Roman

Familienaufstellung

Im August 2005 hielt Marcel Reich-Ranicki in der Lübecker Marienkirche seine Rede zum 50. Todestag von Thomas Mann. Dabei ging er bei der Würdigung des Autors der Buddenbrooks ausführlicher auf das literarische Genre des Familienromans ein. Mit jenem Monumentalwerk habe Mann die »alte Familiensaga« aus dem 19. ins 20. Jahrhundert »hinübergerettet und kräftig modernisiert«. Und so lebe sie auch noch im 21. Jahrhundert.

Reich-Ranicki mag dabei Autoren wie Jonathan Franzen (Die Korrekturen) oder Richard Powers (Der Klang der Zeit) im Blick gehabt haben. In der damals aktuellen deutschen Literaturproduktion nämlich war das Genre nahezu ausschließlich durch Walter Kempowskis Romanzyklus Deutsche Chronik vertreten. Aber schon kurz nach jener Lübecker Rede kamen gleich zwei Familienromane auf den hiesigen Buchmarkt, deren Verfasser weiblich waren und – was man eher in den USA als in Deutschland vermutet hätte – jüdisch.

In Gila Lustigers So sind wir stehen nur zwei Personen im Fokus – ihr Vater, dem als polnischer Jude die Flucht aus einem Todesmarsch gelang, und sie selbst. Und in Julia Francks internationalem Erfolg Die Mittagsfrau wird die jüdische Herkunft der Protagonistin zwar thematisiert, aber die Haupthandlung des Romans spielt nicht in einem jüdischen Milieu.

Freiheit Nun hat Marcia Zuckermann den Familienroman Mischpoke veröffentlicht, und der Titel des Werks ist Programm. Es ist nämlich bei aller dichterischen Freiheit, die eine 445 Seiten umfassende Handlung nun einmal verlangt, tatsächlich die Geschichte ihrer Mischpoke, die hier abgehandelt wird, und das über vier Generationen.

Zunächst aber beschreibt die Ich-Erzählerin, wie man sie in eine Nervenklinik einliefert. Die Diagnose lautet »akute Synkope mit partieller Amnesie«. Der Leser erfährt, dass die Patientin eine Anklage zu fürchten hat. Irgendeine ausländische Person soll mit ihrem Reisepass versucht haben, in die EU einzureisen, und nun wird der Ich-Erzählerin unterstellt, das Dokument in Istanbul der ihr zum Verwechseln ähnlichen Dame ausgehändigt zu haben.

Das alles aber mag so gar nicht zu der Geschichte passen, die im zweiten Kapitel erzählt wird. Da nämlich befindet sich der Leser plötzlich in der »Mittagszeit des 10. März 1902« – exakt an jenem Zeitpunkt, da der kaum geborene Stammhalter der in Westpreußen lebenden Familie Kohanim auch schon wieder stirbt. Sieben Töchter hat der angesehene Sägewerksbesitzer und Möbelfabrikant Samuel Kohanim mit seiner Frau Mindel gezeugt, ehe der erhoffte Stammhalter zur Welt kommt. Und nun das. Es hat fast etwas von der Dramatik manch biblischer Geschichte. Die mystische Zahl Sieben trägt ebenso zu diesem Eindruck bei wie die Tragik eines Doppelmords an Samuel Kohanim und seiner Frau.

Sozialstudien Die Haupthandlung aber wird über die sieben Töchter, deren verschiedene, auch gelegentlich wechselnde Ehepartner sowie die gemeinsamen Nachkommen erzählt. Dabei gelingen der Autorin Marcia Zuckermann neben der Familiengeschichte überaus leicht daherkommende Sozialstudien.
So werden etwa die sich voneinander distanzierenden jüdischen Milieus vorgestellt, wie sie damals (nicht nur) jenseits der Oder in Europa bestanden.

»Es lag auf der Hand, dass die alteingesessenen Juden, die Krawatten-Juden, die Deutsch sprachen, sich rasierten und nach Eau de Cologne dufteten, mit den finsteren, schmuddeligen, nach Knoblauch, Schmutz und Armut stinkenden jiddelnden Kaftan-Juden vom Weichselufer nicht das Geringste zu tun haben wollten«, heißt es bei Zuckermann an einer Stelle.

Die Leser folgen schließlich den Kohanim-Töchtern beim sozialen Aufstieg in ein feudales Berliner Modeatelier beziehungsweise dem Abstieg ins proletarische Milieu. Eine heiratet einen gojischen, nationalistischen Rittmeister, eine andere einen jüdischen Juristen, der sich der Karriere wegen taufen lässt und fortan Hartmann statt Hirschfeld heißt.

