München

Gesichter erzählen tausend Geschichten

Porträt Hans Rosenthal, Gerda Carré, München, 1915/1916 Foto: Franz Kimmel

»Bildgeschichten. Münchner Jüdinnen und Juden im Porträt« - so heißt die kürzlich eröffnete neue Sonderausstellung im Jüdischen Museum München. Sie läuft bis zum 2. März 2025. Die Idee dazu hatte Gründungsdirektor Bernhard Purin, als das Museum im Oktober 2021 von der Familie Bernheimer eine besondere Schenkung bekam, die eine Reihe von Ahnenporträts enthielt. Seit der Eröffnung im Jahr 2007 haben sich im Jüdischen Museum zahlreiche Porträts angesammelt. Sie bauen auf der Arbeit von Richard Grimm auf, der davor ein kleines Privatmuseum zur Jüdischen Geschichte Münchens führte.

Von unterschiedlicher Machart, aus verschiedenen Epochen und von unterschiedlicher Qualität haben die Porträts alle etwas gemein: Sie zeigen Persönlichkeiten des jüdischen Lebens. Die Kunstwerke aus dem 19. und 20. Jahrhundert erzählen vom Selbstverständnis jüdischer Familien in München und ihrem Beitrag zur Stadtgesellschaft - bis zur Verfolgung im Nationalsozialismus.

Neben bekannten Persönlichkeiten der Münchner Stadtgeschichte sind in der Ausstellung auch unbekannte Personen zu sehen, deren Porträts erstmals öffentlich gezeigt werden. So entsteht ein Kaleidoskop aus Bildern und Geschichten: das Nebeneinander verschiedener Lebensentwürfe und die Gleichzeitigkeit von Erfahrungen.

Porträt als Ausdruck von Sichtbarkeit

Erst 1871 hatten die bayerischen Jüdinnen und Juden die rechtliche Gleichstellung erlangt und trotz Antisemitismus rasch ihren Platz in der Münchner Stadtgesellschaft für sich beansprucht. Und viele wollten das mit einem Porträt aus der Hand eines (namhaften) Künstlers demonstrieren. Das Porträt wurde zum Ausdruck von Zugehörigkeit und Sichtbarkeit.

Für Heutige gleichen sich diese Porträts. Man ließ sich als Mitglied einer bestimmten Klasse porträtieren und benutzte dabei gängige Codes. Die Herren tragen fast ausnahmslos dunkle Anzüge, die »Uniform« des Bürgers. Hübsch ausstaffiert zeigen sich die Damen: mit Hauben, Puffärmeln und viel Spitze.

Porträts werden in der Regel nicht für Museen geschaffen, sondern haben immer eine soziale Funktion. Egal ob als gemaltes Bild, Familienfoto oder als Selfie heute: solche Bilder sind Mittel der Selbstinszenierung. Sie schaffen Zugehörigkeit und speichern Erinnerungen. Wer sich wann, von wem und wie porträtieren ließ, verrät viel über das Selbstverständnis des Dargestellten. Aber auch über den gesellschaftlichen Kontext. Wer es sich leisten konnte, sich etwa am Ende des 19. Jahrhunderts vom Malerfürsten Franz von Lenbach malen zu lassen, hatte es gesellschaftlich geschafft.

Legendärer Bierbrauer

Von letzterem stammen auch die berühmten Porträts von Mitgliedern der Familie Bernheimer, deren prächtiges Geschäftshaus mit seiner Kunst- und Antiquitätenhandlung am Lenbachplatz lange Zeit zu den besten Münchner Adressen gehörte. Zu den Kunden gehörte neben der High Society und großen Museen auch die NSDAP. 1938 wurde die Firma enteignet, und die Bernheimers mussten aus Deutschland fliehen. Bis heute zeigen die Gemälde Spuren dieser Flucht.

Die Porträts des legendären Bierbrauers Joseph Schülein und seiner Frau Ida erzählen die Geschichte einer jüdischen Familie in München, die von einer bayerischen Landgemeinde in die Stadt zog und sich damit neue Lebenswege eröffnete. Schülein hatte maßgeblich daran mitgewirkt, München zur weltberühmten Bierstadt zu machen. Sein Porträt von 1929 zeigt ihn in lässiger Pose mit Schlapphut.

Zeugnisse des Widerstands

Ganz anders ließ sich der Münchner Rabbiner Hirsch Aub 1850 malen: Mit Gebetsmantel und aufgeschlagenem Gebetbuch rückte er seine Religiosität ins Bild. Oder Therese Giehse, die Münchner Schauspiel-Ikone. Sie emigrierte 1933 mit Erika Mann in die Schweiz und kehrte erst 1949 zurück an die Münchner Kammerspiele. Ihr sachliches Porträt von 1969 passt dazu, dass sie zeitlebens lieber über ihre Rollen als über sich selbst sprach.

Nach 1933 änderte sich die Situation für Künstler und Auftraggeber schlagartig. Sie wurden systematisch entrechtet, verfolgt und ihre jüdischen Identitäten unsichtbar gemacht. Die wenigen (Selbst-)Porträts aus dieser Zeit zeugen von ihrem Widerstand.

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