jungen und Mädchen

Eine neue Rangliste des Bundesamts für Statistik gibt Aufschluss

von Nicole Dreyfus  27.08.2026 Aktualisiert

Kinder

Noah, Ben oder Lea?

Warum sich biblische Namen im deutschsprachigen Raum großer Popularität erfreuen

von Nicole Dreyfus  26.08.2026