Lektüre

»Geistreich und leidenschaftlich«

Rachel Salamander Foto: imago

Lektüre

»Geistreich und leidenschaftlich«

Rachel Salamander über Jüdisches im Bücherherbst, Schoa-Kitsch und den Literaturnobelpreis

von Philipp Peyman Engel  12.10.2015 18:22 Uhr

Frau Salamander, am Dienstag hat in Frankfurt die Buchmesse begonnen. Welcher Roman ist Ihr Favorit im neuen Bücherherbst?
Ganz klar Schmerz von Zeruya Shalev. Die Protagonistin Iris ist – wie die Autorin selbst – vor zehn Jahren in Israel bei einem Terroranschlag schwer verletzt worden. Auf der Suche nach einem Schmerztherapeuten trifft sie auf Eitan, ihre große Jugendliebe, der ihr Jahre vor dem Attentat den ersten großen Schmerz zugefügt hatte. Sie war 17, als er sie verließ. Über diese Trennung war Iris nie hinweggekommen. Und ausgerechnet jetzt soll er sie heilen.

Kann es der Roman mit ihrem Weltbestseller »Liebesleben« aus dem Jahr 2000 aufnehmen?
Ja. Wie in Liebesleben und ihren anderen Büchern ist Shalev auch hier wieder eine Spezialistin in Sachen Liebesbeziehungen und Familiendynamik. Und ohne zu verraten, wie der Roman ausgeht, sei nur gesagt, dass die Geschichte bis zur letzten Zeile eine ungeheure Spannung erzeugt. Dem Sog dieses geistreichen und leidenschaftlichen Romans kann man sich nur schwer entziehen.

Welches Sachbuch können Sie empfehlen?

Mir hat Gott keinen Panzer ums Herz gegeben. Es handelt sich um die Briefe und aus der Haft geschmuggelten Kassiber Hans von Dohnanyis an seine Frau und die Kinder. Von Dohnanyi war eine der führenden Persönlichkeiten des deutschen Widerstands gegen das NS-Regime und wurde noch am 9. April 1945 hingerichtet. Er nimmt innerhalb des Widerstandes eine Ausnahmestellung ein, denn er verhalf, was nicht gerade häufig vorkam, Juden zur lebensrettenden Ausreise ins Ausland. Die Briefe sind ein Stück Geschichte – und große Literatur.

Welche Neuerscheinung ist für Sie die größte Enttäuschung der Saison?
Péter Gárdos’ Fieber am Morgen – eine authentische Überlebensgeschichte, aber ein schlechter Roman. Maxim Biller hatte schon recht im Literarischen Quartett: Schoa-Kitsch.

Unter den rund 90.000 Büchern, die Jahr für Jahr in Frankfurt vorgestellt werden, wird das Segment für Kinder immer größer. Gibt es ein Kinderbuch, das Ihnen besonders gefallen hat?
Für Tommy zum dritten Geburtstag in Theresienstadt. Bedrich Fritta, ein tschechisch-jüdischer Grafiker, malte 1944 seinem kleinen, mit ihm inhaftierten Sohn Tommy ein Buch voller Zuversicht. Die Zeichnungen sind farbig – woher kamen die Farben? –und wunderschön kindgerecht komponiert. Ich liebe dieses Buch, das mich seit Beginn der Literaturhandlung begleitet. Jetzt ist es endlich nach 30 Jahren wieder mit einer sehr guten Einordnung erschienen. Bedrich Fritta ist umgekommen. Sein Sohn Thomas verstarb kürzlich.

Welche Neuerscheinung war in Ihren Buchhandlungen im abgelaufenen jüdischen Jahr der größte Renner?
Mach dich nicht so klein, du bist nicht so groß! Der jüdische Humor als Weisheit, Witz und Waffe. Mit diesem Buch zeigt Josef Joffe, einer der Herausgeber der ZEIT, dass der jüdische Humor lebt. Joffes Sammlung unterhält bestens.

