Redezeit

»Fremd, außergewöhnlich und wild«

Eva Lezzi Foto: Uwe Steinert

Frau Lezzi, inwiefern spielen jüdische Frauen für die deutsche Literatur des 19. Jahrhunderts eine Rolle?
Im 19. Jahrhundert treten jüdische Frauen oder Frauen jüdischer Herkunft im deutschen Sprachraum erstmalig als Autorinnen auf. Zu erinnern ist etwa an die berühmte Briefeschreiberin Rahel Varnhagen. Aber auch als Romanschriftstellerinnen gewannen Frauen wie Dorothea Schlegel, die Tochter von Moses Mendelssohn, Fanny Lewald, Rahel Meyer oder Sara Guggenheim eine immer größere Bedeutung. Dabei vertraten sie mit ihrer Literatur alle Richtungen des Judentums, vom Reformjudentum bis zur Neo-Orthodoxie.

Wie wurden jüdische Frauen in der Literatur dargestellt?
Je nach Intention der Autoren und Autorinnen sehr unterschiedlich. Doch gibt es auch wiederkehrende Beschreibungen. Ein beliebtes Motiv ist beispielsweise die Jüdin als Orientalin oder Exotin mit dunkel-feurigen Augen. Für viele nichtjüdische Schriftsteller repräsentieren Jüdinnen gewissermaßen das Fremde, Außergewöhnliche und Wilde. Für die zeitgenössischen Leser war dieses Motiv natürlich hoch spannend – auch wenn diese Klischees eigentlich nichts mit der Wirklichkeit zu tun hatten.

Kam es in dieser Zeit oft zu Eheschließungen zwischen Christen und Juden?
Das 19. Jahrhundert ist das Jahrhundert der interkonfessionellen Liebesbeziehungen. Zu den bekanntesten gehört die Ehe von Karl August Varnhagen und der Schriftstellerin Rahel Varnhagen, die für ihren Mann zum Christentum konvertierte. Ehen zwischen Juden und Christen ohne vorherige Konversion konnten erst ab 1875 regulär geschlossen werden, als in Preußen die sogenannte Zivilehe eingeführt wurde.

In Ihrem neuen Buch »Liebe ist meine Religion!« befassen Sie sich ausführlich mit interkonfessionellen Beziehungen. Was ist Ihr Eindruck: Konnte das gut gehen, die Ehe zwischen Juden und Christen?
Zumindest in der Literatur des 19. Jahrhunderts ging es meistens nicht gut. Diese Ehen wurden oft als eine nicht lebbare Beziehung beschrieben. Sie scheiterten in unterschiedlicher Weise, durch Tod oder Trennung des Paares. Meistens kam es aber gar nicht erst zu einer Eheschließung.

Weshalb?
Neben der erwähnten erst spät eingeführten Zivilehe spielte die Gesellschaft eine zentrale Rolle. Die interkonfessionelle Ehe ging über die beiden Individuen hinaus: Sie stand immer auch exemplarisch für beide Religionen und für das schwierige Miteinander von jüdischer Minorität und christlicher Majorität. Die jüdische und christliche Gemeinschaft etwa reagierte alles andere als positiv auf diese Ehen. Der Druck auf das interreligiöse Paar war sowohl in der von mir untersuchten Literatur als auch in der Realität, mit der sich diese Texte auseinandersetzen, sehr stark.

Wie machte sich das bemerkbar?
In der jüdischen Literatur tauchte die Ehe zwischen Juden und Christen beispielsweise als politische Utopie auf oder als Warnung vor einem Abfall vom Judentum. Es gab auch große rabbinische Debatten über dieses Thema, da eigentlich immer die Juden für ihren Partner konvertierten. Im christlichen Milieu hingegen wurde im 19. Jahrhundert der Antisemitismus zunehmend stärker, weswegen interkonfessionelle Ehen immer negativer konnotiert waren.

Sie haben für Ihr Buch über 80 Prosatexte und außerliterarische Diskurse analysiert. Waren Sie überrascht, welch große Rolle dieses Thema in der damaligen Zeit spielte?
Liebesbeziehungen zwischen Juden und Christen sind viel breiter vertreten, als man denkt. Sie wurden im 19. Jahrhundert in sehr vielen Dimensionen untersucht. Jüdische wie nichtjüdische Autoren haben sich des Themas angenommen. Die Vielfalt und die Leidenschaft der Beiträge sind beeindruckend: Man denke nur an die Werke von Fanny Lewald, Leopold Kompert, Wilhelm Raabe oder Theodor Fontane. Und an neue Genres wie die sogenannte Ghetto-Literatur oder die neo-orthodoxe Belletristik, in denen interreligiöse Liebesbeziehungen eine große Rolle spielten Die Literatur im 19. Jahrhundert war vor der großen Katastrophe im 20. Jahrhundert ganz klar der Ort, an dem die Liebe zwischen Juden und Christen verhandelt, abgewogen und beschwört wurde.

Eva Lezzi: »Liebe ist meine Religion!«. Eros und Ehe zwischen Juden und Christen in der Literatur des 19. Jahrhunderts. Wallstein Verlag, Göttingen 2013, 29,90 €

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