Nach der Machtübernahme der Nazis hilft ihm das freilich nichts. Die Leser erfahren nun von den Verhältnissen im KZ Buchenwald, wo der Sohn einer der Kohanim-Töchter (und der Vater der Autorin) inhaftiert war, oder vom Leben als Partisanin in Italien. Es folgen Geschichten von Widerstand, Verstecken, Flucht und schließlich der schwierigen Nachkriegszeit im geteilten Berlin. Das alles wird sehr dicht und eloquent erzählt. Marcia Zuckermann schafft es, dies spannend zu gestalten, nicht selten mit verschmitztem Humor und zuweilen selbstironisch.

widerspenstig Und dann wäre da noch diese Nebenhandlung in der Gegenwart, in welcher der Ich-Erzählerin eine Anklage droht und in der sie von einer cleveren Anwältin freigeboxt wird. Irgendwann erkennt der Leser in ihr die Enkelin der widerspenstigsten unter den Kohanim-Töchtern.

Die Parallelgeschichte hat nach Aussage der Autorin die Funktion, »die Kontinuität des Rebellischen und der Solidarität mit Flüchtenden« zu erzählen. Vermutlich wären diese Kapitel entbehrlich, sie ändern aber nichts daran, dass Marcia Zuckermann mit diesem Familienroman ein großer literarischer Wurf gelungen ist.

Marcia Zuckermann: »Mischpoke! Ein Familienroman«. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt 2016, 448 S., 24 €

Berlin

Holocaust: Ausstellung über das Mitwissen der Deutschen

Nach den beispiellosen Verbrechen der Nationalsozialisten sagten viele, das habe man nicht gewusst. Wie glaubwürdig war das? Die Topographie des Terrors in Berlin widmet sich der Frage

 24.03.2026

Sachsen

Rund 1000 Veranstaltungen zum »Jahr der jüdischen Kultur«

Unter dem Titel »Tacheles« steht in Sachsen 2026 das jüdische Leben im Mittelpunkt. Zahlreiche Akteure beteiligten sich. Das Programm wächst noch immer

von Katharina Rögner  24.03.2026

Lebende Legende

Barry Manilow kündigt erstes Studioalbum seit fast 15 Jahren an

Stilistisch soll das Werk verschiedene Richtungen verbinden – von klassischen Balladen bis hin zu Elementen aus R&B, Rock und Gospel

 24.03.2026

In eigener Sache

»Jüdische Allgemeine« reagiert auf Rüge des Deutschen Presserats

19 Rügen verteilt der Presserat an die deutsche Medienlandschaft. Eine davon geht an die »Jüdische Allgemeine« - wegen angeblicher gravierender Ehrverletzung eines in Gaza getöteten Journalisten

 23.03.2026

Hollywood

»Enigma Variations«: Aaron Taylor-Johnson übernimmt Hauptrolle in neuer Serie

Im Zentrum der Handlung steht eine Figur namens Paul, deren Leben durch verschiedene Beziehungen geprägt wird. Die Geschichte beleuchtet Fragen von Identität, Begehren und Liebe

 23.03.2026

Filmklassiker auf der Bühne

Premiere in Hamburg: »Zurück in die Zukunft« als Musical

In den 1980er-Jahren war der Film ein Riesenerfolg. Als Musical feierte die Komödie am Wochenende in Hamburg Premiere. Bob Gale, der jüdische Co-Autor der Filmtriologie, schrieb das Musical

 23.03.2026

Jubilar

»Mikrofon für die Seele«: Klezmer-Musiker Giora Feidman wird 90

Giora Feidman hat die jüdische Klezmer-Tradition in den Konzertsaal gebracht. In einfachen Liedern findet er große spirituelle Tiefe. Mit seiner Musik will der Klarinettist Menschen verbinden – und pflegt bei seinen Konzerten ein bestimmtes Ritual

von Katharina Rögner  23.03.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Mit Fran Lebowitz und Larry David in der Ringbahn – ein Traum

von Katrin Richter  22.03.2026

Geburtstag

Für immer Captain Kirk: William Shatner wird 95

Mit der »Enterprise« brach er in den 60er Jahren in die »unendlichen Weiten« des Weltalls auf. »Star Trek« machte den jüdischen Schauspieler weltberühmt

von Holger Spierig  22.03.2026