Experiment

Fahrstunden für Fische

Goldfische sind universell navigationsfähig. Foto: Getty Images/iStockphoto

»Fisch sucht Fahrrad« – so lautet das Motto einer beliebten Single-Partyreihe in Deutschland, auf der einsame Herzen älteren Semesters zusammenfinden können. Nun sind Fische auf Zweirädern aus vielerlei Gründen eine klare Fehlbesetzung und gehören deshalb eher ins Reich der Legenden. Schuppige Wasserbewohner, die Auto fahren können, scheint es unterdessen wirklich zu geben. Genauer gesagt: Goldfische, die ein motorisiertes Aquarium auf Rädern durch die Gegend bugsieren.

Das jedenfalls haben Verhaltensforscher der Ben-Gurion-Universität in Beer Sheva herausgefunden. Sie wollten wissen, ob Lebewesen in der Lage sein können, sich auch außerhalb ihres angestammten Biotops zurechtzufinden. Dafür konstruierten sie eigens ein »Fish Operated Vehicle« (FOV), das aus einem Fahrgestell mit vier Elektromotoren besteht, die jeweils ein Rad antreiben, auf das wiederum ein transparenter Plexiglas-Wassertank montiert wurde.

Ferner wurden zahlreiche Sensoren verbaut sowie ein simpler Einplatinencomputer zwecks Steuerung. In die Mitte des Beckens platzierte man einen Stab, auf dem eine Kamera montiert wurde. Sie sollte erfassen, wohin es den Goldfisch gerade zieht. Schwimmt er beispielsweise zu einer Außenwand, gibt sie die Information an die Motoren weiter, woraufhin das Gefährt sich in die gleiche Richtung in Bewegung setzt.

WEGE Nun erteilte man sechs Goldfischen quasi Fahrstunden. Zuerst wurden sie konditioniert, Wege innerhalb eines kleinen Raums zu finden. Gelang ihnen das, erhielten sie eine kleine Belohnung in Form von Futterpellets. In einem nächsten Schritt befestigten die Forscher eine solche Belohnung vis-à-vis des Wassertanks, irgendwo sichtbar an einer anderen Wand. Bald schon begriffen die Goldfische, dass sie das FOV den Fischpellets näher bringt, sobald sie in ihre Richtung schwimmen. Aber nicht nur das: Nach einigen Wochen Training lernten sie sogar, Hindernisse zu umfahren oder im Falle von mehreren Zieloptionen genau die richtige anzusteuern.

Ein ähnliches Experiment hatten Wissenschaftler der Universität Eindhoven schon 2014 gewagt.

»Tatsächlich waren die Goldfische in der Lage, die terrestrische Umgebung zu erkunden und dabei Sackgassen zu vermeiden und Ungenauigkeiten zu korrigieren«, schreibt Ronen Segev, einer der an dem Projekt beteiligten Verhaltensforscher, auf Twitter. Und manche von ihnen konnten das Vehikel nahezu perfekt fahren, andere bewegten es dagegen mit weniger Geschick, was beinahe menschlich klingt. Wichtig aber war vor allem eine Erkenntnis: »Die Versuchsreihe deutet auch darauf hin, dass die Navigationsfähigkeit universell und nicht spezifisch auf eine Umgebung ausgerichtet ist«, bringt es Shachar Givon, einer der Initiatoren der Studie, auf den Punkt.

FÄHIGKEITEN »Darüber hinaus zeigt sich, dass Goldfische die kognitiven Fähigkeiten besitzen, komplexe Tätigkeiten in einer Umgebung zu erlernen, die völlig anders ist als die, in der sie sich entwickelt haben. Jeder, der schon einmal versucht hat, Fahrrad- oder Autofahren zu lernen, weiß, dass dies am Anfang eine große Herausforderung sein kann.«

Ein ähnliches Experiment hatten Wissenschaftler der Universität Eindhoven schon 2014 gewagt. Auch sie konstruierten ein Gefährt, mit dem Fische auf große Fahrt gehen konnten. Nur war das alles nicht allzu ernst gemeint. »In einem Versuch, Fische auf der ganzen Welt zu befreien, wurde das erste selbstfahrende Auto für sie entwickelt«, hieß es dazu von den Studenten.

Ob nun Meeresbewohner an Land zwingend hilflos sind oder lernen können, sich auch dort zu orientieren, stand bei ihnen nicht auf der Agenda wie bei den Forschern in Israel. Deren Versuchsreihe war übrigens von dem internationalen »Human Frontier Science Program« gefördert worden. Es unterstützt besonders innovative und interdisziplinäre Grundlagenforschung, die sich auf Mechanismen lebender Organismen fokussiert. Der Name verrät bereits die Absicht: Man will Forschung an den »Grenzen der Wissenschaft« vorantreiben und komplexen biologischen Prozessen auf den Grund gehen. Und dazu gehören eben auch Fahrstunden für Fische.

Essay

Ich habe Xavier Naidoos öffentlicher Abbitte geglaubt ...

Da steht er also wieder vor dem Kanzleramt. Nicht als Sänger, nicht als geläuterter Rückkehrer, nicht als jemand, der seine eigenen Irrwege wirklich aufgearbeitet hätte, sondern als Lautsprecher für den nächsten verschwörungsideologischen Ausnahmezustand

von Serdar Somuncu  28.02.2026

»Brüllender Löwe«

Präventivschlag gegen Iran: Die Lage im Überblick

Nach dem gemeinsamen Angriff Israels und der USA auf den Iran reagieren die Behörden auf die erhöhte Sicherheitslage. Die Lage im Überblick

 28.02.2026 Aktualisiert

Standpunkt

Braucht es ein Verbot?

Warum gerade Juden einen Social-Media-Stopp für Jugendliche unter 16 Jahren unterstützen sollten

von Daniel Neumann  27.02.2026

Musik

Der große Romantiker: Bruno Mars ist der König des Soul

Das Warten hat sich gelohnt. Mit »The Romantic« zeigt der 40-jährige Künstler mit jüdischem Familienhintergrund, dass er weiter in einer eigenen Liga spielt

von Philip Dethlefs  27.02.2026

Berlin

Wegner: Berlinale darf nicht für Propaganda genutzt werden

Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) nimmt zum jüngsten Skandal bei den Filmfestspielen Stellung

 27.02.2026

Online-Hass

Hugh Laurie und die Anti-Zionisten

Der britische Filmstar Hugh Laurie wurde zum Ziel von Anti-Zionisten, nachdem er öffentlich um die verstorbene israelische Produzentin Dana Eden getrauert hatte

 27.02.2026

Debatte

»Sie war mehr als froh, als alles zu Ende war«: Berlinale-Kreise: Tuttle überfordert und resigniert

Wie geht es nach Debatten um die Berlinale weiter? Eine Krisensitzung bringt nach Angaben des Kulturstaatsministers keine Entscheidung - zumindest vorerst

 26.02.2026

Interview

»Lachen statt verzweifeln«

Ein Gespräch mit der Meme-Künstlerin ruth__lol über jüdischen Humor, die komische Seite des Antisemitismus und eine Leerstelle in den sozialen Medien

von Joshua Schultheis  26.02.2026

Reaktionen

»Plattform für antisemitische Hetze«: Das sagen Künstler und Politiker zur geplanten Tuttle-Absetzung

Wolfram Weimer will die Berlinale-Chefin nach dem jüngsten Antisemitismus-Skandal absetzen. Das sorgt – so wie die Rede von Abdallah Alkhatib – für kontroverse Diskussionen. Ein Überblick

 26.02.2026