Dokumentation

Geheimnis der Bundeslade

Unzählige Male war der weltbekannte Tel Aviver Archäologe Israel Finkelstein in den letzten 50 Jahren achtlos an Kirjat-Jearim vorbeigefahren, obwohl dort laut biblischer Überlieferung die Bundeslade aufbewahrt wurde. Doch erst 2015 beschloss er, sich diesen archäologisch unerforschten Flecken nördlich der Autobahn Tel Aviv–Jerusalem vorzunehmen.

Relikt Zu den Grabungen in Kirjat-Jearim, das in der Bibel 18-mal erwähnt wird, hatte ihn die Beobachtung motiviert, dass die Spitze des Hügels so aussah, als wäre sie durch menschliches Zutun verändert worden. Sie ist oben nicht rund, sondern flach, ist leicht erhöht und hat die Form eines Rechtecks. Sollte das etwa ein Relikt aus jener Zeit sein, als hier die Bundeslade aufgestellt war, bevor sie nach Jerusalem überführt wurde?

Darauf hatte die Archäologie keine Antwort. Denn Kirjat-Jearim ist der einzige in der Bibel erwähnte Ort in der Gegend, an dem zuvor keine Ausgrabungen stattgefunden hatten. Kirjat-Jearim liegt neben dem Dorf Abu Gosh, 13 Kilometer west-nordwestlich von der Jerusalemer Altstadt.

Bei den ersten Abklärungen stellte Finkelstein fest, dass die flache Spitze des Hügels durch Stützmauern künstlich geschaffen wurde. Sie waren offensichtlich mit dem Ziel konstruiert worden, eine große Plattform für einen Tempel zu bilden. Er beschloss, der Sache im wörtlichen Sinn auf den Grund zu gehen. Mit Ausgrabungen wollte er den Wahrheitsgehalt der antiken Texte überprüfen. Der Einsatz hat sich gelohnt. Finkelsteins Ausgrabungen werfen ein neues Licht auf die wundersame Geschichte der Bundeslade, die in der Bibel 200-mal erwähnt wird.

JEROBEAM Zusammen mit seinem Forscherkollegen Thomas Römer, einem Bibelexperten am Collège de France, glaubt er, dass auf dem Hügel von Kirjat-Jearim ein großer Tempel stand, der von Jerobeam II., dem mächtigen Herrscher des Nordreichs, gebaut worden war. Dass eine Lade je in Kirjat-Jearim war, lasse sich zwar nicht beweisen. »Sicher ist aber, dass die Tradition nicht erfunden wurde«, sagt Finkelstein im Gespräch.

Mithilfe modernster Methoden konnte er die Epoche bestimmen, in der die Plattform an der Spitze konstruiert worden war. Er griff dabei auf die Datierungsmethode Optisch Stimulierte Lumineszenz (OSL) zurück. Damit konnte sein Team den Bau der Stützmauer der Plattform mit großer Sicherheit auf die Epoche festlegen, in der Jerobeam II. herrschte, also auf den Beginn des 8. Jahrhunderts v.d.Z.

Jerobeam II. hatte sein Imperium ausgebaut und ihm zu einer Hochkonjunktur verholfen. Doch das reichte ihm nicht. Nahe an der Grenze zwischen Judäa und seinem Herrschaftsgebiet Israel, das unter anderem das heutige Westjordanland umfasste, setzte er in Kirjat-Jearim mit dem Prachtbau ein Zeichen. Damit wollte er manifestieren, dass er de facto auch über Judäa herrsche. Denn wer die Hügel von Kirjat-Jearim beherrschte, kontrollierte auch den Weg nach Jerusalem und Judäa, das zu jener Zeit ein Vasallenstaat Jerobeams war.

Die Bundeslade ging wahrscheinlich bei der Zerstörung des Ersten Tempels verloren.

