Streaming

Glamour und Krisen

Diane von Fürstenberg in ihrem Haus in Connecticut Foto: © 2024 Disney und seine verbundenen Unternehmen

Die Princess of Wales trug es 2014 in Australien, Michelle Obama in New York, Oprah Winfrey trägt es im Fernsehen, und jede Frau, die in der Lage ist, zwischen 300 und 800 Euro zu bezahlen, kann es auch tragen. Denn das Wrap Dress ist ein Traum. Es schmeichelt allen Körperformen, der Stoff ist weich. Und egal, wie tief die Augenringe sind oder wie gemein der Tag ist – jede Frau sieht in diesem Wickelkleid gut angezogen aus.

Designt wurde es von einer Frau, die morgens zum Schminken gerne auch mal ins Waschbecken ihres Badezimmers klettert, es sich dort bequem macht, sich mit der inneren Ruhe einer Yogaübung im Spiegel betrachtet, ihre Creme und ein wenig Lippenstift aufträgt und ihre Haare richtet. Sie sieht sich – und weiß, wer sie ist. In der Doku Woman in Charge, die jetzt beim Streaminganbieter Disney+ gezeigt wird, sehen wir sie. Und lernen sie kennen.

Ihre Mutter Liliane Halfin überlebte das Konzentrationslager Auschwitz.

Die 77-Jährige, die 1946 als Diane Simone Michèle Halfin im belgischen Ixelles geboren wurde. Das Kind der Auschwitz-Überlebenden Liliane Halfin, geborene Nahmias, und Leon Halfin. Das Kind, das für seine Mutter »die Fackel der Freiheit« war. Das es, wäre es nach dem Rat der Ärzte gegangen, gar nicht hätte geben können, weil seine Mutter körperlich zu schwach war. Diane Halfin, so der Wunsch ihrer Mutter, sollte ohne Angst aufwachsen. Sie sollte frei sein. Ihr »Geschenk Gottes«, wie Lilly Halfin ihre Tochter Diane einst in einer TV-Sendung beschrieb, sollte eine selbstbewusste und selbstverantwortliche Frau sein. Was sie auch wurde. Aber sie trug die Geschichte ihrer Mutter in sich, deren Ängste und Sorgen.

Freiheit gab es für sie erst auf dem Schweizer Internat und während des Studiums

Freiheit gab es für sie erst auf dem Schweizer Internat und während des Studiums in Genf, wo Diane Egon von Fürstenberg kennenlernte und ihn 1969 heiratete. Sie waren das Brangelina-Paar der 70er-Jahre und noch dazu der 70er-Jahre in New York. Ein Leben zwischen den Partys im Studio 54, Geschäftsreisen und Titelgeschichten. So weit der Hochglanz.

Aber Woman in Charge ist eine Dokumentation, die viel tiefer geht, als es vielleicht je eine andere Doku über die Modewelt getan hat. Sie zeigt mit Feingefühl, dass jedes Leben, möge es so glamourös, so berühmt, so legendär wie nur irgend möglich sein, auch seine schmerzenden Realitäten hat.

Dass es eben nicht nur aus Abenden mit Mick Jagger oder David Bowie besteht, sondern auch aus Nächten, in denen man etwa die Mutter, die bei einem Besuch in Deutschland im Hotel einen Zusammenbruch erleidet, unter dem Tisch der Rezeption herausziehen muss. Dass es unwichtig wird, von schönen Menschen in noch schöneren Klamotten umgeben zu sein, wenn der Freundeskreis langsam an Aids wegstirbt. Mit der Erfahrung, dass die Kreation, die einen berühmt machte, ebendieses Wickelkleid, den Markt übersättigt hat und es niemand mehr kauft.

Die zweite Karriere nach dem Wickelkleid begann beim Shopping-Kanal QVC.

Doch »DvF«, wie Diane von Fürstenberg genannt wird, um nicht zu viel Zeit mit einem komplizierten europäischen Familiennamen zu verschwenden, wäre nicht DvF, wenn sie nicht einfach wieder von vorn angefangen hätte – fernab von Glamour und Chichi, nämlich im Shopping-Kanal von QVC. In Shoppingcentern. Im Gespräch mit realen Menschen. Studio 54 am Morgen nach einer großen Party.

Es muss sich wie ein Aufwachen aus einem bösen Traum angefühlt haben, als Diane von Fürstenberg merkte, dass es kreativ und geschäftlich durchaus weiterging und dass sie, die einst von anderen Größen wie Halston oder Andy Warhol umgeben war, auch mit ganz durchschnittlichen Kundinnen glücklich sein konnte.

