Kanzleramt

Globke und andere Altlasten

Konrad Adenauer und Hans Globke (r.) Foto: dpa

Die Ausschreibung ist raus, ein Auftrag soll bald ergehen, und dann wird auch das Bundeskanzleramt nach etlichen Vorgängern – am bekanntesten Auswärtiges Amt und Justizministerium – eine Studie darüber haben, wie viel NS-Belastung sich in diesem Ressort fand.

Von 2017 bis 2020 stellt Kulturstaatsministerin Monika Grütters eine Summe von insgesamt vier Millionen Euro zur Verfügung, speziell für die Forschung zum Kanzleramt eine Million. Die übrigen drei Millionen fließen in »über Einzelinstitutionen hinausgehende übergreifende, vergleichende oder querschnitthafte Studien«, wie es in der Ausschreibung heißt. Vergeben wird der Auftrag vom Bundesarchiv in Berlin.

Die Idee, die NS-Vergangenheit der Ministerien aufzuarbeiten, entspringt »letztlich dem Auftrag des Koalitionsvertrages«, teilte ein Sprecher der Kulturstaatsministerin der Jüdischen Allgemeinen mit. Die Rede ist von einem »innovativen Forschungsprogramm«, das einen ressortübergreifenden Zugang suche. Das Programm sei auch für »komparative Forschungsarbeiten« offen, etwa »zur Einbeziehung von DDR-Behörden«.

NS-Elite In der Sprache der Ausschreibung geht es bei dem nun geplanten Projekt um »die Frühgeschichte des Bundeskanzleramts in seiner personellen Kontinuität und Diskontinuität zur Zeit vor 1945 und zu seinen Vorgängerinstitutionen seit 1918«, es geht um die »Rekrutierung des Personals im Kanzleramt sowie die Interaktion und Netzwerkbildung« mit anderen Behörden und letzlich auch um »Forschungsfragen der Mentalitäts- und politischen Kulturgeschichte«, also die Frage, inwieweit NS-Eliten auch den Politikstil der jungen Bundesrepublik geprägt haben.

Von Bedeutung dürfte der frühere Staatssekretär im Kanzleramt, Hans Globke, sein. Der Verwaltungsjurist hatte im NS-Regime Karriere gemacht, indem er sich mit »Allgemeinen Rassefragen« oder dem »Blutschutzgesetz« beschäftigte. Das »J«, das Juden in ihre Ausweispapiere gedruckt bekamen, sowie die Zwangseinträge »Sara« und »Israel« sollen auf Globke zurückgehen. Berüchtigt ist Globkes juristischer Kommentar der Nürnberger Rassegesetze, der für die Durchführung der antisemitischen Hetze von zentraler Bedeutung wurde. Nach 1945 machte Globke unter Bundeskanzler Adenauer Karriere.

Die Forderung, eine unabhängige Historikerkommission einzusetzen, die die NS-Verstrickung des Kanzleramts untersucht, war schon im November 2014 von der Partei Die Linke erhoben worden. Jan Korte, Linken-Abgeordneter, hatte mit seinem Büro auch eine Expertenanhörung veranstaltet.

Bundesarchiv Vom Kanzleramt war auf entsprechende Forderungen immer geantwortet worden, eine solche Aufarbeitung sei nicht notwendig, Historiker könnten ja »im Rahmen der gesetzlichen Vorschriften die Aktenbestände beim Bundesarchiv zu Forschungszwecken einsehen«. Dabei waren gerade etliche Akten, die Globke betrafen, nicht für alle Forscher frei zugänglich. Nun ist zu hören, dass der Aktenzugang »selbstverständlich ohne Einschränkung nach dem Bundesarchivgesetz« möglich sein wird.

Im Jahr 2010 hatte eine Historikerkommission unter dem Titel Das Amt ihren Bericht zum Auswärtigen Amt vorgelegt. Seither haben in 20 Ministerien und Behörden Historiker geforscht, um die NS-Verstrickung aufzuarbeiten. Zuletzt erschien Die Rosenburg, eine Studie zum Bundesjustizministerium. Martin Krauß

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter, Imanuel Marcus  25.06.2026

Essay

Licht und Schatten

Unser Autor hat vor 38 Jahren die Videoskulptur »Menora/Inventur« geschaffen. Warum sein Kunstwerk demnächst in Prag zu sehen ist – nicht aber in einer Ausstellung in Karlsruhe

von Michael Bielický  25.06.2026

Kulturkolumne

Jenseits der Schlagzeilen – mit Davidstern in der U8

Wie mein Anhänger und ich in der berüchtigten Berliner U-Bahn-Linie auf dem Weg zur Arbeit ignoriert wurden

von Ayala Goldmann  25.06.2026

Welttournee

Ein Jahr nach seinem Tod: Lalo Schifrins letztes Werk geht auf Welttournee

In Erfüllung von Schifrins letztem Wunsch bringt der Komponist und Pianist Rod Schejtman eine Welttournee auf den Weg. Auch im deutschsprachigen Raum soll die Sinfonie »Long Live Freedom« live erklingen

 25.06.2026

Zwickau

Ausstellung zu jüdischen Lebensgeschichten

Im Jahr 2022 ist in Zwickau eine alte Torarolle wiederentdeckt worden. Die Schrift der früheren jüdischen Ortsgemeinde bildet nun das Herzstück einer Ausstellung

 24.06.2026

Programm

Erinnerung, Entwurzelung, Erläuterung: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 25. Juni bis zum 2. Juli

 24.06.2026

Abschied

Musiker betrauern Clive Davis

Von Barbra Streisand über Carole King bis hin zu Billy Joel und von Earth, Wind & Fire bis Santana: Alle verabschieden sich von dem legendären Produzenten in Trauer und Dankbarkeit

von Imanuel Marcus  24.06.2026

Länger leben

Forscher drehen die biologische Uhr zurück

Israelischen Wissenschaftlern gelingt es, Alterungsprozesse in Lebern alter Mäuse umzukehren. Der Traum von der Verjüngung erscheint damit zumindest auf molekularer Ebene denkbar

von Sabine Brandes  23.06.2026

Social Media

Von Saftpäckchen und Zahlencodes

Auf der Online-Plattform TikTok versteckt sich Judenhass häufig hinter Zahlencodes, Emojis und Hashtags. Eine neue Studie untersucht die Besonderheiten des digitalen Antisemitismus

von Leon Stork  23.06.2026