Die Bundeslade, so Finkelstein, könnte von Jerobeam II. als das heiligste Objekt seines vereinigten Israels gefördert und im neuen Tempel auf der monumentalen Plattform in Kirjat-Jearim aufgestellt worden sein, dem Ort an der Grenze zwischen den israelitischen Stämmen und Judäa. Die Bundeslade ist verschollen. Bis heute gibt die zentrale Reliquie der alten Hebräer Rätsel auf. Wahrscheinlich ging sie bei der Zerstörung des Ersten Tempels vor 2700 Jahren verloren. Sie enthielt die beiden Steintafeln, auf denen die Zehn Gebote eingemeißelt waren, die das Volk Israel laut der Tora von Gott auf dem Berg Sinai erhalten hatte. Bei ihrer Wanderung ins Gelobte Land trugen die Hebräer die Lade mit dem Kodex vor sich her. Sie beherbergte nicht nur das Grundgesetz, wie man heute sagen würde. Den reichlich verzierten Schrank und dessen Inhalt ehrten die Hebräer auch als Symbol und Beleg zugleich für ihren Bund mit Gott.

Während Archäologen oft glücklich sind, wenn sie eine Tonscherbe, eine antike Münze oder Teile einer Statue finden, interessiert sich Finkelstein in erster Linie für das Narrativ, das sich hinter den Funden verbirgt. Die Archäologie ist für ihn der Schlüssel zu historischen Erkenntnissen. »Wir haben nicht nach der Bundeslade gesucht«, sagt Finkelstein deshalb, »sondern nach der Geschichte ihrer Tradition.«

Der 71-jährige Archäologe sieht sich gleichzeitig als Historiker und Gelehrter der biblischen Geschichte, der aufgrund seiner Recherchen Erzählungen der Bibel hinterfragt. Die Kombination von Bibelgeschichten, alten Schriften und archäologischen Funden führe immer wieder zu spannenden Resultaten, sagt er. Resultate, die oft auch umstritten sind. So stehen seine Erkenntnisse, die er bei Ausgrabungen in Megiddo bisher gewonnen hat, im Widerspruch zu einigen biblischen Traditionen.

LEKTÜRE Während Finkelstein die Arbeiten in Megiddo im nächsten Jahr wiederaufnehmen will, betrachtet er das Projekt Kirjat-Jearim als abgeschlossen. Die zusätzliche Erkenntnis, die zu erwarten wäre, sei gering. Vor allem aber müsste er innerhalb der Räumlichkeiten des Klosters graben. Es wurde vor rund 100 Jahren auf dem Gipfel des Hügels auf Ruinen einer byzantinischen Kirche aus dem 5. Jahrhundert gebaut.

Das rege Interesse an dem Dokumentarfilm Von Engeln bewacht: Die Bundeslade, der seit Anfang Januar auf Arte zu sehen ist und bisher von mehr als einer Million Menschen angeschaut wurde, zeige die Relevanz der Arbeiten, sagt Finkelstein, der zusammen mit seinem Kollegen Römer im Film 90 Minuten lang durch die Ausgrabungen von Kirjat-Jearim führt.
»Es dämmerte mir«, sagt Finkelstein im Film, »dass es wirklich ein vereinigtes Königreich von Dan bis Beer Sheva gab. Aber es wurde von Israel (Samaria, Anm. d. Red.) aus regiert – und nicht von Judäa aus.«

Das widerspricht zwar dem biblischen Narrativ. Was aber Finkelsteins Respekt vor der Tora nicht vermindere. Er habe »große Empathie« für die biblische Geschichte als Wurzel seiner Identität: »Die Bibel fasziniert mich und weckt meine Bewunderung für die Brillanz der Autoren. Sie waren bessere Schreiber als wir, bessere Ideologen«, meint Finkelstein. »Eine kritische Lektüre zeigt mehr Respekt für die biblischen Autoren, weil sie ihre Großartigkeit anerkennt.«

»Von Engeln bewacht: Die Bundeslade«. Bis 9. März in der Arte-Mediathek

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