Die unkomplizierte Frau nimmt man ihr ab

Das Bild der unkomplizierten Frau nimmt man ihr trotz »von«, der großen Anwesen und der spontanen Auszeiten mit den Kindern in Bali irgendwie ab. Obwohl ihre Tochter Tatiana von Fürstenberg mit einer genetischen Muskelerkrankung diagnostiziert wurde und ihrer Mutter manch bitteren Brief schrieb. Trotz allem hält die Familie zusammen und ist bis heute teilweise aktiv im Unternehmen »Diane von Fürstenberg«.

Das Filmen der Dokumentation hat sich über zwei Jahre hingezogen. In einem Instagram-Post Mitte April dankte von Fürstenberg der Regisseurin Sharmeen Obaid-Chinoy dafür, dass sie infrage gestellt wurde, dass beide einander unterstützt und voneinander gelernt hätten.

Als sie die Doku schließlich sah, lachte sie zunächst. Dann wurde sie nervös -– und fühlte sich exponiert. Doch wer solche Kleider designt und sie berühmt macht, wer so ins Waschbecken hinein- und auch wieder herausklettern kann, muss sich keine Gedanken um öffentliche Wahrnehmung machen.

Am vergangenen Wochenende lud die Modezeitschrift »Vogue« auf die Place Vendôme zur Fashion Show vor den Olympischen Spielen in Paris ein. Auf der Einladung, schrieb Diane von Fürstenberg auf Instagram, stand »Dress French« – und was heißt das? Bei DvF ist die Antwort klar: ein gewickeltes Kleid in den Farben der französischen Flagge. Gehalten durch ihren Verdienstorden der Légion d’honneur. Tres chic, jedenfalls.

»Woman in Charge« von Sharmeen Obaid-Chinoy und Trish Dalton ist bei Disney+ zu sehen.

Berlinale-Film

Special Screening: David Cunio in Berlin erwartet

Das Kino Babylon zeigt vier Monate nach der Freilassung der israelischen Hamas-Geisel eine neue Fassung des Films »A Letter To David«

von Ayala Goldmann  12.02.2026

Meinung

Schuld und Sühne?

Martin Krauß irritiert der Umgang mancher Medien mit dem »Dschungelcamp«-König Gil Ofarim

von Martin Krauß  12.02.2026

Kulturkolumne

»Konti: Mission BRD«

Meine Bewältigung der Einwanderung nach Deutschland: Wie ich als Immigrant ein Brettspiel entwickelte

von Eugen El  12.02.2026

Hollywood

Rachel Weisz spielt in Neuauflage von »Die Mumie« mit

Beim dritten Teil hatte die Schauspielerin eine Mitwirkung abgelehnt, da sie das Drehbuch nicht überzeugt hatte. Auf den neuesten Film müssen Fans noch etwas warten

 12.02.2026

Erfurt

Jüdische Kulturtage mit mehr Sichtbarkeit in Israel

Dank eines gewachsenen Netzwerks erwarten die Organisatoren von Thüringens größtem jüdischen Festival zahlreiche Künstler aus Israel

 12.02.2026

Filmfestspiele

Was die Berlinale diesmal bietet

Wieder läuft keine israelische Produktion im Wettbewerb. Dafür finden sich viele jüdische und israelische Perspektiven im gesamten Programm

von Sophie Albers Ben Chamo  11.02.2026

Berlinale

»Wir wollen die Komplexität aushalten«

Wenn die Welt um einen herum verrücktspielt, helfen nur Offenheit und Dialog, sagt Festivalchefin Tricia Tuttle

von Sophie Albers Ben Chamo  11.02.2026

Meinung

Oliver Pochers geschmacklose Witze über Gil Ofarim

Der Comedian verkleidet sich auf Instagram als Ofarim und reißt Witzchen über die Schoa. Während echte Komiker Humor stets als ein Mittel nutzen, um sich mit den Schrecken und Abgründen dieses Verbrechens auseinanderzusetzen, tritt Pocher nur nach unten

von Ralf Balke  11.02.2026

Nachruf

Israels verkanntes Musikgenie

Unser Autor hörte Matti Caspi schon als Kind bei einem Konzert im Kibbuz. Eine persönliche Erinnerung an den Sänger und Komponisten, der mit 76 Jahren an Krebs gestorben ist

von Assaf Levitin  11.02.2026