Gesprächsthema Nummer eins auf der Buchmesse ist die neue Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch aus Weißrussland. Wie bewerten Sie ihr Werk?
Es gab schon schwächere Literaturnobelpreisträger. Wenn man den Literaturbegriff auch auf gut geschriebene Reportagen und politische Geschichte ausweiten will – was man ja schon mit dem Literaturnobelpreis an Winston Churchill tat –, dann hat Alexijewitsch ihn absolut verdient.

Das Nobelpreiskomitee gilt als traditionell links und »israelkritisch«. Haben Schriftsteller wie Philip Roth und selbst Amos Oz da überhaupt eine Chance?
Nun, wenn es je eine gegeben hätte, müssten beide – bei der Qualität ihrer Bücher – längst ausgezeichnet worden sein.

Mit der Literaturkritikerin und Gründerin der Literaturhandlung Berlin/München sprach Philipp Peyman Engel.

Fernsehen

Adolf und seine »Akte«

Die fünfte Staffel von »Babylon Berlin« spielt 1933 zur Zeit von Hitlers Machtergreifung. Unterhaltung mit politischem Anspruch, aber stimmen die Fakten?

von Ayala Goldmann  29.09.2026

Hard-Rock-Legenden

Kiss feiern 50 Jahre »Rock and Roll Over«

Eine umfangreiche Neuauflage des Albums kommt. Was ist enthalten?

 29.09.2026

Fußball

Im Kreuzfeuer: Irischer Nationalspieler mit israelischer Mutter

Finn Azaz wurde für Irlands Nationalkader für die Länderspiele gegen Israel nominiert. Weil er eine israelische Mutter hat, soll seine Zukunft im irischen Team aber infrage stehen

von Michael Thaidigsmann  29.09.2026

Geburtstag

Streitbare Mahnerin: Lea Rosh wird 90 Jahre alt

Ihr Name ist eng verbunden mit dem Holocaust-Mahnmal in Berlin. Schon früh beschäftigte sich die Journalistin Lea Rosh mit der Judenverfolgung im Nationalsozialismus. Am Donnerstag wird sie 90 Jahre alt

von Birgit Wilke  29.09.2026

Die frühere rbb-Intendantin Patricia Schlesinger

Berlin

Strafprozess gegen Ex-RBB-Intendantin Schlesinger

Im Sommer 2022 erschüttert der RBB-Skandal den öffentlich-rechtlichen ARD-Sender. Der Fall beschäftigt auch die Justiz. Nun soll es wegen Untreue-Vorwürfen zum Prozess kommen.

 29.09.2026

Berlin

CDU-Kulturexperte schlägt Wolf Biermann für Nobelpreis vor

»Biermanns Werk, seine poetische Stimme stehen für die Unantastbarkeit individueller Freiheit als Würde des einzelnen Menschen bis heute«, schreibt Uwe Lehmann-Brauns zur Begründung

 29.09.2026

Archäologie

Hoffnung auf Latrinen - Grabung legt mittelalterliche Keller frei

Die Funde auf dem Areal der zweiten Jüdischen Gemeinde informieren über das Leben im mittelalterliche Erfurt. Zugleich geben sie Einblicke in die Stadtplanung des 13. Jahrhunderts

von Matthias Thüsing  28.09.2026

Sachsen-Anhalt

Der 7. Oktober und die Folgen: Podiumsdiskussion in Halle

Vor drei Jahren überfielen islamistische Terroristen Israel und rissen damit Gaza in einen bis heute andauernden Krieg. Zeitgleich nahmen weltweit antisemitische Ausschreitungen zu. Diskutanten erörtern die Ursachen

 28.09.2026

Berlin

Verschollene Golem-Filmmusik feiert Berliner Erstaufführung

Der Komponist Hans Landsberger, ein späteres Holocaust-Opfer, hatte die sinfonische Begleitmusik für den Film geschrieben. Seine Komposition gilt als Meilenstein in der Entwicklung der Filmmusik

 28.09.2026